Die Bilanzen großer amerikanischer und europäischer Banken sorgen in diesem Quartal für Verwirrung. Banken mit großen Wertpapiersparten haben im dritten Quartal aufgrund von Bilanzregeln Milliardengewinne ausgewiesen, obwohl sie mit schwierigen Geschäftsbedingungen zu kämpfen hatten. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten war wegen der Schuldenkrise in Europa hoch, die Aktienkurse schwankten extrem, und viele Firmenkunden wollten weder an die Börse gehen noch große Risiken im Handel mit Wertpapieren eingehen.
Als die Bilanzsaison an der Wall Street vor ein paar Tagen begann, meldeten Banken wie die Citigroup oder Morgan Stanley dennoch reihenweise Milliardengewinne. Am Dienstag folgte die UBS mit einem ähnlich guten Geschäftsergebnis. Die größte schweizerische Bank erzielte im vergangenen Quartal einen Reingewinn von rund 1 Milliarde Franken, Analysten hatten zuvor mit 318 Millionen Franken gerechnet.
Die jüngste Eskalation
Bei näherer Betrachtung waren die Resultate keineswegs so rosig. Die Gewinne resultierten vor allem aus der Neubewertung eigener Anleihen. Der englische Fachbegriff für die unter den beiden dominierenden Rechnungslegungsstandards US-GAAP und IFRS geltenden Regeln heißt "Debt Valuation Adjustment" - also Angleichung der Bewertung von Schulden. Diese Regel gibt Banken die Möglichkeit, ihre eigenen Anleihen zum jeweiligen Marktwert zu bilanzieren. Fällt der Wert der Anleihen, kann die Bank einen Gewinn buchen. Der Grund: Die Bank könnte diese Papiere theoretisch zu diesem niedrigeren Preis zurückkaufen und damit einen Gewinn machen. Diesen Gewinn müssen die Banken in der Bilanz ausweisen, auch wenn sie die Anleihen gar nicht zurückkaufen. Allein die UBS bilanzierte einen positiven Gewinnbeitrag von fast 1,8 Milliarden Franken (rund 1,4 Milliarden Euro) wegen der Neubewertung eigener Verbindlichkeiten, deren Wert durch die jüngste Eskalation der Finanzkrise gesunken war.
Überspitzt formuliert verbessert sich das ausgewiesene Geschäftsergebnis der Banken, weil Anleger sie für risikoreicher und ertragsschwächer halten, was sich sowohl an den Aktienmärkten gezeigt hat, als auch beispielsweise auf dem Markt für Kreditausfallderivate (CDS). Dort hatte sich die jährliche Absicherung von Bankschulden vor allem für amerikanische Institute deutlich verteuert (siehe Grafik).
Banken, die so bilanzieren, müssen aber auch Verluste verbuchen, wenn der Preis ihrer Anleihen steigt. Die Investmentbank Morgan Stanley, die im vergangenen Quartal einen Ertrag von 3,4 Milliarden Dollar wegen der Angleichung der Anleihepreise erzielte, litt im Vorjahr aus den gleichen Gründen unter einem Verlust von mehr als 700 Millionen Dollar.
Nach dem Fair-Value-Prinzip
Nach Ansicht von Kritikern machen es diese Bilanzierungsmethoden für Investoren schwieriger, die tatsächliche Geschäftsentwicklung einer Bank zu verfolgen. Jamie Dimon, der Vorstandsvorsitzende der größten amerikanischen Bank JP Morgan Chase sprach Klartext, nachdem die Einnahmen im Investmentbanking aus diesen bilanztechnischen Gründen um 1,9 Milliarden Dollar höher ausgefallen waren. "Der Ertrag hat nichts mit dem operativen Geschäft des Unternehmens zu tun", sagte er. Ohne Berücksichtigung dieses Sondereffekts waren die Einkünfte von JP Morgan im Investmentbanking deutlich gesunken. Analysten der Kreditbewertungsagentur Moody's rechnen diese bilanztechnischen Gewinne und Verluste heraus, wenn sie die Geschäftsentwicklung einer Bank betrachten. "Das ist eine Bilanzierungsregel, die wir nicht für sonderlich hilfreich halten", sagte Mark LaMonte, Chefanalyst für die Bewertung von Finanzinstituten.
Willkürlich können Banken allerdings nicht wählen, wie sie ihre eigenen Anleihen bilanzieren wollen: Sie müssen sich am Tag der Emission entscheiden, ob sie die Titel während der gesamten Laufzeit zum Zeitwert nach dem sogenannten Fair-Value-Prinzip bilanzieren wollen oder nach dem Prinzip fortgeführter Anschaffungskosten - dann ergäben sich weder Gewinne noch Verluste aus der Neubewertung. Als wichtiges Argument für das Fair-Value-Prinzip wird vorgebracht, dass der Wert der von der Bank gehaltenen Wertpapiere (Aktiva) mitunter starken Kursschwankungen unterliegt und gleiches deshalb für die Passiv-Seite der Bilanz gelten solle. In der Praxis wählen vor allem große amerikanische Banken die Bilanzierung zum Marktwert, was nun abermals ersichtlich ist. Im Falle der Deutschen Bank erhöhte sich der Gewinn im dritten Quartal dadurch um 166 Millionen Euro.
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Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 26.10.2011, 15:20 Uhr
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