Home
http://www.faz.net/-gv7-9t9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Börsengänge Ein bisschen Luxus auf dem Kurszettel

16.05.2011 ·  Es gibt wieder Börsengänge. Prada, Samsonite, Osram - selten drängten so viele bekannte Firmen an die Börse. Die Anleger können sich freuen. Denn die Unternehmen sind kerngesund.

Von Dyrk Scherff
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (1)

Was waren das doch für tolle Zeiten, als es den Neuen Markt noch gab und die Kurse nur nach oben schossen, damals um die Jahrtausendwende. Da kamen fast jede Woche eine oder mehrere Internetbuden an die Börse, mit Namen, die keiner kannte. Je größer deren Verluste waren, umso besser. Sie wurden gekauft wie wild. Denn sie versprachen schon nach ein paar Handelstagen horrende Kursgewinne.

Diese paradiesische Anlegerwelt ist lange vorbei. Heute ist die Öffentlichkeit schon froh, wenn sie in Deutschland wenigstens alle paar Monate einmal einige Börsengänge erlebt. Und selbst dann ist noch nicht mal gesagt, dass sich die Kurse hinterher überdurchschnittlich entwickeln.

Prominente Namen

In diesem Jahr könnten es sogar etwas mehr Börsengänge als sonst werden. „Wenn die Börsenstimmung stabil bleibt und keine große Unsicherheit aufkommt, erwarte ich ein gutes Börsengangs-Jahr mit rund zehn größeren neuen Unternehmen auf dem Kurszettel“, sagt Josef Ritter, in der Deutschen Bank verantwortlich für Börsengänge im deutschsprachigen Raum. Anders als während des Internet-Hypes um das Jahr 2000 werden die Anleger Firmen mit Qualität bekommen, die Gewinne erzielen. Und deren Namen sie schon seit Jahren kennen.

Denn 2011 stehen auf den Bewerbungszetteln so viele prominente Namen wie selten zuvor. Herausragend sind Prada, Samsonite oder die amerikanische Donut-Kette Dunkin Donuts. Renommiertester Börsenkandidat in Deutschland dürfte der Glühbirnenhersteller Osram werden, nachdem die Reederei Hapag-Lloyd ihre Pläne gerade zurückgestellt hat. Weniger bekannt ist dagegen der vermutlich größte deutsche Börsengänger des Jahres, der Spezialchemieproduzent Evonik. Die größte Emission der Welt legt derzeit der Schweizer Rohstoffhändler Glencore hin, der bis zu 6,3 Milliarden Euro einsammeln könnte.

Konjunkturglaube mach Konsum-Aktien beliebt

Dass sich die renommierten Namen unter den Börsenaspiranten häufen, dürfte auch daran liegen, dass unter den Anlegern derzeit Konsumaktien beliebt sind. Solche Titel sind eher bekannt als Firmensoftware-Anbieter oder Maschinenbauer. Beliebt sind sie, weil der Konjunkturaufschwung allgemein als robust gilt. „Die Leute haben mehr Geld in der Tasche und geben es auch lieber aus als in den Jahren zuvor. Das beflügelt Konsumaktien“, sagt Kay Steffen, der in der DZ Bank für Aktienplazierungen zuständig ist. Wenn es einer Branche gut geht, wagen sich mehr Firmen an die Börse.

Hinzu kommt, dass sich bekannte und erfolgreiche Unternehmen meist erst in der zweiten Phase eines Konjunkturaufschwungs an den Markt trauen. Dann können sie höhere Preise erzielen als kurz nach einer Rezession. Die großen Firmen können auch eher mal ein oder zwei schlechte Jahre warten, anders als kleine, schnell wachsende Unternehmen, die dringender Geld brauchen.

Kritische Käufer

Der Zufall will es zudem, dass viele bekannte Unternehmen derzeit in der Hand von Private Equity-Firmen sind, wie etwa Dunkin Donuts, Moncler oder Samsonite. Sie wollen ihre Beteiligungen irgendwann zu Geld machen und mussten wegen der Finanzkrise schon länger auf einen Ausstieg warten, als sie gedacht hatten. Jetzt sind die Zeiten für Verkäufe besser, denn die Käufer haben wieder Geld in der Kasse, und der Konjunkturaufschwung macht sie optimistischer. Das treibt die Preise.

Euphorisch und blind für die Risiken wie im Jahr 2000 sind sie aber nicht. Unternehmen, die Verluste schreiben, haben es weiter schwer. Das Geschäftsmodell muss stimmig sein. Und ohne Rabatt auf den Verkaufspreis läuft gar nichts. Schließlich geht der Käufer eines bisher nicht börsennotierten Unternehmens ein größeres Risiko ein, weil er weniger Informationen über die Firma zur Verfügung hat als der Aktionär einer Gesellschaft an der Börse. Denn die muss regelmäßig Quartalsberichte und Ad-hoc-Nachrichten ausgeben und wird von Analysten bewertet. „Derzeit beobachten wir Abschläge auf den fairen Unternehmenswert von bis zu 20 Prozent, historisch erreichten diese Abschläge in unsicheren Marktphasen auch einmal 30 Prozent“, sagt Kay Steffen von der DZ Bank.

Durchwachsene Bilanz

Für Anleger heißt ein solcher Rabatt aber nicht unbedingt, dass Börsenneulinge zu einem guten Geschäft werden. Unsere Grafik zeigt zwar, dass Firmen wie Kabel Deutschland oder der Chemiehändler Brenntag ihren Aktionären seit dem Börsengang im Frühjahr 2010 viel Freude gemacht haben. Es wird aber auch deutlich, dass man kräftig danebenliegen kann. Tom Tailor etwa notiert auf dem Ausgabekurs, während der Markt deutlich zulegte. RIB Software verlor sogar ein Viertel seines Wertes.

Anlegern bleibt daher nichts anderes übrig, als vor dem Kauf genau den Emissionsprospekt und darin vor allem die genannten Risiken zu lesen. Ein Blick auf Konkurrenten und die Branche hilft, die Aussichten einzuschätzen. Analystenreports, die vor dem Börsengang kursieren, sind hingegen mit Vorsicht zu genießen. Sie sind von den Banken aus dem Konsortium geschrieben, das den Börsengang erfolgreich durchführen soll. Kritische Kommentare finden sich dort selten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%