Home
http://www.faz.net/-gv7-136ry
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berichtssaison Was kommt nach dem vierten Quartal?

12.01.2010 ·  Die amerikanischen Unternehmen bereiten sich vor, die größten Gewinnzuwächse seit Beginn der Rezession im Jahr 2007 bekannt zu geben. Strategen halten angestrengt nach Anzeichen eines dauerhaften Ertragswachstums Ausschau.

Von David Bogoslaw
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Alcoa hat für einen schwachen Start in die Quartalssaison gesorgt. Insgesamt aber werden für das vierte Quartal Unternehmensgewinne erwartet, die um einiges besser sein werden als vor einem Jahr. Dennoch sind die meisten Unternehmenslenker wenig geneigt, längerfristige Prognosen zu machen, auch wenn sie einräumen, dass das vierte Quartal höhere Umsätze gebracht hat, sagt Hank Herrmann, Vorstandschef der Fondsgesellschaft Waddell & Reed.

„Ein paar Unternehmen bauen wieder Auftragspolster auf, aber nicht viele. Einige sprechen von besseren Geschäften, aber nicht viele“, sagt er. „Das liegt zum Teil daran, dass die meisten Vorstandschefs noch immer Zweifel haben, wie kräftig die Nachfrage am Ende wirklich ausfallen wird. Im ersten Quartal werden sie das erste Mal allmählich Vertrauen in die Nachfrage bekommen, die sie sehen. Das vierte Quartal ist immer noch zu sehr saisonal geprägt und sie fürchten, dass die Auffüllung der Lager nur eine vorübergehende Erscheinung sein könnte.“

Verhaltener Optimismus

Herrmann glaubt, dass die Vorstandschefs eher bereit sein werden, sich auf aussagekräftigere Prognosen einzulassen, wenn die Unternehmen erst einmal klare Anzeichen sehen, dass neue Arbeitsplätze entstehen, bevor sie Kapazitäten aufbauen, um für einen Anstieg der Verbrauchernachfrage gerüstet zu sein.

Peter Cardillo, leitender Marktökonom bei Avalon Partners, nimmt mehr Begeisterung unter den Vorstandschefs wahr, die auf den Vorzeichen einer bald lebhafteren Wirtschaftstätigkeit beruhe. Er erwartet, dass die Unternehmen künftig etwas längerfristigere Ertragsschätzungen abgeben werden, allerdings mit verhaltenen Aussichten.

Ist das dritte Quartal 2009 der bessere Vergleich?

Nur: wie groß werden die Erträge sein? Der von Thomson Reuters am 8. Januar veröffentlichte Wochenausblick sprach von einem geschätzten Gewinnzuwachs von 184 Prozent für die Unternehmen im Standard & Poor's 500-Aktienindex. Da aber das vierte Quartal 2008 das schlechteste in der Geschichte des Index' war, führt der einfache Vergleich zu Prognosen, die ans Lächerliche grenzen, meint Howard Silverblatt, Leiter der Index-Dienste bei Standard & Poor's. „Die Erträge im S&P 500 liegen gewöhnlich im Bereich von 22 Dollar je Aktie. Vor einem Jahr stürzten sie auf einen Verlust von 9 Cent ab - den einzigen Negativ-Wert, den wir je hatten.“

Die Differenz zwischen minus 9 Cent und den 16,09 Dollar, die S&P für das vierte Quartal schätzt, entspräche einer Wachstumsrate von über 17.000 Prozent, so Silverblatt. Praktikabler sei der Vergleich mit den 15,22 Dollar des vierten Quartals 2007 oder den 21,99 Dollar der letzten drei Monate des Jahres 2006, bevor die Wirtschaft ins Trudeln geriet.

Jeffrey Kleintop, leitender Marktstrategieanalyst bei LPL Financial, der für das vierte Quartal von einem ähnlichen Gewinnniveau ausgeht wie Standard & Poor's, wies jüngst daraufhin, die Gewinne der Unternehmen des S&P 500 nur um 8 Prozent im Jahresvergleich steigen würden, nähme man den Finanzsektor aus dem Vergleich heraus. Kleintop gehört zu einer kleinen Schar von Profis, die der Ansicht sind, dass Vergleiche mit dem dritten Quartal 2009 anstatt mit dem gleichen Quartal des Vorjahres in diesem Fall sinnvoller seien. Er erwartet für das vierte Quartal eine auf das Jahr gerechnete Wachstumsrate der Umsätze von 5 Prozent, und einen Anstieg der Margen um 0,4 Prozent.

Schwierige Prognosen für die Energiebranche

S&P-Analysten prognostizieren, dass die Gewinne im Energiesektor im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent steigen dürften. Wenn man bedenke, unter welchem Druck die Raffineriemargen und die Erträge der Bohrfelddienste bleiben, sei es schwierig abzuschätzen, wie kräftig die Energiegewinne im vierten Quartal waren, sagt indes David Bianco, leitender Stratege für amerikanische Aktien bei BofA Merrill Lynch Global Research, Bloomberg Business Week.

Laut einer jüngsten Analyse ist Bianco zuversichtlicher, dass sich die Ölpreise auf der Grundlage der Aussichten für Angebot und Nachfrage anstatt lediglich aufgrund der Dollarschwäche auf einem höheren Niveau bewegen werden als während der Rally vom Oktober 2009. Das sei vorteilhaft, da höhere Ölpreise dank eines stärkeren Dollars zu höheren Kurs-Gewinn-Verhältnissen der Energie-Aktien führten.

Gewinne der Finanzunternehmen allein wenig aussagekräftig

Für die Ergebnisse der Finanzunternehmen prognostiziert S&P einen Umschwung von einem Verlust von 13,93 Dollar vor einem Jahr zu einem Gewinn von 1,72 Dollar im vierten Quartal. Die Erträge dieser Unternehmen allein verraten nur wenig, meint Bianco. Er empfiehlt, diese im Verhältnis zum Umfang der Rückstellungen für schwebende Verluste zu sehen.

Eine Bank könne geringere Erträge ausweisen, weil sie eine größere Verlustrücklage angelegt habe. „Die Frage ist also nicht: Wie hoch ist der Ertrag, sondern: Wie ist er entstanden?“ Wenn eine Bank sage, sie habe 2009 eine Verlustrücklage gebildet, die so hoch sei, dass sie in diesem Jahr nicht vergrößert zu werden brauche, so dürfte es 2010 gewaltige Ertragszuwächse geben. BofA Merrill Lynch prognostiziert für 2010 ein 50-prozentiges Ertragswachstum für die Finanzunternehmen als Ganzes.

Mehr Aufmerksamkeit für den Absatz

Dieses Quartal wird das erste seit Beginn der Rezession im Jahr 2007 sein, in dem der Markt nach Anzeichen eines deutlichen Umsatzwachstums Ausschau hält. Die Anleger werden sich nicht länger damit zufrieden geben, Gewinne lediglich aufgrund scharfer Kosteneinschnitte steigen zu sehen, wie sie es in den zurückliegenden beiden Zeiträumen getan haben.

Das stärkere Augenmerk auf höhere Umsatzerlöse sei durchaus sinnvoll, wenn man bedenke, dass der Absatz der Unternehmen im S&P 500-Index zwischen Oktober 2008 und Ende September 2009 um 1,54 Billionen Dollar eingebrochen sei, so Silverblatt. „Das ist mehr als der Umfang des Finanzhilfepakets und des Gesundheitsgesetzes.“

Der Umsatz, den die Unternehmen im jüngsten Quartal beibehalten oder steigern konnten, werde sich dank des Hebeleffektes durch Kostensenkungen leichter in Gewinnen niederschlagen. „Das ist der Grund, warum alles nur noch vom Absatz redet“, meint Silverblatt. „Darum erhalten Fusionen und Übernahmen ein solches Maß an Aufmerksamkeit. Es ist eine Möglichkeit, den Absatz zu steigern. Entweder verstärkt man Markting und Werbung oder man zieht los und kauft sich Umsatzwachstum“ - sei es durch ganze Unternehmen oder separate Unternehmensbereiche.

Nicht die Einzelhändler verdienen die Aufmerksamkeit

Bianco will bei Telefonkonferenzen darauf achten, als wie dauerhaft Unternehmen ihre Gewinnzuwächse einschätzen, wenn sie bessere Aussichten für höhere Umsatzerlöse im Jahr 2010 sehen. Angesichts des Umfangs der Ausgabenkürzungen sei die Frage, wie viele Kosten die Unternehmen wieder auf sich nehmen müssten, sobald die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt, meint er.

Die Hersteller von dauerhaften Konsumgütern erlebten wahrscheinlich das kräftigste Wachstum der Umsatzerlöse, auch wenn die im Vergleich zu 2008 um 3 Prozent gestiegenen Feiertagsverkäufe „nicht gerade überwältigend waren“, meint Bianco. Die Zuwächse würden sich bei einigen Nicht-Einzelhändlern des Sektors eindrucksvoller ausnehmen, wie zum Beispiel bei McDonald's, Disney, Nike und Coach, weil sie nicht nur aus geschwächten Vorjahreszahlen hervorgingen. Ihre Zuwächse gingen zum Teil auf positive Währungsumtauscheffekte aus Verkäufen im Ausland zurück, weil der Dollar im letzten Quartal stärker geworden sei.

Herrmann von Waddell & Reed möchte ebenfalls sehen, welche Unternehmen zuversichtlich sind, dass sie das Wachstum der Umsatzerlöse im neuen Jahr beibehalten können. Unternehmen, die die Umsatzerlöse steigern können, sähen im Vergleich zu den historischen Bewertungszahlen relativ preiswert aus, weil der Markt nur zyklische Stärke erkenne. Er erwartet in den kommenden Monaten eine höhere Wertsteigerung durch das lang anhaltende Wachstumspotential von Segmenten des Einzelhandels, der Technologie und der Gesundheitsbranche.

Ein lang anhaltender Boom beim Cloud-Computing?

Im Jahresvergleich zeigte der Technologiesektor 2009 die beste Entwicklung. Für das vierte Quartal wird der Gewinnanstieg auf 59 Prozent geschätzt. Darum, so Silverblatt, dürfte er besonders genau beobachtet werden. Die Anleger erwarten höhere Erträge aus höherer Nachfrage. Die Investitionsausgaben für Technologie seien 2008 um 22 Prozent zurückgegangen; es werde erwartet, dass sie 2010 um 28 Prozent steigen und damit auf die Werte des Jahres 2008 zurückkehren.

„Technologie ist, vor allem wegen des gerade zu Ende gehenden schwierigen Jahrzehnts, als zyklisch bezeichnet worden“, erklärt Herrmann. „Wir erkennen jetzt allmählich, dass sie ein längerfristiger Faktor sein wird. Wir befinden uns in der Anfangsphase eines Übergangs zum Cloud-Computing. Der Anfang wird vielleicht etwas schleppend, aber sie wird mehrere Jahre lang eine treibende Kraft darstellen.“

Gewisse Ungewissheit

Was besagen nun die Ertragsaussichten für die Dauerhaftigkeit der Aktienmarktrally, die jetzt in den elften Monat geht? Nach Einschätzung der BofA Merrill, betrachten die Aktienanleger eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung mit Skepsis. BofA Merrills Ertragsschätzung von 17,30 Dollar für das vierte Quartal führt aufs Jahr hochgerechnet zu einem Gewinn von 70 Dollar. Davon ausgehend verlangen die Anleger immer noch einen Risikoaufschlag von über 450 Basispunkten, mehr als der Durchschnitt von 360 Basispunkten zwischen 1960 und 2008 ist.

Mit einer weiteren Verbesserung der Quartalserträge dürfte auch der S&P 500 allmählich steigen - wenn nämlich die Anleger BofA Merrills normalisierter Ertragsprognose von 79 Dollar für 2010 zu vertrauen beginnent. Bianco und sein Team empfehlen Anteile an Energie- und Industrieunternehmen auf der Basis des von Asien ausgehenden globalen Wachstums sowie an Finanzunternehmen auf der Basis einer Erholung der amerikanischen Wirtschaft, die zur Zeit keine Inflation erlebt und die Zinsen auf einem niedrigen Niveau hält.

Während einige Wall Street-Profis händeringend darauf warten, dass die Unternehmen im Zuge eines wirtschaftlichen Aufschwungs zu längerfristigen Ertragsaussichten zurückkehren, ist nicht jeder der Ansicht, dass das in dieser frühen Phase der Erholung wirklich hilfreich wäre.

„Angesichts des Zustands der Wirtschaft bin ich nicht bereit, länger als ein Jahr in die Zukunft zu blicken, insbesondere im Technologiesektor“, meint Ryan Jacob, Portfoliomanager des 38,8 Millionen Dollar verwaltenden Jacob Internet Fund. „Die Situation ist viel zu ungewiss - damit bringt man sich nur in Schwierigkeiten.“

David Bogoslaw ist Reporter für den Business Week Investing Channel.

Quelle: BusinessWeek Online
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%