30.12.2005 · Eine Gesetzesänderung macht in Kürze den uneingeschränkten Handel mit den Gazprom-Aktien möglich. Das dürfte nicht nur positive Wirkungen für den Gaskonzern selbst, sondern für die ganze russische Börse nach sich ziehen.
Der russische Präsident Putin hat am vergangenen Freitag den uneingeschränkten Handel mit den Aktien des staatlichen Gasmonopolisten Gazprom genehmigt. Damit können in Kürze 49 Prozent der Aktien des weltgrößten Gasförderers frei gehandelt werden, 51 Prozent der Anteile des nach Reserven weltweit größten Energiekonzerns bleiben aber in Staatsbesitz. Nach einem jahrelangen Tauziehen ist das weltweit größte Gasunternehmen, das derzeit auf einen Börsenwert von umgerechnet 157 Milliarden Dollar kommt, damit geöffnet für ausländische Anleger.
Dieser von Investorenseite seit langem ersehnte Liberalisierungsschritt ist eine bedeutende Weichenstellung für die gesamte russische Börse. So kommentierte der stellvertretende russische Ministerpräsident und Gazprom-Aufsichtsratschef, Dmitrij Medwedjew, die Unterzeichnung der Dokumente wie folgt: „Dies ist ein wichtiges Ereignis und ein Meilenstein für unseren Aktienmarkt.“ Und Fondsmanager Bill Browder von Hermitage Capital, der mit Gazprom schon einige Streitss ausgefochten hat, ergänzt: „Auf dieses Ereignis haben wir seit über zehn Jahren gewartet. Angesichts der Bedeutung der Gazprom-Aktien kann das neue Gesetz gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das ist wie wenn Ausländern die Beteiligung am saudischen Ölförderer Saudi Aramco, dem weltgrößten Erdölproduzenten, frei gemacht würde.“
Höhere Indexgewichtung winkt
Zum besseren Verständnis: Bisher war der maximal mögliche Anteilsbesitz für Ausländer auf 20 Prozent beschränkt. Außerdem war es ihnen offiziell nicht erlaubt, in die lokalen Aktien zu investieren. Sie konnten nur in die an westlichen Börsen wie Aktien gehandelten, aber deutlich teureren Global Deposit Receipts (GDRs) investieren (deren Wandelbarkeit in lokale Aktien und umgekehrt ist frühestens am Ende des ersten Quartals 2006 zu erwarten).
Ermöglicht wurde die Reformmaßnahme, weil es dem Staat in diesem Jahr gelungen ist, sich eine Kontrollmehrheit von über 50 Prozent an dem Konzern zu sichern. Für Rußland ist Gazprom deshalb von immenser strategischer Bedeutung, weil das Unternehmen 90 Prozent des russischen Gases fördert und knapp 20 Prozent der weltweiten Gasgewinnung kontrolliert. Die konzerneigenen Gasvorkommen werden von Experten auf 78 Milliarden Dollar geschätzt.
Deutlich wird die Tragweite der Entscheidung alleine schon anhand der Reaktion von Morgan Stanley Capital International (MSCI). In Reaktion auf den Beschluß verkündete der weltweit wichtigste Indexbetreiber, daß die Gewichtung der Gazprom-Aktien in zwei Indizes deutlich erhöht wird. Demnach steigt der Anteil des Titels am MSCI Russia Index von bisher 6,3 Prozent auf 42,8 Prozent und im MSCI Emerging Markets Index von 0,4 Prozent auf 3,7 Prozent. In diesem Index steigt Gazprom damit nach dem südkoreanischen Halbleiterhersteller Samsung Electronics zum zweitgrößten Wert auf.
Zudem wird damit gerechnet, daß Gazprom bald eine Notierung seiner Aktien an den großen internationalen Börsen beantragen wird. Der Handel mit Gazprom-Aktien wird bislang einschließlich der russischen Börse Micex auf vier Börsen beschränkt.Ende Januar wird der Wert außerdem in den Russian Trading System Index (RTS) und den Moscow Interbank Currency Exchange Index aufgenommen.
Gazprom soll teuerste Schwellenland-Aktie werden
Da sich aber viele Fondsmanager bei der Zusammensetzung ihrer Portfolios an den Indizes orientieren, könnten die Indexveränderungen der Aktie noch einmal einen zusätzlichen Schub geben. Auch in Vorfreude auf den Liberalisierungsschritt ist der Aktienkurs in diesem Jahr bereits förmlich explodiert. Die nur an russischen Börsen handelbaren lokalen Aktien legten 2005 um 149 Prozent zu und die im Ausland gehandelten GDR´s um 112 Prozent. Die Verantwortlichen bei Gazprom hoffen aber, daß damit das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Erklärtes Ziel ist es, nach der Abschaffung der Handelsbeschränkungen zum höchstbewerteten Unternehmen aus einem Schwellenland aufzusteigen.
Nach der effektiven Freigabe des Aktienhandels, was bei einer zügigen Vorgehensweise theoretisch ab dem 10. Januar der Fall sein könnte, wird es aber zunächst auch viele verkaufswillige Investoren geben. Diese haben in Erwartung einer Liberalisierung schon vor längerer Zeit in den Titel investiert und wollen jetzt eben vereinzelt Kasse machen. Fondsmanager Browder schätzt, daß Ausländer derzeit rund zehn Prozent der Gazprom-Aktien halten. Nach seinen Annahmen könnten aus diesen Beständen noch Aktien im Wert von 4,8 Milliarden Dollar auf den Markt geworfen werden. Diese werde aber vermutlich alleine schon durch die Aktivitäten passiver Index-Fonds wieder wettgemacht, die Gazprom-Anteile im Wert von rund sieben Milliarden Dollar kaufen dürften. Allerdings räumt Browder ein, daß derartige Prognosen zum Anlegerverhalten mit vielen Unsicherheiten behaftet sind.
Trotzdem scheut er sich nicht davor, Überlegungen zu den möglichen Auswirkungen der Veränderungen bei den Gazprom-Aktien anzustellen. Seinen Berechnungen zufolge sind die Schwellenländerfonds derzeit in Russland 20 Prozent untergewichtet. Angesichts der in diesem Jahr stark gestiegenen Kurse an der russischen Börse ist das keine komfortable Ausgangsposition. Und mit der bevorstehenden Höhergewichtung der Gazprom-Aktien in den MSCI-Indizes, deren Umsetzung Ende Februar erfolgen könnte, wird sich diese Untergewichtung noch einmal weiter deutlich erhöhen. Normalerweise kaufen Anleger aus Gier und verkaufen aus Angst. Doch in diesem speziellen Fall könnte es passieren, daß ausländische Anleger aus Angst zu Kaufen beginnen werden, so Browder.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |