Die andauernden Unruhen in Ägypten haben Investoren veranlasst, auch am Wochenende weiteres Geld von den Märkten im Nahen Osten abzuziehen. Nur die Märkte in Kairo blieben angesichts der Umsturzbewegung geschlossen. Bis Freitag hatte der ägyptische Aktienmarkt einen Verlust von 16 Prozent verkraften müssen. Doch auch andere Börsen der Region verzeichneten deutliche Kursverluste. Investoren fürchten, die Demonstrationen könnten auf andere Länder übergreifen. Nach Angaben des Finanzinformationsdienstes Bloomberg verloren am Sonntag die Leitindizes an den Aktienmärkten in Kuweit 2,3 Prozent, in Abu Dhabi 3,7 Prozent, in Oman 3,1 Prozent, in Qatar 2,9 Prozent und in Israel 2,4 Prozent. In Saudi-Arabien erholte sich der Markt mit 2,6 Prozent wieder etwas, nachdem er vergangene Woche 6,4 Prozent eingebüßt hatte. Die Risikoprämien an den regionalen Märkten für Kreditausfallversicherungen schnellten um 3 bis 8 Prozent in die Höhe, im Falle Israels gar um 10,59 Prozent, zeigten Daten von CMA Market Flash.
Die Aufregung ist eine typische Kurzschlussreaktion internationaler Anleger, die allein am ägyptischen Markt 13 Milliarden Dollar in Aktien halten. Die Unruhe über die Entwicklung in den Maghreb-Staaten lastete Ende vergangener Woche schon auf den internationalen Finanzmärkten, wo die seit Wochen zu verzeichnende Kursrally an den Aktienmärkten zu einem jähen Ende kam. Amerikanische Staatsanleihen wurden als „Hort der Sicherheit“ genutzt. Die Rendite zehnjähriger Treasuries gab auf 3,33 Prozent nach. Gold schnellte nach Wochen einer deutlichen Korrektur auf 1341,70 Dollar die Feinunze (31,1 Gramm) empor. Am deutlichsten reagierte der Preis für Rohöl der Sorte WTI, der auf 89,24 Dollar je Barrel (159 Liter) anzog. Rohöl der Sorte Brent näherte sich sogar der Marke von 100 Dollar je Barrel.
Furcht vor Schließung des Suez-Kanal
Die Frage lautet nun, ob dies wieder verstärkt Inflationsängste schürt. Durch den ägyptischen Suez-Kanal und angrenzende Pipelines werden täglich 4 Millionen Barrel Öl gepumpt. Nach Angaben der New Yorker McQuilling Services entspricht dies 4,7 Prozent der globalen Förderung. In den Augen vieler Akteure auf den Finanzmärkten besteht kein Anlass zur Sorge, solange es sich in Ägypten um eine Revolution des Volkes handelt und nicht um den Terror einer politischen Extremistengruppe, die Anschläge auf Kanal und Pipelines ausüben könnte. Wenn der Kanal geschlossen würde, müssten Öltanker den Umweg über die Südspitze Afrikas nehmen, was 18 Tage längere Lieferzeit für Nordeuropa mit sich bringt, aber durch zwischenzeitliche Vorratsnutzung in Europa aufgefangen werden könnte.
Die jüngste Reaktion des Ölpreises wird daher in den Augen der Londoner City als „politische Börse“ und damit als vorübergehend eingestuft. Ernster wäre es, wenn die Unruhen auf Saudi Arabien und damit den mit Abstand wichtigsten Ölproduzenten übergreifen sollten, was an den Finanzmärkten jedoch als extrem unwahrscheinlich angesehen wird. Es sind vielmehr andere Gründe, die Marktteilnehmer wie J.P. Morgan vermuten lassen, dass der Ölpreis im Laufe des Jahres noch deutlich über 100 Dollar je Barrel hinausschießen sollte. Dazu zählen die weitere globale Konjunkturerholung und der Druck auf die erdölproduzierenden Länder, gerade wegen der Unruhen und der steigenden Preise für Grundnahrungsmittel ihre Öleinnahmen zu maximieren, um den sozialen Frieden bezahlen zu können.
Deutschlands Importpreise steigen schnell
Am kommenden Donnerstag wird Jean-Claude Trichet andeuten, wie zügig die Europäische Zentralbank (EZB) gedenkt, eine schärfere Gangart in der Geldpolitik einzuschlagen. Die EZB muss Kapazitätsengpässe und möglicherweise höhere Tarifabschlüsse in Deutschland einkalkulieren. Im Januar ist die Inflation in Deutschland auf 2 Prozent geklettert. Deutschlands Importpreise steigen derzeit so schnell wie seit 30 Jahren nicht mehr – auch eine Folge des über lange Zeit relativ niedrigen Euro-Wechselkurses. Zudem achtet die EZB auf die gesamte Preissteigerungsrate und nicht nur auf die Kerninflation, die erratische Energie- und Nahrungsmittelpreise Außen vor lässt. Sie tendiert deshalb dazu, auf etwaige Inflationsgefahren schneller zu reagieren – in den Augen der Angelsachsen sogar überzureagieren. Die letzte Zinserhöhung der EZB mit Blick auf den extrem hohen Ölpreis im Jahr 2008 – vor der Finanzkrise – wurde daher in der City und an der Wall Street als Fehler angesehen.
Gerade weil an den Finanzmärkten erwartet wird, dass die EZB schneller als die amerikanische Notenbank (Fed), die Bank von England und natürlich die japanische Notenbank reagieren wird, ist die Rendite für zweijährige Staatspapiere des Bundes auf 1,37 Prozent gestiegen. Der Renditeaufschlag der zweijährigen Schatzrendite gegenüber amerikanischen Staatsanleihen hat sich auf 80 Basispunkte ausgeweitet, was den Euro auf 1,37 Dollar steigen ließ. Die Investmentbank Goldman Sachs erwartet, dass der Euro noch auf 1,40 Euro und Ende des Jahres auf 1,50 Dollar klettern dürfte.
Die Fed betreibt eine anderen Politik: Sie achtet auf die derzeitige Kerninflation von 0,8 Prozent und muss die Arbeitslosenquote mit berücksichtigen, die am kommenden Freitag voraussichtlich wieder mit 9,4 Prozent angegeben wird. Die Kerninflation lässt wie gesagt die Energie- und Grundnahrungsmittelpreise Außen vor. Insofern ist die Fed immer noch auf eine Geldpolitik fokussiert, die einer Deflation vorbeugen soll. Gemeinsam mit dem zunehmenden Druck auf die Vereinigten Staaten, das Problem des Haushaltsdefizits und der hohen Staatsschulden anzugehen, signalisiert diese Kombination eher eine nachhaltige Schwäche des Dollar.
In den Schwellenländern haben Grundnahrungsmittel ein viel größeres Gewicht in der Berechnung der Preissteigerungsraten als im Westen. Dort sind die Inflationsgefahren akuter, müssen die Notenbanken also deutlicher reagieren. Gerade deshalb haben global investierende Fondsmanager in den vergangenen Wochen aus den Schwellenländern in westliche Industrieländer, in Rohstoff- und Agrarmärkte umgeschichtet. Dieses Vorgehen könnte sich angesichts der Unruhen im Nahen und Mittleren Osten noch beschleunigen.