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Biotechnologie-Aktien Ein schwerer Schlag für Biogen Idec

Der amerikanische Biotech-Konzern hat neue Schwierigkeiten mit seinem ohnehin umstrittenen Medikament Tysabri. Die Folge ist ein dramatischer Kurseinbruch. Die Anleger setzen schon auf die Aktien der Konkurrenten Merck KGaA und Bayer.

© AP Vergrößern Eiszeit bei Biogen Idec in Cambridge, Massachusetts: Das Medikament Tysabri sorgt wieder für negative Schlagzeilen

Die Aktionäre des amerikanischen Biotech-Unternehmens Biogen Idec müssen einen weiteren Rückschlag verkraften, und es ist noch nicht abzusehen, wie das Unternehmen diesen verkraften muss. Es geht - wieder einmal - um das Medikament Tysabri, das seit Jahren umstritten ist. Nun mussten Biogen Idec und sein irisches Partnerunternehmen Elan Corp bekanntgeben, dass Tysabri möglicherweise zwei schwere Hirnerkrankungen ausgelöst hat.

Beide Fälle seien in der Europäischen Union aufgetreten, teilten die Unternehmen mit. Ein Patient liege im Krankenhaus. 2005 war das Medikament, das die beiden Konzerne gemeinsam vermarkten, vom Markt genommen worden, nachdem drei Patienten an einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) erkrankten. Mehr als 31.800 Menschen werden mit Tysabri behandelt.

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Dramatischer Kurssturz

Daraufhin brachen die Aktienkurse der beiden Unternehmen ein: Biogen stürzten im nachbörslichen Handel an der Wall Street um 23 Prozent, Elan sogar um 45 Prozent.

Infografik / elan0108 © F.A.Z. Vergrößern

Besonders Elan trifft es hart: Vor wenigen Wochen wurde die Aktie an der Nasdaq noch zu 35,65 Dollar gehandelt. Jetzt ist sie gerade einmal noch 19 Dollar wert. In Euro - der Titel wird auch an der Börse Berlin gehandelt - liest sich das: Der Kurs ist binnen kurzem von 23,22 Euro auf 12,72 Euro gefallen. Für die Aktionäre von Biogen Idec stellt sich die Lage nicht ganz so dramatisch dar, aber ebenfalls negativ: Der an der Nasdaq gehandelte Biotech-Wert ist von 84,75 Dollar auf 69,76 Dollar gestürzt.

Umstrittenes Medikament

Tysabri ist neben Avonex ein zweites Medikament von Biogen Idec gegen Multiple Sklerose. Allerdings ist es seit Jahren umstritten, wurde in der Vergangenheit - im Februar 2005 - schon einmal nach dem Tod zweier Patienten vom Markt genommen und wurde erst im Juni 2006 unter strengen Auflagen wieder zugelassen. Vor allem ist es für Biogen Idec ein Hoffnungsträger: Tysabri soll den deutschen Produkten Rebif von Merck KGaA und Betaseron von Bayer Konkurrenz machen.

Doch wenn Medikamente wegen Nebenwirkungen zurückgerufen werden, ist es für die betroffenen Pharma-Unternehmen in der Regel ein schwerer Schock. Im Herbst 2004 beispielsweise musste der amerikanische Pharma-Konzern Merck & Co. die Vermarktung des Schmerzmittels Vioxx stoppen. Dem Unternehmen brachen Umsätze in Milliardenhöhe weg, der Aktienkurs stürzte ab, und Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe kamen auf Merck zu. Lange hat der Konzern gebraucht, der sich früher vor allem wegen seiner zahlreichen und zum Teil spektakulären Forschungserfolge einen Namen gemacht hatte, um sich von diesem Schlag zu erholen.

Anleger setzen auf Merck

Droht dieses Schicksal nun in der benachbarten Branche Biotechnologie dem Unternehmen Biogen Idec? Davon gehen offenbar zahlreiche Anleger aus. Jedenfalls zählte die Aktie von Merck KGaA am Freitag zu den Spitzenreitern am deutschen Aktienmarkt. Auch Bayer entzogen sich vom allgemeinen Kursverfall - der Dax lag am Vormittag 0,9 Prozent unter dem Vortagsschluss.

Im zweiten Quartal hatte Biogen Idec den Gewinn um 11 Prozent auf 203 Millionen Dollar gesteigert und damit weniger stark als den Umsatz,der um 28 Prozent auf 993 Millionen Dollar zulegte. Allein die Verkaufserlöse mit Tysabri verdreifachten sich im zweiten Quartal auf 200 Millionen Dollar. Damit ist knapp ein Viertel des Umsatzes von Biogen Idec betroffen.

Gründet von einem Nobelpreisträger

Biogen Idec zählt zusammen mit seinen amerikanischen Wettbewerbern Amgen und Genentech zu den größten Biotechnologieunternehmen der Welt. Entstanden ist es im Jahr 2003 nach der Übernahme von Biogen durch Idec. Gegründet wurde Biogen 1978 unter Beteiligung des späteren Nobelpreisträgers Walter Gilbert und vermarktete 1996 erstmals selbst ein Medikament, Avonex, das auch schon gegen multiple Sklerose eingesetzt wird und immer noch ein bedeutender Umsatzträger ist. Idec brachte in die Fusion das Medikament Rituxan ein, das zur Behandlung von Lymphdrüsenkrebs eingesetzt wird.

Rituxan und Avonex machen den größten Teil des Umsatzes von Biogen Idec. Auch deshalb ist Tysabri so wichtig für das Unternehmen: Es soll die wirtschaftliche Abhängigkeit von diesen beiden Medikament verringern und die Innovationsführerschaft erneuern, zumal die Konkurrenz um Avonex immer härter wird. Dabei hatte Biogen Idec bisher wenig Glück mit neuen Produkten. Zevalin und Amevive haben die Erwartungen, die das Unternehmen in sie setzte, bisher nicht erfüllt.

Beschleunigte Zulassung

Tysabri war anfangs so viel versprechend, dass die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA das Zulassungsverfahren sogar beschleunigte. Das neue Mittel sollte nach den Prognosen des Unternehmens innerhalb von drei Jahr das Umsatzniveau von Avonex - damals 1,4 Milliarden Dollar - erreichen. Manche Analysten stellten sogar die Zahl von 3 Milliarden Dollar in den Raum. Der erste Rückzug von Tysabri versetzte die Beschäftigten von Biogen Idec in einen Schockzustand, manche sollen sogar auf den Gängen geweint haben.

Selbst wenn die Folgen für Biogen Idec nicht so dramatisch sein sollten, dürften die Anleger die Aussichten des Titels grundsätzlich neu überdenken. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von mehr als 20 scheint angesichts der Schwierigkeiten mit Tysabri nicht mehr gerechtfertigt.

Quelle: hlr.

 
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Veröffentlicht: 01.08.2008, 11:09 Uhr

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Von Dennis Kremer

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