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Berkshire Hathaway Warren Buffett und der Wilde Westen

05.05.2009 ·  Die Hauptversammlung der Holding-Gesellschaft Berkshire Hathaway war in diesem Jahr ganz auf Wildwest-Nostalgie getrimmt. Es war ein passendes Symbol für das unsichere Terrain der Finanzmärkte, auf dem selbst Warren Buffett als sicherer Pfadfinder vom Weg abzukommen scheint.

Von Norbert Kuls, Omaha
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Echte Cowboys waren es nicht. Die Stiefel waren zu sauber, die Bärte zu sorgfältig geschnitten und der Lederschutz für die Hosen nicht abgewetzt. Pferde hatten sie auch keine. Aber die Gruppe der kräftigen und etwas grimmig dreinblickenden Männer war ein beliebtes Fotomotiv für die Leute, die sich am vergangenen Samstag im Qwest-Center, der Sportarena der amerikanischen Stadt Omaha, tummelten.

In der Nähe der Cowboy-Mimen standen zwei echte Longhorn-Rinder. Die gehörten zur Firma Justin, die Cowboystiefel produziert. Der Andrang bei Justin war groß, trotz der Rezession in den Vereinigten Staaten. Denn Aktionäre der Holding- und Anlagegesellschaft Berkshire Hathaway, zu der Justin als eine von mehr als 70 Tochtergesellschaften gehört, erhielten beim Kauf von Stiefeln einen großzügigen Rabatt.

35.000 Besucher beim „Woodstock für Kapitalisten“

Der berühmte Investor Warren Buffett, der Gründer und Vorstandschef von Berkshire Hathaway, hatte der Aktionärsversammlung in diesem Jahr das Thema „Wilder Westen“ verpasst. Die Titelseite der Besucherbroschüre zeigte die Illustration eines Cowboys mit riesiger Hutkrempe und entschlossenem Blick. Die Party beim Nebraska Furniture Mart, dem weitläufigen Möbelladen von Berkshire, war als „Warren's Western Cookout“, also als eine Art Grillabend im Western-Stil, tituliert. Und vor dem Zelt neben dem Juweliergeschäft Borsheims, wo am Freitag mit einem Empfang für die Aktionäre das Berkshire-Wochenende von Omaha begann, lagen Heuballen herum wie auf einer Ranch.

So weit ging trotz der kleinen Variationen alles seinen normalen Gang bei der Aktionärsversammlung. Neben Justin präsentierten und verkauften wie jedes Jahr auch andere Berkshire-Tochtergesellschaften ihre Produkte - es gab Arbeitshandschuhe von Wells Lamont, Speiseeis der Restaurantkette Dairy Queen, Betten vom Nebraska Furniture Mart, Teppichböden von Shaw und gigantische Wohnmobile und Campingwagen von Forest River. Borsheims offerierte silberne Sparschweine. Es gab auch einen neuen Besucherrekord. 35.000 Leute waren zu der Veranstaltung gepilgert, die Buffett gerne als „Woodstock für Kapitalisten“ bezeichnet. Der Ansager vor Beginn des Films, der traditionell die Hauptversammlung eröffnet, stimmte die Besucher in der Arena auf ein „glorreiches kapitalistisches Wochenende“ ein - der Wirtschaftskrise zum Trotz.

Schlechtestes Ergebnis in der Geschichte

Aber in die traditionell gute Stimmung der Aktionäre, von denen viele durch Buffett reich geworden waren, mischten sich diesmal Sorgen. Auch Berkshire konnte sich im vergangenen Jahr den Auswirkungen der Rezession und der fallenden Börsenkurse nicht entziehen. Die Reputation von Buffett als sicherer Pfadfinder im Wilden Westen der Finanzmärkte droht Schaden zu nehmen. Besonders hart traf es Tochtergesellschaften, die vom Häusermarkt und den amerikanischen Verbrauchern abhängen, von denen immer mehr arbeitslos werden. Die großen Aktienpositionen im Wertpapierportfolio von Berkshire wie der Kreditkartengigant American Express oder Banken wie Wells Fargo gerieten wegen steigender Kreditausfälle unter Druck.

Die Folge: Berkshire wies 2008 das schlechteste Ergebnis seiner Geschichte aus. „Wir haben eine Menge Geld verloren, aber wir müssen das durchstehen“, sagte Aktionärin Judy Monaghan aus Omaha beim Borsheims-Empfang. Die Aktien von Berkshire haben sich zwar etwas besser entwickelt als der breite Aktienmarkt. Aber nach dem Sturz des Aktienindex S&P 500 im vergangenen Jahr ist das nur ein schwacher Trost. Der Aktienkurs von Berkshire ist seit dem vergangenem September um mehr als 30 Prozent gefallen. „Wir sind froh, dass wir immer noch arbeiten“, sagte Monaghan.

Buffett gesteht Fehler ein

Buffett predigt immer, langfristig zu investieren. Investoren wie Norman Rentrop haben das verinnerlicht. „Wir schlafen weiter ruhig“, sagte der deutsche Berkshire-Aktionär. Aber die Auswirkungen der Kursverluste sind in ganz Omaha zu spüren. „Die vermögenden Berkshire-Aktionäre spielen als Spender eine große Rolle für die wohltätigen Organisationen von Omaha. Diese Spenden sind jetzt zurückgegangen“, berichtet Tanya Cook, Senatorin im Bundesstaat Nebraska und selbst Aktionärin.

Buffett, der als „Orakel von Omaha“ bezeichnet wird, gestand mehrere Fehler ein. Er hatte seine Beteiligung am Ölkonzern Conoco Phillips aufgestockt, kurz bevor die auf Rekordniveau gestiegenen Ölpreise abstürzten. Zudem hatte er einen dreistelligen Millionenbetrag mit der Anlage in zwei irische Banken verloren. „Ich lag bei den irischen Banken falsch. Ich habe die Kredite für die Erschließung von Land nicht verstanden“, sagte Buffett den Aktionären ganz offen.

Warren und die nervöse Nellie

Buffett nimmt das noch mit Humor. Im Film zur Hauptversammlung spielt er einen Bettenverkäufer im Nebraska Furniture Mart. „Der Verwaltungsrat hat sich gedacht, dass ich nach der Abstufung der Bonität etwas anderes machen sollte“, erklärte Buffett seine neue Aufgabe. Berkshire hatte kürzlich die Spitzennote „AAA“ von der Kreditbewertungsagentur Moody's verloren. Buffett sagte, dass das nur sehr geringe Auswirkungen auf die Kosten für die Aufnahme von Kapital habe. „Ich war aber enttäuscht“, gab er zu. Berkshire ist an Moody's beteiligt.

Das Bett, das Buffett verkaufte, heißt „Nervous Nellie“ - nervöse Nellie. Der Clou der Schlafstätte: Es gibt eine geheime Ablage unter der Matratze, in die Kunden Geld oder Wertpapiere stecken können. „Wachen Sie morgens mit exakt dem auf, was Sie am Abend zuvor hatten“, lautet der Slogan.

Kein Kronprinz in Sicht

Der Spaß mit der Ablösung von Buffett wirft aber auch ein ernstes Thema auf: die Frage der Nachfolge. Der 78 Jahre alte Buffett und der 85 Jahre alte Berkshire-Vize Charlie Munger zeigten während des stundenlangen Frage-und-Antwort-Marathons bei der Aktionärsversammlung zwar keine Zeichen von Ermüdung. Buffett machte zwei Minuten nach Eröffnung der Versammlung die erste Cola-Dose auf. (Berkshire hält große Anteile an Coca-Cola.) Während der Dauer der Veranstaltung tranken die beiden dann fleißig weiter und naschten ohne Unterlass. (Zu Berkshire gehört der Süßwarenhersteller See's Candies.)

Aber Aktionäre wollten wissen, wie sich die vier potentiellen Kandidaten für Buffetts Nachfolge als Verwalter des Wertpapierportfolios in der Krise geschlagen hatten. „Sie haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Aber ich auch nicht, weswegen ich das toleriere“, antwortete Buffett. Keiner der Kandidaten habe im vergangenen Jahr den S&P 500 übertroffen. Für den Nachfolger Buffetts als Vorstandschef der operativen Sparten stehen drei interne Kandidaten bereit, die derzeit alle eine Tochtergesellschaft von Berkshire führen. Buffett lehnte den Vorschlag ab, einen Kronprinzen heranzuziehen. „Es hilft nichts, im Hauptquartier herumzusitzen, während ich lese und telefoniere.“ Die Kandidaten seien schon jetzt fähig und bereit, seine Nachfolge anzutreten, glaubt Buffett.

„Gebt Geld aus und formt Haushalte“

Unterdessen hat Buffett wenig Hoffnung, dass sich die Resultate vieler Tochtergesellschaften kurzfristig bessern werden. „Wir werden weiterhin in unseren Versicherungssparten und bei den Stromversorgern ziemlich gute Ergebnisse haben. In anderen Bereichen werden wir nicht gut abschneiden“, sagte Buffett.

Langfristig ist Buffett zuversichtlich. Der Konjunkturmotor stottere derzeit zwar, aber die Gelegenheiten werden kommen, sagte er. Er hatte im vergangenen Jahr bereits Vorzugsaktien der Bank Goldman Sachs und des Mischkonzerns General Electric erworben. Sein häufig kritischer und kurz angebundener Geschäftspartner Munger, der auch dieses Mal in grantigem Tonfall einige Bilanzierungsmethoden von Banken als „irrsinnig“ bezeichnete, gab sich gegen Ende der Versammlung ungewöhnlich positiv. „Je stärker ich mich auf das Alter des Todes zubewege, desto heiterer werde ich wegen der Zukunft der Wirtschaft“, sagte Munger. Munger glaubt an technische Durchbrüche bei der Erzeugung von Windenergie und bei Elektroautos. Berkshire ist in beiden Bereichen engagiert. Nach fünfeinhalb Stunden stellte schließlich der letzte Aktionär die alles entscheidende Frage: Wie kann die amerikanische Wirtschaft wieder angekurbelt werden? „Gebt Geld aus und formt Haushalte“, sagte Buffett. Neue Haushalte würden die Nachfrage nach Häusern erhöhen. Der Fragesteller nahm Buffett beim Wort. Er machte seiner Freundin vor 35.000 Berkshire-Aktionären einen Heiratsantrag.

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Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

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