Der Aktienkurs der Deutschen Börse derzeit fast auf dem tiefsten Stand des Jahres. Vor Bekanntwerden der Übernahmeofferte von Nasdaq OMX und ICE für die Nyse Euronext am Freitag hatte das Papier der Deutschen Börse noch gut 54 Euro gekostet, am Mittwoch sind es wenig mehr als 52 Euro.
Der jüngste Kursrückgang wird von Analysten jedoch weniger als Enttäuschung über ein mögliches Scheitern der Fusionspläne der Deutsche Börse AG mit der Nyse Euronext gewertet, sondern gilt vielmehr als Ausdruck der Sorge, dass die Deutsche Börse die Fusion unbedingt herbeiführen will und zur Not den Fusionsvertrag mit der Nyse zu Gunsten der Amerikaner verändern könnte.
Ungeliebte Fusion
Schon bislang kamen die Fusionspläne der Börse am Aktienmarkt nicht gut an. Bevor überhaupt Details zum geplanten Zusammenschluss mit der Nyse publik wurden, hatte der Kurs zwischenzeitlich mehr als 62 Euro betragen. Seit Freitag sind nun zwölf Analysten skeptischer bezüglich der Deutsche Börse-Aktie, keiner ist optimistischer.
Die meisten rechnen nicht mehr mit einer Fusion der Deutschen Börse und der Nyse Euronext und haben aus ihren Kurszielen die geplanten Einsparungen durch die Fusion herausgerechnet. Sie sehen jedoch deutliches Kurspotential für den Fall des endgültigen Scheiterns der Fusionspläne.
„Falls der Deal scheitert, ist die Deutsche Börse-Aktie mehr wert als der aktuelle Kurs“, sagt Roland Pfänder, Analyst der Commerzbank: „Derzeit wird das Papier mit einem Abschlag gehandelt, weil am Markt Angst vor einem deutlich höheren Angebot für die Nyse Euronext besteht.“ Nach seiner Ansicht dürfte eine solche Erhöhung jedoch erst kurz vor der Aktionärsversammlung der Nyse-Aktionäre im Juli erfolgen. „Bis dahin kann die Deutsche Börse abwarten, ob das neue Angebot von Nasdaq und ICE Bestand hat oder ob größere Hindernisse politischer, regulatorischer oder finanzieller Art auftauchen“, sagt Pfänder.
Wenn es bis dahin Bestand habe, sei der Erhöhungsspielraum für die Deutsche Börse jedoch gering, da sonst die Aussichten auf eine Akzeptanz der eigenen Aktionäre verloren ginge: „Den Anteilseignern der Deutschen Börse ist klar, dass ihr Unternehmen auch alleine am Markt sehr gut bestehen kann.“
Die operativen Chancen bleiben liegen
Martin Peter, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg, rechnet erst nach einem Paradigmenwechsel in der Deutschen Börse wieder mit deutlich höheren Bewertungen der Aktie. „Die jetzige Führung unterliegt offenbar der Illusion, nur durch Größe konkurrieren zu können“, sagt Peter: „Die Management-Kapazitäten werden auf Übernahmen konzentriert und so bleiben operative Chancen liegen.“
So tätige die ICE mittlerweile 10 Prozent ihrer Umsätze in der Abwicklung außerbörslicher Geschäfte mit Kreditabsicherungen (CDS). Die Deutsche Börse hingegen verbuche auf ihrer entsprechenden Plattform so gut wie keinen Umsatz. „Die Forcierung dieses Geschäfts müsste eigentlich höchste Priorität haben, denn die Banken werden kaum mehr als zwei Anbieter akzeptieren.“ Am Markt herrsche nun aber der Eindruck, die Deutsche Börse wolle um jeden Preis Teil einer Großfusion sein, was zu einem erheblichen Bewertungsabschlag führe.
Gescheiterter Zusammenschluss der Börsen aus Singapur und Australien
Die meisten Analysten gehen nicht davon aus, dass eine Fusion zwischen Deutscher Börse und Nyse Euronext zustande kommt. Das Angebot von Nasdaq und ICE gilt zwar als strategisch weniger durchdacht und aus einer Not der Nasdaq heraus geboren, ist aber finanziell für die Nyse-Aktionäre weitaus attraktiver. Da die Deutsche Börse mit den Fusionsplänen bei ihren Aktionären auf keine große Begeisterung gestoßen ist, gilt eine signifikante Verbesserung der Fusionsvereinbarung zugunsten der Amerikaner als kaum durchsetzbar.
Gegen die Fusion spricht auch der am Dienstag gescheiterte Zusammenschluss der Börsen aus Singapur und Australien. Dies sei nicht im „nationalen Interesse“ Australiens, teilte die Behörde für die Genehmigung von Auslandsinvestitionen in Australien mit. Nationale Befindlichkeiten spielen bei Börsenfusionen eine große Rolle. Einen Eindruck davon vermittelten auch Äußerungen amerikanischer Politiker nach Bekanntwerden der Fusionspläne der Nyse mit der Deutschen Börse. Von einem Ausverkauf des Nationalsymbols Wall Street war die Rede. Solche Hindernisse tauchten bei einer amerikainternen Lösung nicht auf.
Analyst Konrad Becker von Merck Finck & Co weist darauf hin, dass unabhängig vom Zustandekommen einer Fusion zwischen Deutscher Börse und Nyse Euronext die strukturellen Probleme der etablierten Börsen bestehen bleiben. „Die Konkurrenz alternativer Handelsplattformen arbeitet zu einem Bruchteil der Kosten“, sagt Becker: „Die hohen Gewinnmargen der Börsen werden daher künftig immer weiter sinken.“