Die Kreditkrise hat Anlegern in den vergangenen Monaten die Existenz von Risiken wieder vor Augen geführt, die sie zuvor im Rahmen des Kredit getriebenen Scheinbooms lange Zeit einfach ignoriert hatten.
Dazu zählt auch die so genannte Corporate Governance. So bezeichnet man die Wahrhaftigkeit und Offenheit, mit der Marktteilnehmer ihre operative Entwicklung und ihre Ergebnisse kommunizieren. Auch diesbezüglich kam es in den vergangenen Wochen zu einigen Überraschungen.
Bilanz gefälscht - Aktie verliert 78 Prozent
Die aktuellste wurde am Mittwoch in Indien bekannt. Dort erklärte Ramalinga Raju der Vorstandsvorsitzende von Satyam Computer, bislang einer der großen IT-Dienstleistungsunternehmen des Landes, die Bilanz sei gefälscht worden und trat schließlich zurück. Man habe die Verbindlichkeiten zu niedrig ausgewiesen die Bilanz aufgebläht, hieß es. Die Aktie brach daraufhin um 77,5 Prozent ein auf zuletzt 40,25 Rupien. Das ist der tiefste Stand seit zehn Jahren.
Raju hatte versucht, zwei Firmen an Satyam zu verkaufen. In diesem Rahmen sollten fiktive Vermögenswerte in Höhe von 50,4 Milliarden indischen Rupien oder umgerechnet 760 Millionen Euro in der Bilanz des Unternehmens untergebracht werden. Hatte das Unternehmen in der Bilanz im September noch einen Liquiditätsbestand in Höhe von 53,61 Milliarden Rupien ausgewiesen, so ist inzwischen klar geworden, dass davon genau diese 50,4 Milliarden Rupien fehlen.
Gleichzeitig gab Raju zu, die Gewinne aus dem Kerngeschäft über mehrere Jahre schönt zu haben - nicht zuletzt um eine feindliche Übernahme zu vermeiden, wie er argumentierte. Noch in den vergangenen Tagen kursierten Fusions- und Übernahmegerüchte. Die operative Marge des Unternehmens lag im dem Ende September endenden Quartal bei gerade einmal drei Prozent, statt der kommunizierten 24 Prozent. Die Umsätze lagen mit 21 Milliarden Rupien faktisch 22 Prozent unter den zuvor veröffentlichten Zahlen.
Operative Marge von gerade einmal drei Prozent
Eine Bilanzfälschung dieser Art wirft ein schlechtes Licht auf die indische Wirtschaft. Immerhin verfügte das Unternehmen über einen unabhängigen Aufsichtsrat und wurde von einem führenden Wirtschaftsprüfungsunternehmen revidiert. Die Tatsache, dass eine Bilanzfälschung dieser Art trotzdem möglich war, spricht für sich.
Das Vertrauen der Anleger jedenfalls ist erschüttert. Fondsmanager wie Greg Kuhnert von Investec Asset Management wollen nun zunächst sehen, wie die Marktaufsicht in Indien auf den Skandal reagiert. Zudem würden sie nur noch dann in Indien investieren, nachdem sie die Lage und wohl auch die Bücher deutlich genauer als in der Vergangenheit geprüft haben.
Der Skandal trübt den Blick auf das Land erneut, nachdem die Attentate von Bombay schon in den vergangenen Wochen für eine gewisse Verunsicherung gesorgt hatten. Dazu kommt die schwach weltwirtschaftliche Entwicklung, sie sich in Indien allgemein, insbesondere jedoch bei stark auslandsorientierten Unternehmen wie die Satyam bemerkbar machen. Unternehmen dieser Art - das gilt auch für Wipro und Tata Consultancy - erzielten in den vergangenen Jahren die größten Teile ihre Erlöse in den Vereinigten Staaten. Dort sind die Wachstumsaussichten schlecht und immer mehr Unternehmen gehen auf strikten Sparkurs.
Aus diesem Grund werden die Anteilsscheine der Unternehmen der Branche von Anlegern weiterhin skeptisch betrachtet werden. Die Papiere von Satyam selbst sind inzwischen zu einem extrem heißen Eisen geworden. Bisherige Gewinnschätzungen sind auf einen Schlag irrelevant geworden, nachdem es in den vergangenen Jahren sowohl auf der Erlös- als auch auf der Gewinnseite optisch stetig nach oben gegangen war. Es dürfte längere Zeit dauern, bis es das Vertrauen der Anleger zurückgewinnen kann. Riskante Spekulationen auf eine Übernahme sind kurzfristig jedoch denkbar.
Tüchtiger Kaufmann,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 07.01.2009, 20:48 Uhr