21.09.2009 · Die Euphorie an den Märkten ruft Skeptiker auf den Plan. Denn wie die Erfahrung lehrt, wird das Erholungspotential überschätzt. Und Experten haben so ihre Zweifel, dass dieses wirklich groß ist.
Von Gerald BraunbergerKassandra hat sich wieder gemeldet. Gemeint ist Norbert Walter, der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, der ziemlich früh einen Rückgang des deutschen Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr um bis zu 5 Prozent vorausgesagt hatte. Damals wurde Walter als unverantwortlicher Miesmacher beschimpft.
Aus heutiger Sicht lag er ziemlich gut mit seiner Prognose. Nun hat sich Walter wieder geäußert, und wiederum gießt er erhebliche Mengen Wasser in den Wein der Konjunkturoptimisten. Walter hält zwar, wie viele andere Bankökonomen, ein gutes Ergebnis für das dritte Quartal 2009 für wahrscheinlich. Längerfristig sieht er aber keinen kräftigen Aufschwung, sondern eine holprige Wegstrecke, bestehend aus mehreren Aufwärts- und Abwärtsbewegungen der Konjunktur. Konkret erwartet Walter Wachstumsdellen im kommenden Winter wegen der dann steigenden Arbeitslosigkeit sowie im Sommer 2010 wegen der dann einsetzenden geldpolitischen Straffung durch die Notenbanken.
Die Party wird nicht endlos
In den Vereinigten Staaten hat sich Janet Yellen, die Präsidentin der Federal Reserve Bank of San Francisco, ebenfalls als Kassandra betätigt. Sie sieht zwar ein Ende der Rezession, erwartet aber nur ein schwaches und keineswegs störungsfreies Wirtschaftswachstum. Joachim Fels, Ökonom bei Morgan Stanley in London, sieht zwar auch zunächst noch eine Fortsetzung des durch eine notwendigerweise sehr expansive Geld- und Finanzpolitik bewirkten Aufschwungs. Doch die Kosten der Rettungsprogramme werden seines Erachtens mehrere Jahre das Wachstum belasten. So lautet das verbreitete Bild von Experten: Die Party kann noch eine gewisse Zeit weitergehen, aber der nachfolgende Kater wird kommen, und er kann lange dauern.
Was bedeutet das für die Finanzmärkte, die künftige Entwicklungen doch eigentlich antizipieren sollten? Historisch betrachtet, befinden wir uns noch nicht in einer Ausnahmesituation an den Aktienmärkten. Wie die Investmentbank Morgan Stanley schon vor einigen Wochen in einer Studie gezeigt hat, gehörten in der Vergangenheit starke, durch billiges Geld angefeuerte Erholungsrallys zum üblichen Korrekturmechanismus nach schweren Krisen.
Die Technik der Hausse
Auch bei einem Dax von 5700 Punkten erscheint die aktuelle Erholung im geschichtlichen Vergleich nicht über Gebühr extrem. Das billige Geld und die damit unattraktiven Zinsanlagen sowie die mit dem wiederkehrenden Optimismus einhergehende Bereitschaft, mehr Risiken einzugehen, begünstigen Aktien- und Rohstoffmärkte. Der Dax könnte demnach durchaus noch ein Stück weit weiter steigen, wie es ja gerade technische Analysten erwarten.
Zwar hat die Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten in den vergangenen Wochen an Schwung verloren. Schwäche zeigen die Märkte aber nicht; fast jedem kleinen Kursdurchhänger im Vormittagshandel folgt eine Erholung am Nachmittag. Aus technischer Sicht spricht mehr für eine Fortsetzung der Hausse, und wenn sie auch nicht mehr lange dauern sollte, als für eine unmittelbar bevorstehende Baisse.
Der Keim des Untergangs
Zur Historie gehört aber auch das Wissen, dass diese liquiditätsgetriebenen Erholungen keinen langen Bestand haben, sondern früher oder später von der Realität eingeholt werden. In der Vergangenheit schlossen sich Korrekturbewegungen von im Durchschnitt 25 Prozent nach unten an. Denn über der Freude über Niedrigzinsen und dem zurückkehrenden Optimismus tendieren die Anleger zu einer Überschätzung der Aussichten.
In bewegten Zeiten sind Gewinnschätzungen für Unternehmen besonders kompliziert und nur mit Vorsicht zu genießen. Die Analysten der Deutschen Bank sehen auf der Basis von - wie gesagt, sehr problematischen - Gewinnschätzungen für 2010 den Dax derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 20 bewertet. Historisch betrachtet, liegt das durchschnittliche KGV für den Dax bei 15. Die Gefahr, dass sich in den gegenwärtigen Kursen eine unrealistische Konjunkturzuversicht widerspiegele, sehen derzeit mehrere Banken.
Und doch keine Dreißiger
Andererseits bewahrt die Geschichte auch vor einer zu pessimistischen Sicht. Auf einer von vielen Ökonomen geschätzten Internetseite (www.voxeu.com) zeichnen Barry Eichengreen und Kevin O'Rourke seit Monaten anhand mehrerer Indikatoren die aktuelle Krise im Vergleich zur Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre nach. Sah es im Frühjahr 2009 noch zappenduster aus, so hat sich die Lage mittlerweile etwas verbessert. Die aktuelle Konjunkturerholung, und sei sie auch nur vorübergehend, unterscheidet sich wesentlich von der Weltwirtschaftskrise. Damals war das Bruttoinlandsprodukt drei Jahre in Folge gefallen.
Von der Geschichte zur nahen Zukunft: In den kommenden Tagen stehen mit dem G-20-Gipfel in Pittsburgh und den Bundestagswahlen zwei Großereignisse auf dem Terminplan. Ob sie die Stimmung an den Börsen nachhaltig prägen werden, ist fraglich. Tendenziell mögen Börsianer mehrheitlich eher bürgerliche Regierungen als Linksregierungen. Insofern könnte ein Wahlsieg von Schwarz-Gelb zumindest kurzfristig die Kurse steigen lassen. Langfristig müsste man allerdings erst einmal sehen, was eine solche Koalition zustande brächte.
Was bringt Pittsburgh?
Pittsburgh dürfte für die Börsen noch schwieriger einzuschätzen sein. Angesichts der Meinungsverschiedenheiten unter den großen Ländern wird sich der Gipfel möglicherweise auf Absichtserklärungen beschränken, deren konkrete Umsetzung erst noch abzuwarten bliebe. Eine allgemeine Transaktionssteuer könnte die Finanzmärkte belasten; allerdings ist eine Einführung sehr unwahrscheinlich.
Dass sich an den Finanzmärkten grundlegend nichts geändert hat, zeigt die Rückkehr der sogenannten „Carry-Trades“, bei denen sich Investoren in Niedrigzinswährungen wie dem amerikanischen Dollar verschulden, um das Geld in höherverzinslichen Währungen wie dem neuseeländischen Dollar anzulegen. Die Schwäche des Dollar bildet daneben einen Grund für den kräftigen Anstieg der Edelmetallpreise. So notiert die Unze Gold wieder über 1000 Dollar. Die Bereitschaft großer Goldförderer wie des Branchenführers Barrick, Termingeschäfte aufzulösen, mit denen sich das Unternehmen die Preise für Goldverkäufe in den kommenden Jahren gesichert hatte, belegt, dass die Erwartungen eines weiter steigenden Goldpreises auch in der Industrie verbreitet sind.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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