09.04.2010 · Die Berliner Wohnungsgesellschaft GSW geht nun ernsthaft ihren Börsengang an. Der Zeitpunkt ist günstig: Stabile Mieteinnahmen und ein gewisser Inflationsschutz drängen den Kurssturz von Immobilienaktien in der Krise in den Hintergrund.
Von Steffen UttichSpätestens Ende Juni will die GSW Immobilien AG an der Börse notiert sein. Mit dieser klaren Ansage beendete das Berliner Wohnungsunternehmen am Freitag monatelange Spekulationen über einen bevorstehenden Börsengang. Zuletzt hatte sich das Vorhaben verzögert, weil dem Land Berlin als früheren Besitzer noch die notwendige Zustimmung abgerungen werden musste. In der vergangenen Woche bestätigte der rot-rote Senat die Börsenpläne.
Die auf den Berliner Wohnungsmarkt fokussierte Gesellschaft mit derzeit rund 49.700 Wohneinheiten im Bestand war 2004 von dem Goldman-Sachs-Fonds Whitehall und dem Finanzinvestor Cerberus für 405 Millionen Euro gekauft worden. Allerdings übernahmen die neuen Besitzer auch Schulden von 1,6 Milliarden Euro.
Börsenumfeld günstig für Neuemissionen
In der Mitteilung machte das Unternehmen keine Angaben darüber, wie hoch der Anteil ist, der über die Börse verkauft werden soll. Allerdings dürften es letztlich mehr als 50 Prozent sein, weil nur dann eine Zustimmung des Senats erforderlich ist. Ob das Paket gleich auf einmal oder in mehreren Schritten verkauft wird, ist derzeit noch offen.
In Finanzkreisen wird über ein Volumen von rund 500 Millionen Euro spekuliert, bei einer geschätzten Marktkapitalisierung von derzeit um die 950 Millionen Euro. In diesen Größenordnungen wäre der GSW die Aufnahme in den Nebenwerteindex M-Dax jedenfalls sicher.
Das Börsenumfeld erscheint derzeit wieder günstig für Neuemissionen. Im vergangenen Monat ging es auf dem deutschen Markt für Börsengänge nach der Beobachtung des Finanzinformationsdienstes Bloomberg so rege zu wie seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 nicht mehr. Insgesamt hätten sich Börsenneulinge 1,7 Milliarden Euro beschafft.
Dass sich der Kapitalmarkt auch den Immobiliengesellschaften wieder öffnet, ließ sich zuletzt an den Kapitalerhöhungen von Deutsche Euroshop AG und DIC Asset AG ablesen. Die auf großflächige Einkaufszentren spezialisierte Euroshop verzeichnete für 123 Millionen Euro neue Aktien eine Nachfrage von 600 Millionen Euro. Für das Angebot der auf Gewerbeimmobilien spezialisierten DIC von 47 Millionen Euro belief sich die Nachfrage auf 209 Millionen Euro.
Stabile Mieteinnahmen
Allerdings muss der Börsenkandidat aus Berlin auch darauf setzen, dass die Erinnerung an die massiven Kursverluste von Wohnimmobiliengesellschaften im Zuge der Finanzkrise allmählich verblasst. Hinter den Kursaufschlägen von Colonia Real Estate, Gagfah und Patrizia Immobilien zwischen 60 und 100 Prozent über die vergangenen zwölf Monate gerät fast schon aus dem Blick, dass der Verlust über die vergangenen drei Jahre immer noch 67 Prozent bei der Gagfah-Aktie, 78 Prozent bei der Patrizia-Aktie und 88 Prozent bei der Colonia-Aktie beträgt.
Lediglich der Deutsche Wohnen war in den vergangenen Monaten keine Kurserholung vergönnt. Mit einer Kapitalerhöhung war vor einem halben Jahr der Substanzwert verwässert worden.
Vergessen machen soll die massive Enttäuschung vor allem der Hinweis auf stabile Mieteinnahmen. „Ein hoher Anteil der Mieter des Unternehmens verfügt über indirekte Privateinkünfte, beispielsweise Rentner, und ist deshalb zyklischen Einflüssen nur relativ geringfügig ausgesetzt“, heißt es in der GSW-Mitteilung vom Freitag.
Auch Annington liebäugelte mit Börsengang
Die Nachfrage in der Anlegerschaft nach Wohnimmobilienengagements besteht durchaus. Nachzulesen ist das zum Beispiel im aktuellen Trendbarometer für den deutschen Immobilien-Investmentmarkt von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young Real Estate. Danach wollen inzwischen 60 Prozent der befragten institutionellen Großanleger in diesem Marktsegment investieren.
„Einst waren Wohnungen das Stiefkind der Institutionellen, jetzt stehen sie wegen ihrer Wertstabilität massiv im Fokus“, kommentierte Christian Schulz-Wulkow, Partner bei Ernst & Young Real Estate, das Ergebnis. Zudem sollen Wohnimmobilien nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft sicherer vor Inflation schützen als Büroobjekte, was als Verkaufsargument im Rahmen des Börsengangs sicher auch noch eine Rolle spielen dürfte.
Hinter der GSW steht allerdings noch ein viel größerer Brocken als möglicher Börsenkandidat bereit. Die Deutsche Annington, mit 217.000 vermieteten und verwalteten Wohnungen das größte Unternehmen diese Art im Lande und im Besitz des britischen Finanzinvestors Terra Firma, hatte schon einmal mit einem Börsengang geliebäugelt, diese Pläne aber angesichts der Verwerfungen am Aktienmarkt in der Finanzkrise zurückgestellt.
Steffen Uttich Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.
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