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Börse Wohlstand durch Aktien

19.11.2009 ·  Die Börse macht Millionäre und vernichtet Existenzen. Doch wenn auch der Einzelne mit seinen Papieren unglücklich sein mag, so sind Aktien für die Bevölkerung als Ganzes von unschätzbarem Wert.

Von Daniel Mohr
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Die Erfindung des Perpetuum mobile ist seit jeher der Traum des Menschen. Eine Konstruktion, die, wenn sie einmal in Gang gekommen ist, ohne Zuführung von Energie ewig in Bewegung bleibt. Franz Gustav Wolff wähnte sie im 19. Jahrhundert erfunden zu haben. Er brauche lediglich Kapital, um seine "höchst wichtigste und nützlichste Erfindung des ersten, sich selbst bewegenden Kraft-Maschinen-Wagens" auch produzieren zu können, schrieb er auf seinen Aktien. Die gab er zur Finanzierung des Kaufs einer Fabrikhalle zu je 100 Gulden aus. Das "ehemalige Hotel Lutz vor dem rothen Thore in Augsburg" sollte der Produktionsort für die bereits fertig entwickelte "Fahrmaschine" sein, die ohne Brennstoffzufuhr eine Leistung von 60 PS erbringen sollte. Der Erfinder hielt es sogar für möglich, die Leistung auf 2000 PS zu steigern und damit die Dampfmaschine überflüssig zu machen.

Um den Kauf der Aktie schmackhaft zu machen, versprach Wolff den Aktionären neben einer Silbermedaille mit dem Abbild der Erfindung auch eine jährliche Rente von mindestens 10 bis 12 Gulden zuzüglich einer veränderlichen Dividende. "Ganz sicher" könne zudem damit gerechnet werden, dass die Zahlungen immer höher steigen würden. Schließlich bedürfe es für den Betrieb der Maschine keines Brennmaterials, "weder Luft noch Wasser", und "jedermann, selbst der Furchtsame", könne mit voller Ruhe und Sicherheit Eisenbahn, Schiffe und sonstige von dem neuen Wundergerät betriebene Maschinen nutzen.

Aktionäre galten zunächst als blauäugige Dummköpfe

Als Garanten für den Erfolg des Vorhabens sollten neben der Erfindung selbst angeblich 2332 Teilhaber an der Unternehmung dienen. Die Aktien waren mit einem roten Lacksiegel mit Wappen und dem Aufdruck "Patienta voncit omnia" (Geduld besiegt alles) versehen und von Franz Gustav Wolff am 12. Oktober 1849 im Namen der "deutschen General-Central-Maschinen-Bau-Direction für ganz Europa" unterzeichnet worden. Doch selbst die geduldigsten Aktionäre bekamen ihr Geld nicht wieder. Wolff war ein Schwindler. Er hatte weder 2332 Investoren gefunden noch Interesse an dem Gebäude in Augsburg bekundet. Und das Perpetuum mobile hatte er auch nicht erfunden.

Die Zeichner der Aktie waren in diesem Fall blauäugige Dummköpfe. Doch der Glaube an eine angebliche Erfindung, die bis dahin als unvorstellbar galt, hat auch große Vermögen begründet. Die mutigen Anleger haben damit aber nicht nur ihr Vermögen gemehrt. Sie haben durch die Bereitstellung von Risikokapital erst dafür gesorgt, dass viele Erfinder ihre Entdeckungen in eine industrielle Produktion umwandeln und so den Nutzen der Erfindung verbreiten konnten.

Auch etliche Infrastrukturvorhaben wären ohne das Geld risikobereiter Anteilseigner an den Vorhaben nie umgesetzt worden. "Ohne die Entstehung von Aktiengesellschaften hätte es die Industrialisierung nicht gegeben", sagt Wertpapierhistoriker Jakob Schmitz. "Angefangen von der Eisenbahn über die Elektrifizierung bis hin zu Autos und Flugzeugen: nichts hätte ohne Aktien eine schnelle Verbreitung erfahren."

Das Problem der Erfinder und Pioniere ist seit jeher stets das Gleiche: Für die Umsetzung ihrer Ideen brauchen sie Kapital. Ein Einzelner ist dies oft nicht bereit zu geben. Das Risiko eines Fehlschlags ist einfach zu hoch. Der große Vorteil der Aktiengesellschaft ist der Zusammenschluss vieler kleiner Kapitalgeber und damit die Verteilung des Risikos auf viele Schultern. Denn das Risiko des Scheiterns ist nicht gering. Ob in der Industrialisierung oder in der Verbreitung von Computer oder Internet: Die meisten Unternehmungen gingen schief. "Von 100 Unternehmern mit der gleichen Idee haben am Ende immer nur ganz wenige Erfolg", sagt Schmitz. "Wer aber diesen Unternehmen als Aktionär früh sein Geld zur Verfügung gestellt hat, wurde dafür reichlich entlohnt."

Um das Jahr 1600 wurde den Holländern zuerst klar, welche Vorteile das Finanzierungsmodell über die Ausgabe von Aktien hat. Sie waren im Handel mit Gewürzen aus Asien sehr aktiv. Zunächst transportierten sie auf dem Landweg Zimt, Nelken, Muskat, Pfeffer und einige andere Gewürze von Asien nach Europa. Die Entdeckung des Seeweges um das Kap der Guten Hoffnung herum nach Ostindien eröffnete neue Handelswege, machte aber auch schnell klar, dass die oft Jahre dauernde Schifffahrt ein teures und riskantes Unterfangen für einen einzelnen Kaufmann war. Von den ersten Schiffsflotten, die sich auf den weiten Weg machten, kehrte oft nur die Hälfte der Schiffe zurück.

1602 schlossen sich deshalb holländische Kaufleute zur Vereinigten Ostindienkompanie (VOC) zusammen. Jedem Bewohner der Vereinigten Niederländischen Provinzen stand es frei, sich an der Gesellschaft zu beteiligen. 1143 Anteilseigner hatte diese erste Aktiengesellschaft der Welt alsbald, darunter nicht nur Kaufleute, sondern auch Künstler oder Hausbedienstete. Insgesamt kamen so stolze 6,45 Millionen Gulden zusammen, die größte Handelsgesellschaft der Welt war entstanden und ließ die britische East India Company wie einen Zwerg erscheinen.

Eine Aktie hielten die Aktionäre gleichwohl noch nicht in den Händen. Vielmehr bekamen sie eine Quittung darüber, dass sie Kapital einer bestimmten Höhe eingezahlt hatten. In einem Hauptbuch waren alle Anteilseigner eingetragen. Der geschäftliche Erfolg blieb zunächst aus. Den Aktionären musste 1612 mitgeteilt werden, dass sie leider nicht wie geplant ausgezahlt werden könnten. Die Aktiengesellschaft sollte eigentlich nur auf zehn Jahre angelegt sein. Wer also sein Geld wiederhaben wollte, musste einen Käufer für seine Anteilsscheine finden.

Dies belebte den Aktienhandel, der sich bereits in den Jahren zuvor entwickelt hatte - anfangs noch unter freiem Himmel an der Oude Kerk in Amsterdam, von 1608 an in der ersten "Beurs" für Aktien auf der Welt. Der jeden Werktag von 9 bis 14 Uhr stattfindende Handel wird als überraschend liquide beschrieben: "Dem Händeschütteln zum Besiegeln eines Geschäftsabschlusses folgen Geschrei, Beschimpfungen, Unverschämtheiten, Schieben und Stoßen". Der Spekulant "kaut an seinen Nägeln, zerrt an seinen Gelenken, schließt die Augen, macht vier Schritte, spricht dabei mit sich selbst, hält seine Hand an die Wange, als hätte er Zahnschmerzen, und all das wird von einem ständigen Hüsteln begleitet", zitiert der Wirtschaftshistoriker Nial Ferguson in seinem Buch "Der Aufstieg des Geldes".

Für die Anteilseigner der Gesellschaft war der Aktienbesitz eine langfristig lukrative Angelegenheit. Der Aktienkurs war zwar volatil, reagierte er doch sensibel auf Gerüchte über Kriege, Schiffsuntergänge und Plünderungen. Von 1602 bis 1733 stieg der Aktienkurs jedoch auf das Achtfache.

Mit anderen Aktien sind die Anleger der ersten Stunde längst nicht so gut gefahren. Volkswirtschaftlich war ihre Risikobereitschaft gleichwohl von Nutzen: Brücken, Straßen und Schienen wurden zunächst in Großbritannien, später auch andernorts vielfach auf privates Engagement hin erbaut, um den plötzlich steigenden Transportbedarf von Kohle, Erz und Baumwolle besser zu bewältigen. Die zur Finanzierung der Infrastrukturprojekte gegründeten Aktiengesellschaften gingen jedoch vielfach ein. Meist ging ihnen vor Vollendung der Projekte das Geld aus, oder sie waren wirtschaftlich nicht durchdacht genug.

Die größten Reichtümer sind durch Aktien entstanden

Erst als sich größere Gesellschaften bildeten, war ihnen auch wirtschaftlicher Erfolg beschieden. Die Aktionäre ermöglichten damit nicht nur die schnelle Erschließung Englands oder der Vereinigten Staaten durch Eisenbahnen, sondern sie profitierten mitunter auch kräftig von den Wertsteigerungen ihrer Aktien. Der Amerikaner Cornelius Vanderbilt stieg so im 19. Jahrhundert als Großaktionär verschiedener Eisenbahngesellschaften und durch weitere erfolgreiche Börsenspekulationen zum wohl reichsten Mann der Welt auf. Als der "Eisenbahnkönig" 1877 im Alter von 82 Jahren verstarb, wurde sein Vermögen auf mehr als 100 Millionen Dollar geschätzt, was in heutiger Kaufkraft mehr als 100 Milliarden Dollar sein dürften.

Wer frühzeitig den Bedeutungsgewinn des Öls erkannte, konnte gemeinsam mit John Rockefeller und den Aktien der Standard Oil Company reich werden. Bereits 1913 wurde Rockefellers Vermögen auf heute 200 Milliarden Dollar geschätzt. Neben diesen Superreichen ermöglichte der Wagemut vieler Aktionäre jedoch auch zahlreichen Erfindern, ihre Ideen umzusetzen und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Sicherlich am meisten profitierten davon zahlreiche Entdeckungen Thomas Edisons, der sie 1890 in dem Unternehmen Edison General Electric Company vereinigte, die heute noch als General Electric eine der wertvollsten Aktiengesellschaften der Welt ist.

Auch Alexander Graham Bell konnte die Verbreitung des Telefons zunächst durch die Bell Telephone Company und dann die spätere American Telephone & Telegraph Company (AT&T) entscheidend voranbringen. AT&T ist noch heute Amerikas größte Telefongesellschaft. Auch die Massenproduktion von Autos durch Henry Ford wurde erst durch die Gründung einer Aktiengesellschaft ermöglicht. Ebenso bekam die Elektrifizierung durch die Umwandlung von Siemens in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1897 neuen Schub.

Um die Bedeutung der Aktiengesellschaft für das technische und wirtschaftliche Fortkommen ganzer Volkswirtschaften zu belegen, muss aber gar nicht so tief in der Geschichte gegraben werden. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Finanzierungsform der Aktie zum Beispiel den Einzug der Computer begünstigt und die frühen IBM-, Oracle-, Apple- oder SAP-Aktionäre reich gemacht. Auch aus der Internetblase der Jahrtausendwende sind einige Unternehmen als Sieger hervorgegangen.

Wie meist in der Frühphase einer technischen Entwicklung haben die Anleger mit der Mehrzahl ihrer Investitionen in Internetunternehmen zwar Verluste gemacht. Einige wenige Gesellschaften setzten sich jedoch durch, profitierten vom Wagemut ihrer Anleger und konnten durch das zur Verfügung gestellte Kapital ihre Entwicklung vorantreiben. Die Aktionäre von Amazon, Ebay oder Google wurden für ihren Mut mit satten Kursgewinnen entlohnt.

Die Börse hat damit seit jeher Millionäre und sogar Milliardäre geschaffen, aber auch Existenzen vernichtet. Doch nur die Bereitschaft einiger Anleger zum Risiko hat ein sichtbares wirtschaftliches Vorankommen ermöglicht und so den Wohlstand in der westlichen Welt wesentlich begünstigt. Natürlich brauchte es dafür auch Erfinder und Unternehmer, aber ohne das Geld mutiger Aktionäre wären sie nicht weit gekommen. Es wäre daher vielleicht gar nicht so dumm, dem nächsten, der behauptet, er habe das Perpetuum mobile erfunden, Geld zur Verfügung zu stellen. Denn mancher Anleger, der zunächst als blauäugiger Dummkopf galt, wurde dafür später reichlich entlohnt.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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