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Aktienindizes auf Rekordkurs : Viele Anleger halten Aktien für zu teuer

Fassade der New Yorker Börse in der Wall Street Bild: AP

Große Aktienindizes wie der Dax sind auf Rekordkurs. Die Erwartungen an die Unternehmen steigen. Viele Anleger halten Aktien inzwischen für überbewertet. Dennoch investieren sie weiter an der Börse.

          Viele Aktienkurse haben in diesem Jahr deutlich zugelegt. Der Dax liegt rund 12 Prozent im Plus, der amerikanische S&P 500 hat etwa 9 Prozent an Wert gewonnen. Viele Indizes sind zudem auf Rekordkurs. Das Allzeithoch des Dax beträgt seit diesem Dienstag 12.951 Punkte. Der amerikanische S&P hingegen erreichte schon zum Wochenauftakt einen neuen Rekord. Nicht wenige Investoren zeigen sich denn auch besorgt über die hohen Bewertungen der Aktien. Vor wenigen Tagen gerieten daher die besonders im Kurs gestiegenen Technologieaktien unter Druck.

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          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Eine Umfrage von Bank of America Merrill Lynch unter 210 Fondsmanagern offenbart die Besorgnis. Sie verwalten auf der ganzen Welt zusammen fast 600 Milliarden Dollar. Netto 44 Prozent dieser Anleger halten Aktien inzwischen für überbewertet – um diesen Wert übersteigt der Anteil derjenigen, die dies glauben, den Anteil derer, die vom Gegenteil überzeugt sind. Dies ist der höchste jemals in der Umfrage verzeichnete Wert. Im Mai sagten dies noch netto 37 Prozent.

          Die Anfälligkeit der Märkte für Kursverluste sei sehr hoch, falls die Unternehmen mit ihren Gewinnen enttäuschten, sagt Michael Hartnett, Chefanlagestratege von Bank of America Merrill Lynch. Denn die in den Augen vieler Investoren übertriebenen Bewertungen gingen auf der ganzen Welt mit hohen Gewinnerwartungen einher. Netto 84 Prozent der Fondsmanager sind der Ansicht, dass die Vereinigten Staaten derzeit die am stärksten überbewertete Region der Welt sei was Aktien anbelangt – ebenfalls ein Rekordwert. Drei Viertel halten vor allem Internetaktien für teuer (57 Prozent) oder sehen hier sogar eine Spekulationsblase (18 Prozent). Und dennoch bleibt es für viele Befragte die derzeit beliebteste Wette, auf steigende Kurse an der Technologiebörse Nasdaq zu setzen.

          Bild: F.A.Z.

          Fast die Hälfte der befragten Fondsmanager halten Aktien inzwischen für überbewertet – und bleibe trotzdem investiert, sagt Michael Bissinger, Analyst der DZ Bank. Die Angst, einen weiteren Kursanstieg zu verpassen, sowie das Fehlen von Alternativen wögen offenbar schwer. Zugleich trage weiterhin die Hoffnung auf steigende Unternehmensgewinne, sie halte die Aktiennachfrage hoch. Selbst kritische Stimmen zur Bewertung amerikanischer Technologieaktien hätten die Aufwärtsbewegung nicht stoppen können.

          Positiver erscheint der Blick auf Europa

          Aktuell spreche jedoch wenig für einen abrupten Stimmungswandel, sagt Bissinger. Die allgemeinen Bedingungen für die Aktienmärkte, wie gute Frühindikatoren, ein sich beschleunigendes Wirtschaftswachstum und die wieder deutlich steigenden Gewinne stimmten weiterhin positiv. Trotz der inzwischen hohen Bewertung sollte das zweistellige Gewinnwachstum der Unternehmen die Aktienmärkte weiter nach oben tragen. Und obwohl amerikanische Aktien hoch bewertet seien, fehle es an einer Begründung, Aktien zu verkaufen, sagt Bissinger.

          Dies zeige auch die Umfrage. Die amerikanische Wirtschaft sei stabil und werde es wohl auf absehbare Zeit auch bleiben. Gründe für zwischenzeitliche Kursrückgänge könnten unter anderem die Vielzahl geopolitischer Krisenherde und die unruhige politische Gemengelage rund um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump sein.

          Positiver erscheint der Blick auf Europa. Mit dem Wahlausgang in Frankreich seien die europafeindlichen Tendenzen weiter in den Hintergrund gerückt, sagen Analysten der LBBW. Selbst beim Thema Brexit gebe es nach dem Wahldesaster von Theresa May neue Hoffnung auf einen wirtschaftsfreundlicheren weichen Brexit. Die konjunkturelle Erholung in Europa und das hohe Gewinnwachstum stimmen viele Analysten zudem positiv.

          In der Umfrage halten denn auch viele Fondsmanager europäische Aktien weiterhin für unterbewertet – netto sagten das 18 Prozent der Befragten. Mit Blick auf die Schwellenländer ist fast die Hälfte dieser Ansicht. Dabei haben diese Anleger schon viel Geld im Euroraum investiert, netto rund 60 Prozent sind in Region übergewichtet. Überhaupt sind viele der Fondsmanager noch immer übergewichtet in Aktien. Ihre liquiden Mittel liegen mit durchschnittlich 5 Prozent oberhalb des Zehn-Jahres-Mittels von 4,5 Prozent.

          Sorge vor zu hohen Bewertungen ist übertrieben

          Trotz der erreichten Kurshöhen bleibt auch Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M.Warburg, positiv gestimmt. Zwar seien ohne Zweifel vor allem amerikanische Aktien teuer. Doch im Vergleich zu Staatsanleihen, wo durch die Notenbankaktivitäten kaum noch von Märkten im eigentlichen Sinne gesprochen werden könne, oder einigen Immobilienmärkten sei die Überbewertung von Aktien weit weniger ausgeprägt. Gleiches gelte für „Märkte“, in denen viele Anleger aus Furcht vor hohen Aktienbewertungen unterwegs seien, wie Kunst, Antiquitäten oder Oldtimer.

          Die Vergangenheit habe jedoch gezeigt, dass Bewertungen kein guter Indikator für Wendepunkte seien, sagt Klude. Was teuer sei, könne noch teurer werden, und was billig sei, könne es lange bleiben. Zudem seien Aktien aus Europa oder den Schwellenländern keineswegs eindeutig überbewertet. Solange die Wirtschaft wachse, sollten sich auch die Unternehmensgewinne positiv entwickeln.

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          Alles in allem scheine die Sorge vor zu hohen Bewertungen im Moment übertrieben und ein Schutz vor dem „irrationalen Überschwang“ wie zu Zeiten der Technologie-Blase zu Beginn des Jahrtausends zu sein, sagt Klude. Damals hätten die Kurs-Gewinn-Verhältnisse im Dax und S&P 500 in der Spitze rund 30 betragen, heute seien es etwa 14 und 18.

          Auch fehle die blinde Euphorie, wie unter anderem die hohen liquiden Mittel in den Portfolios zeigten. Doch immer mehr Fondsmanager wähnen sich in der besten aller Welten, dem „Goldi lock“-Szenario – hohe Wachstumsraten, gepaart mit einer geringen Inflation, wobei der Höhepunkt der Wachstumserwartungen nun überschritten scheint. Die Verknappung der chinesischen Kreditvergabe gilt vielen als größtes allgemeines Marktrisiko. An zweiter Stelle rangiert ein Kursrutsch an den Anleihemärkten.

          Quelle: F.A.Z.

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