24.08.2008 · Zwei Gründe sind es, die aus Sicht von Unternehmensleitungen den Einstieg dauerhafter Kernaktionäre erstrebenswert machen: unerwünschte Übernahmen zu erschweren und die Stabilisierung des Unternehmens. Die Suche nach Stabilität in einer unsicheren Welt.
Von Gerald BraunbergerWie immer man den Einstieg der Schaeffler-Gruppe bei Continental aus industrieller Sicht beurteilen mag: Dem Hannoveraner Automobilzulieferer droht in den kommenden Jahren keine feindliche Übernahme durch Finanzinvestoren oder andere potentielle Interessenten. Ähnlich könnte es der Commerzbank ergehen, wenn die geplante Übernahme der Dresdner Bank zustande kommt und sich die Allianz - wie es die Gerüchteküche zu wissen behauptet - an dem neuen Bankriesen mit 30 bis 50 Prozent beteiligen sollte. Ob die beiden Großbanken zusammenfinden, dürfte sich in den kommenden Tagen entscheiden. Grundsätzlich scheinen es beide Parteien zu wollen, aber der Teufel steckt im Detail.
Auf der Suche nach zuverlässigen Kernaktionären befindet sich wohl auch Daimler, seitdem der Aktienkurs des Autokonzerns so stark gefallen ist, dass in Stuttgart eine feindliche Übernahme nicht mehr ausgeschlossen wird. Daimler hätte wohl nichts gegen eine zusätzliche Beteiligung arabischer Staatsfonds. Schließlich hat der Fahrzeughersteller gute Erfahrungen mit den Kuweitern gemacht. Sie sind seit mehr als 30 Jahren beteiligt, ohne sich in die Geschäftspolitik einzumischen.
Übernahmen erschweren, Unternehmen stabilisieren
Zwei Gründe sind es, die aus Sicht von Unternehmensleitungen den Einstieg dauerhafter Kernaktionäre erstrebenswert machen. Ein Grund besteht darin, unerwünschte Übernahmen zumindest zu erschweren. Inwieweit solche Gefahren wirklich drohen, ist eine andere Frage. Seit mindestens zwei Jahrzehnten ist in Frankfurter Finanzkreisen der Satz zu hören: „Die Commerzbank wird bald übernommen.“ Geschehen ist in dieser Zeit nichts. Nicht jedes Unternehmen, das billig aussieht, eignet sich als Übernahmekandidat.
Der zweite Grund für die Suche nach Kernaktionären ist die Stabilisierung eines Unternehmens. Hierfür bietet die Finanzmarktkrise reiches Anschauungsmaterial mit Beteiligungen von Staatsfonds an Großbanken wie der UBS oder der Citigroup. In der vergangenen Woche war aus Singapur zu hören, man erwäge eine Aufstockung des Anteils an der New Yorker Investmentbank Merrill Lynch. Der Konkurrent Lehman Brothers, über dessen finanzielle Gesundheit man sich an der Wall Street nicht wenige Gedanken macht, befindet sich auf der Suche nach Großaktionären in Korea und China. Als ein interessierter Kandidat gilt die staatliche Korea Development Bank.
Gebannt warten die Finanzmärkte auf Fannie Mae und Freddie Mac
Aus amerikanischer Sicht sind diese Entwicklungen zwiespältig. Die Regierung in Washington war lange ablehnend gegenüber bedeutenden Beteiligungen ausländischer Staatsfonds, hat sich aber in das Notwendige fügen müssen. Denn bei privaten Investoren hätten die angeschlagenen Banken die dringend benötigten Eigenmittel kaum auf die Schnelle und zu halbwegs akzeptablen Konditionen aufnehmen können. Aus Sicht der Banken wiederum sind asiatische Staatsfonds durchaus willkommen, solange diese nicht maßgeblichen Einfluss auf die Geschäftspolitik nehmen wollen. Dagegen dienen die asiatischen Aktionäre den Banken als Türöffner für Geschäfte auf dem wichtigen Wachstumsmarkt Asien.
Gebannt warten die Finanzmärkte derweil, wie es mit den Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac weitergeht. Spekulationen, die Regierung und die Notenbank erwägten ein Rettungspaket, haben zum Wochenschluss am Aktienmarkt zumindest vorübergehend für Erleichterung gesorgt. An der Wall Street hält man es allerdings für ausgeschlossen, dass Washington Staatsfonds einlädt, sich bei den beiden halbstaatlichen Unternehmen einzukaufen. Dafür gelten diese beiden Finanzierer angesichts ihrer überragenden Bedeutung für den heimischen Häusermarkt aus strategischer Sicht als zu wichtig. Sollten Fannie und Freddie zusätzliches Eigenkapital benötigten, könnte es nach Spekulationen von Finanzanalysten wohl am ehesten aus der Staatskasse kommen.
Unsicherheit kennzeichnet die Entwicklung des Dollar und des Ölpreises
Die Finanzmarktkrise dürfte damit auch weiterhin einen bestimmenden Einfluss für die Aktienmärkte bilden. Nach Ansicht der DZ Bank könnte die Unsicherheit über die Entwicklung in der Finanzbranche zumindest bis zur Veröffentlichung der Unternehmensergebnisse für das dritte Quartal - also bis mindestens Mitte November dauern.
Unsicherheit kennzeichnet auch das makroökonomische Umfeld und hier vor allem die Entwicklung des Dollar und des Ölpreises. Hier sind zurzeit sehr unterschiedliche Prognosen zu hören. Manche Analysten sehen den Fall des Ölpreises erst einmal für beendet an, andere erwarten einen weiteren Rückgang bis 80 Dollar je Barrel. Die Commerzbank geht davon aus, dass der Ölpreis in den kommenden Wochen zwischen 110 und 130 Dollar schwanken werde. Mittelfristig werde der Preis als Folge einer schwächeren Weltkonjunktur aber nachgeben, heißt es in einem Marktausblick.
Hoffnung auf sinkende Inflationsraten
Ähnlich unklar sieht es für den Dollar aus, den viele Analysten langfristig stärker sehen, während andere meinen, die Finanzmarktkrise werde die Aufwärtstendenz der amerikanischen Währung bremsen. Für die Weltwirtschaft sei eine Kombination aus starkem Dollar und fallendem Ölpreis jedenfalls besser als eine Kombination aus schwachem Dollar und steigendem Ölpreis, schreiben die Analysten von Morgan Stanley in einem Marktkommentar.
In den kommenden Tagen stehen mehrere Daten zur amerikanischen Konjunktur an, darunter am Dienstag Zahlen zum amerikanischen Verbrauchervertrauen und am Freitag Zahlen zu den privaten Einkommen. Die in den vergangenen Wochen veröffentlichten Daten waren allerdings derart widersprüchlich, dass daraus kein klares Bild zu entnehmen war. Ähnlich sieht es in Europa aus, wo Länder wie Spanien und Großbritannien auf dem Weg in die Rezession scheinen, die Konjunkturforscher andererseits aber vor zu großem Pessimismus für die deutsche Volkswirtschaft warnen. Impulse könnte der Aktienmarkt am ehesten von der Hoffnung auf sinkende Inflationsraten beziehen, die unter anderem der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke in Aussicht gestellt hat. Damit hat er zumindest für das Erste die Erwartung einer baldigen Erhöhung der amerikanischen Leitzinsen aus dem Markt genommen.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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