Aktienanleger können sich in jüngster Zeit nicht beklagen: Die Zugewinne, die sie in den vergangenen Monaten am deutschen Aktienmarkt erzielen konnten, waren relativ hoch: Der F.A.Z.-Index, der die 100 wichtigsten börsennotierten Unternehmen hierzulande umfasst, ist seit Juni um 15 Prozent gestiegen. Im August war es immerhin noch ein Gewinn von 2,5 Prozent.
Diese Zahlen zeigen zwar den Anstieg, sie illustrieren allerdings auch, dass die Kursgewinne zunehmend schwächer werden. Es wird also mühsamer für die Anleger am deutschen Aktienmarkt, eine ansehnliche Rendite zu erzielen. Aktienanalysten sprechen davon, dass den Investoren die Luft ausgeht.
EZB besonders im Blick
Sicher ist: In den kommenden Wochen dürfte es an der Börse eher unruhig werden. Die Volatilität, also die Kursschwankungen an den Märkten, wird aller Voraussicht nach höher sein. Denn es geht nun weniger um Quartalszahlen und handfeste Konjunkturdaten, die stets zu den wichtigsten Kriterien für den Aktienmarkt zählen und die Richtung an der Börse bestimmen. Vielmehr sind es Entscheidungen von Politikern und Vertretern der Zentralbanken, die Anlageentscheidungen der Investoren in diesen Tagen beeinflussen. Selten war der Terminkalender so voll gepackt wie in diesem Monat: „Es gibt eine Menge Knackpunkte in nächster Zeit, die Anleger genau im Blick haben“, sagt Evelyn Herrmann, Europa-Volkswirtin der französischen Bank BNP Paribas. „Das fängt mit Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) zu möglichen Anleihekäufen an, geht über die Wahl in den Niederlanden bis hin zu der Frage, ob Griechenland im Euroraum bleibt.“
Begonnen hat der Termin-Marathon der Politiker und Notenbanken schon am vergangenen Freitag mit dem Notenbanktreffen im amerikanischen Jackson Hole. Der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, bekräftigte seine Bereitschaft zu weiteren Hilfen für die lahmende amerikanische Wirtschaft. Eine weitere geldpolitische Lockerung wird damit wahrscheinlicher. Nachdem die Fed ab Dezember 2008 in zwei Runden Anleihen im Wert von rund 2,3 Billionen Dollar gekauft hat, konnten die Aktienmärkte profitieren. Auch die EZB hat mit ihren Hilfen dazu beigetragen, dass die Börsenkurse steigen.
Nun steht die EZB besonders im Blick: Am Donnerstag wird der Zentralbankrat der EZB tagen. Börsianer wollen erfahren, welche Neuigkeiten es bezüglich des Anleihenkaufprogramms für krisengeplagte Länder wie Spanien und Italien gibt. Hinzu kommt, dass „am 12. September das Bundesverfassungsgericht zum Rettungsfonds ESM entscheidet“, sagt BNP-Paribas-Volkswirtin Herrmann. „Stimmt das Gericht dem ESM zu, sollte dies für Erleichterung an den Finanzmärkten sorgen.“ Weitere Entscheidungen bezüglich der europäischen Schuldenkrise sind zu erwarten, wenn der Troika-Bericht der Europäischen Union, der EZB und des Internationalen Währungsfonds (IWF) über Griechenland veröffentlicht wird. Kurzum: Für Börsianer gibt es viel zu verdauen.
Bankwerte liegen vorne
„Dieses Jahr sind die Aktienkurse vor allem aus zwei Gründen gestiegen“, sagt Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse von Allianz Global Investors: „Es gab die Hoffnung auf mehr Liquidität durch die Zentralbanken. Und zum Zweiten fehlten den Anlegern die Anlagemöglichkeiten, so dass Kapital aus Verzweiflung an die Aktienmärkte geflossen ist.“ Allerdings: „Die Umsätze an der Börse sind immer noch sehr dünn.“ Eine große Zahl von Investoren bleibe dem Aktienmarkt fern. So sank der Umsatz auf dem Computersystem Xetra und im Parketthandel der Börse in Frankfurt im August im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 54 Prozent auf 83,8 Milliarden Euro.
Mit Blick auf die Entwicklung des F.A.Z-Index im August fällt auf: Vorne liegen Bankwerte. So hat im August die Aktie der Aareal Bank 17 Prozent gewonnen. Für die Deutsche Bank war es ein Plus von knapp 14 Prozent. Noch besser lief es nur für die Anleger der TUI-Aktie.
Sind nun Bankaktien wieder gefragt? „Wegen der Finanzkrise und der Schuldenkrise sind Bankaktien hart bestraft worden“, sagt Naumer. „Seit es den Notenbanken gelungen ist, die Anleihenmärkte in Europa zu beruhigen, sind viele Investoren der Meinung, dass der Ausverkauf der Bankaktien übertrieben war.“
September historisch kein guter Monat für die Aktienmärkte
Es war aber nicht nur die Bankbranche, die innerhalb des F.A.Z.-Index im August mit einem Plus von 10 Prozent gut abgeschnitten hat. Auch die Titel aus den Sektoren Versicherungen und Versorger sowie der Telekommunikation waren gefragt. Das liegt nach Einschätzung von Naumer daran, dass „Versicherer und Versorger defensive Branchen sind, die auch in Krisenzeiten weniger stark auf Konjunkturschwankungen reagieren und sich durch ein stabiles Geschäft auszeichnen“.
Allerdings offenbaren sich zunehmend die Konjunktursorgen der Börsianer. So haben sich die Aktien aus der Automobil- und Zulieferindustrie im F.A.Z.-Index schlecht entwickelt - sie führen die Liste der Verlierer an. Negativ war auch das Ergebnis für den Maschinenbau mit einem Minus in Höhe von 2,15 Prozent im August. „Der Aufschwung befindet sich in einer blutleeren Phase“, sagt Naumer. „Der Export gibt nach, der Ifo-Index war mehrfach in Folge schlechter ausgefallen.“ Besonders die Entwicklung der Autowerte zeige, dass es um die Konjunktur nicht gut bestellt sei. „Es ist Sand im Getriebe.“
Historisch betrachtet, ist der September in der Regel kein guter Monat für die Aktienmärkte. „Viele Anleger kontrollieren ihre Portfolios nochmals genauer im Herbst, bevor sie dann auf eine Jahresendrally setzen“, sagt Naumer. Seiner Meinung nach werde sich „der deutsche Aktienmarkt seitwärts entwickeln und bis Ende des Jahres dort stehen, wo er jetzt ist“.
„Deutliche Ermüdungserscheinungen“
Die Analysten der Schweizer Bank Credit Suisse schreiben in einem Bericht zum globalen Aktienmarkt, dass das Gewinnwachstum stagniere und die Bewertungen weniger attraktiv seien als noch im Juni dieses Jahres. „Die Bewertungen erscheinen jedoch nicht maßlos ausgereizt“, heißt es bei der Bank, so dass wir „mit einem erneuten, wenn auch moderaten weltweiten Gewinnwachstum in den kommenden Quartalen rechnen“.
In einem Bericht zum Aktienmarkt der Privatbank Merck Finck steht, dass der Dax die 7000er-Marke angesichts reichlich vorhandener Liquidität und der Aussicht auf mehr überwunden habe. „Nachdem die EZB angekündigt hat, den verschuldeten Euroländern durch großzügige Anleihenkäufe beizuspringen, braucht es für ein deutliches Überwinden dieser Marke nun auch konkrete Schritte.“ Da Italien bis Ende Oktober mehr als 80 Milliarden Euro refinanzieren müsse und Spanien rund 40 Milliarden, „kommt da einiges auf die Märkte beziehungsweise auf die EZB zu“. Da der deutsche Aktienmarkt „deutliche Ermüdungserscheinungen“ zeige, „empfehlen wir eine etwas vorsichtigere Haltung am Aktienmarkt“.
„Verschuldung und Konjunkturschwäche nicht vergessen“
BNP-Paribas-Europa-Volkswirtin Herrmann argumentiert, dass die Anleger die strukturelle Anpassung in den europäischen Peripherieländern wie Spanien derzeit eher weniger beachten, sondern sich auf die Finanzierungsprobleme konzentrieren: „Spanien hat einen Liquiditätsengpass im Oktober, wenn eine Anleihenrückzahlung von 20 Milliarden Euro ansteht. Das lässt Spanien noch Zeit, seine Optionen abzuwägen, obwohl wir davon ausgehen, dass Spanien letztlich weitere Finanzhilfen beantragen wird.“ Andere Analysten verweisen auch auf die ungelösten wirtschaftlichen Probleme Amerikas, der größten Volkswirtschaft auf der Welt, und die negativen Folgen für die Aktienmärkte. So kommen Ende dieser Woche aus den Vereinigten Staaten vielbeachtete Daten zum Arbeitsmarkt.
Doch an der Börse wird eine der wichtigsten Fragen bleiben, ob die Notenbanken die Erwartungen der Anleger erfüllen können. „Die Fed geht schon aggressiv vor und sendet klare Signale, dass es weitere Lockerungen der Geldpolitik gibt“, sagt Kapitalmarktanalyst Naumer. „Auch die EZB wird bereitstehen. Doch trotz der Notenbankhilfen sollte man die grundlegenden Probleme wie die hohe Verschuldung in den Industrieländern und die Konjunkturschwäche nicht vergessen.“
Auch passive, private Anleger spielen eine Rolle
Herr Müller (Huckeltown)
- 06.09.2012, 11:24 Uhr
Notenbanken bewegen Aktienkurse
Heribert Müller (hmtrustag)
- 06.09.2012, 11:20 Uhr