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Nach Brexit-Schock : Den Börsen drohen heftige Kursstürze

  • Aktualisiert am

Ein Händler in Tokyo schaut sich die fallenden Kurse nach dem Brexit-Entscheid der Briten an. Auch in Europa werden massive Kurseinbrüche erwartet. Bild: AP

Die im Dax notierten Aktien sind nach der Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt vorbörslich auf Talfahrt gegangen. Die Kurse einiger Unternehmen rutschen vor Handelsbeginn um mehr als zehn Prozent ab.

          Nach der Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, werden heftige Kursstürze beim Handelsstart an den europäischen Börsen erwartet. Der Finanzdienstleister CMC Markets erwartete für Freitagmorgen ein Minus von sechs Prozent beim Deutschen Aktienindex, die Deutsche Bank-Indikationen gehen sogar von einem Minus von 10 Prozent aus. Die Börse in London könnte demnach um sieben Prozent einbrechen. Der Finanzdienstleister ETX Capital sagte für London ebenfalls ein Minus von sieben Prozent voraus.

          In den vergangenen Tagen hatte sich an den Märkten die Überzeugung ausgebreitet, dass die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen würden. Laut der BBC lag am Morgen aber nach Auszählung fast aller Stimmen das Brexit-Lager uneinholbar vorn.

          In Asien und Australien sackten die Börsen bereits ab, als sich in der Nacht diese Entwicklung andeutete. Die Börse in Tokio verlor zwischenzeitlich mehr als acht Prozent und schloss 7,92 Prozent im Minus. In Hongkong verlor der Leitindex zeitweise 5,11 Prozent, die Börsen in Sydney und Seoul rutschten um jeweils mehr als drei Prozent ab. In Shanghai betrug das Minus mehr als ein Prozent.

          "Bis gestern hatte Europa ein Problem, jetzt ist erst mal Panik"

          Aus Angst vor einer Wirtschaftskrise auf der Insel und einer Abkühlung der weltweiten Konjunktur flohen Anleger in Scharen aus Pfund Sterling und Euro. Beide Währungen brachen so stark ein wie noch nie. Investoren griffen stattdessen zu Gold, Schweizer Franken und Bundesanleihen. "Bis gestern hatte Europa ein Problem, jetzt ist erst mal Panik", sagte der Europa-Chefvolkswirt der Nordea Bank, Holger Sandte, der Nachrichtenagentur Reuters. "Die Finanzmärkte werden einige Tage brauchen, um den Schock zu verarbeiten."

          „Die Regierung in London, die Bank von England und die Europäische Zentralbank werden unter unmittelbarem und immensem Druck stehen, die Märkte zu beruhigen“, sage Bill O’Neill, Leiter der britischen Vermögensverwaltung der Großbank UBS.  „Aber die Märkte werden nicht warten. Sie werden zuerst überreagieren und später nachdenken.“  „Ich erwarte, dass die Notenbanken mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit gehen werden, alles notwendige zu tun, um die Märkte zu stabilisieren“, sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg der F.A.Z.. Die Bank von England und die Europäische Zentralbanken würden Liquidität für die Banken bereitstellen und auch „Swap-Vereinbarungen“ reaktivieren, erwartet Schmieding. Dadurch würde sichergestellt, dass die EZB die Banken auch mit Liquidität in britischer Währung versorgen kann und umgekehrt die Bank von England die Institute mit Euro. 

          Briten für EU-Austritt : Cameron unter Druck

          S&P wird voraussichtlich die Bonitätsnote für Großbritannien senken

          Die Ratingagentur Standard & Poor´s (S&P) wird voraussichtlich ihre Bonitätsnote für Großbritannien senken. Damit zitierte die Financial Times einen Analysten von S&P. Das Pfund ist am Freitagmorgen gegenüber dem Dollar auf den tiefsten Stand seit drei Jahrzehnten gefallen. Es stürze um rund 10 Prozent ab - am Devisenmarkt sind so heftige Kursreaktionen bei wichtigen Währungen wie der britischen sehr selten. Auch an den asiatischen Aktienmärkten fallen die Kurse. Der Goldpreis steigt dagegen stark. Es rollt also bereits eine Fluchtwelle der Anleger in „sichere Häfen“. „Die Entscheidung für den Brexit ist ein Schock für die Märkte, die dieses Risiko im Laufe der Woche schon großteils abgeschrieben hatten“, sagt Schmieding.

          Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, forderte derweil rasches politisches Handeln. "Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen", erklärte er am Morgen.Großbritannien müsse "so weit wie möglich" in den europäischen Binnenmarkt integriert bleiben, forderte Fuest. "Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt." Fuest bezeichnete den Sieg des Brexit-Lagers als "Niederlage der Vernunft".

          Der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint Gropp, sagte "tiefgreifende Konsequenzen" für Großbritannien und Europa voraus, sowohl politisch als auch ökonomisch. Viel werde von den nun anstehenden  Austrittsverhandlungen abhängen. "Am Ende wird hoffentlich klar sein, dass beide Seiten von einer schnellen Einigung nur profitieren können", mahnte er.

          Bank-Aktien verlieren bis zu 15 Prozent

          Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) nannte die Entscheidung der Briten "eine historische Zäsur". Der Brexit sei "ein großer Verlust für alle Beteiligten: Die Briten verlieren an Gewicht auf der weltpolitischen Bühne und zugleich ihren Zugang zum weltweit größten Binnenmarkt." Die EU wiederum müsse den Verlust "ihres wichtigsten Finanzplatzes" London und damit "ihres Tors zum Commonwealth sowie in die USA" hinnehmen.

          Beim Broker Lang & Schwarz waren am Freitagmorgen vor Beginn des Xetra-Handels alle Werte in den großen Indizes Dax, M-Dax und Tec-Dax im Minus. Besonders heftig traf es dabei die Werte im Leitindex. Die Kurse von neun Unternehmen rutschten vorbörslich prozentual zweistellig ab. Negativer Spitzenreiter war dabei die Deutsche Bank mit einem Verlust von fast 15 Prozent, gefolgt von der Commerzbank mit minus 14 Prozent. Die Banken, die sich an den Vortagen noch deutlich erholt hatten, gelten als die großen Verlierer eines Brexit.

          Auch die zuletzt gut gelaufenen Versorger RWE und Eon  verloren deutlich mit jeweils 12 Prozent. Die Aktien des Stahl- und Industriekonzerns Thyssenkrupp  fielen um 14 Prozent. Die Aktien der Deutschen Börse hielten sich mit einem Verlust von 9 Prozent etwas besser. Angesichts des Brexit dürften Fragen um die geplante Fusion mit der Londoner Börse LSE aufkommen.

          Quelle: casc/dpa-AFX/AFP

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