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Bericht vom internationalen Finanzmarkt Das Vertrauen kehrt zurück

22.01.2012 ·  Schwungvoller Jahresbeginn an den internationalen Finanzmärkten: Trotz aller Krisen hat das Börsenjahr erstaunlich positiv begonnen. Viele Anleger wurden davon überrascht.

Von Alexander Armbruster, Frankfurt
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© F.A.Z.

Und nun? Die Börsen sind so schwungvoll ins neue Jahr gestartet, dass sich viele Anleger die Augen reiben und noch mal hinschauen, ob auch wirklich stimmt, was sie da auf den Handelsbildschirmen sehen. Der amerikanische Aktienleitindex S&P 500 stieg seit Jahresbeginn um 4 Prozent auf merklich mehr als 1300 Punkte, der deutsche Standardwerteindex Dax kletterte doppelt so stark, um 8 Prozent, von 5900 auf 6400 Punkte.

Besonders erstaunlich ist, dass hüben wie drüben des Atlantiks insbesondere die im vergangenen Jahr abgestraften Finanztitel überdurchschnittliche Kursgewinne aufweisen. Hierzulande legte der Aktienkurs der Commerzbank um mehr als 30 Prozent zu - so viel wie kein anderer deutscher Standardwert. Commerzbank-Chef Martin Blessing hat eine offenbar überzeugende Strategie unterbreitet, wie die Bank ohne neue Staatshilfe ihr Eigenkapital bis zur Jahresmitte so aufpolieren kann, dass es den Vorgaben der Europäischen Bankenaufsicht entspricht. Aber auch Aktien von Unternehmen, deren Geschäft an der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hängt (Zykliker), laufen gut. Die Börsenkurse der beiden deutschen Automobilkonzerne BMW und Daimler liegen zum Beispiel mittlerweile um beinahe ein Viertel höher als am Jahresanfang.

Anleger sind auch nur Menschen

In der zurückliegenden Woche hat sich außerdem das Volumen der gehandelten Aktien stark erhöht, teilte eine amerikanische Investmentbank mit. Gekauft worden seien zyklische Titel, verkauft wurden defensive Werte und: Über die Handelstische hätten insbesondere viele Aktien-Blöcke den Besitzer gewechselt. Der Finanzdatenanbieter EPFR ermittelte netto mehr als 4 Milliarden Dollar Mittelzuflüsse in Anleihefonds auf der ganzen Welt und beinahe 3 Milliarden Dollar Zuflüsse in Aktienfonds; Fonds, die in europäische Anleihen anlegen und solche, die in chinesische Aktien investieren, haben demnach die größten wöchentlichen Zuflüsse seit mehr als zwei Jahren verbucht. Demgegenüber seien netto fast 12 Milliarden Dollar aus Geldmarktfonds abgezogen worden.

Das alles spricht für eine substantielle Anlegeraktivität und auch dafür, dass sehr wahrscheinlich viele Marktteilnehmer - was sich mit Aussagen von Bankern in diesen Tagen deckt - mit diesem Gewinn überhaupt nicht gerechnet haben. Nun stecken sie in einer misslichen Situation: Sollen sie auch einsteigen, um nicht eine große Sause zu verpassen, oder lieber doch noch warten, weil es so erfreulich und zumal in dieser Geschwindigkeit dann doch nicht weitergehen werde. „Er hängt dazwischen, ist des Zweifels voll, / ob er nun handeln oder nichts tun soll“, schrieb der britische Dichter Alexander Pope in seinem Werk „Vom Menschen“ über denselben. Anleger sind - nicht erst seit der Finanzkrise - auch nur Menschen.

Nicht klar, wie sich die Zinserwartungen auswirken werden

Von denen, die noch nicht „dabei“ sind, werden vermutlich nicht wenige mindestens bis zur Wochenmitte abwarten. Am 24. und 25. Januar treffen sich die Direktoren der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed), um über die künftige Geldpolitik der Vereinigten Staaten zu beraten. Die Sitzung ist aus zweierlei Hinsicht bedeutsam. Einmal erwarten nach wie vor viele Marktteilnehmer, dass die Fed unter ihrem Präsidenten Ben Bernanke abermals die Notenpresse anwerfen und ein weiteres Ankaufsprogramm für Wertpapiere auf den Weg bringen wird (Quantitative Easing 3, „QE3“). Die zuletzt besseren amerikanischen Konjunkturzahlen sprechen zwar dagegen, dass das schon in dieser Woche passiert. Dennoch dürften eine ausbleibende Ankündigung oder wenigstens Hinweise, nach denen „QE3“ nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt, für sich genommen eher enttäuschen und Investoren dazu verleiten, erzielte Kursgewinne erst einmal mitzunehmen.

Die große Unbekannte der Fed-Sitzung ist freilich die anstehende Neuerung in der amerikanischen Geldpolitik: Die Zentralbankdirektoren haben beschlossen, künftig ihre Zinsprognosen zu veröffentlichen - also den Zeitpunkt, zu dem sie mit einem anderen (höheren) Leitzins rechnen als dem aktuellen nahe null. Die Fed verspricht sich davon eine bessere Wirkung der Geldpolitik. Wie sich die veröffentlichten Zinserwartungen auf die Finanzmärkte tatsächlich auswirken werden, ist nicht klar. Professionelle Marktteilnehmer gehen vielfach davon aus, dass der Leitzins in den Vereinigten Staaten noch mindestens bis ins Jahr 2013 auf dem derzeitigen Niveau bleiben wird. Weil die Inflation in Amerika nicht dramatisch verläuft, die Arbeitslosigkeit aber, deren Verringerung ebenfalls zum Auftrag der Fed gehört, mit 8,5 Prozent außergewöhnlich hoch ist für amerikanische Verhältnisse.

Nächster wichtige Anleiheemissionstag wohl der 30. Januar

Schließlich zur Euro-Krise: Sie spielte mit Blick auf die Kursbewegungen im bisherigen Jahresverlauf mehr in Marktkommentaren als an den Märkten selbst eine Rolle. Jedenfalls konnten sich trotz herabgestufter Kreditnoten durch die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor’s alle Euroländer und auch der Rettungsfonds EFSF wie geplant Geld leihen zu überwiegend günstigeren Konditionen. Spanien zeigte sich am vergangenen Donnerstag im langen Laufzeitenbereich und musste dabei eine Verzinsung von 5,4 Prozent bieten, um für zehn Jahre Geld zu leihen; das letzte Mal waren es noch 7 Prozent gewesen. Die Emission war insofern bemerkenswert, als in diesem Laufzeitenbereich die deutlich ausgeweitete Hilfe der Europäischen Zentralbank (sie reichte im Dezember beinahe 490 Milliarden Euro zum Leitzins für drei Jahre an die Geschäftsbanken aus) direkt eine deutlich geringere Rolle gespielt haben dürfte als im mittleren und kurzen Laufzeitenbereich.

Auch die Verhandlungen zwischen Griechenland und den Banken über einen teilweisen Schuldenerlass haben an den Märkten insgesamt keinen erwähnenswerten Einfluss gehabt. Das könnte sich ändern, wenn keine Einigung zustande kommt und der Staat doch pleitegeht. Der nächste wichtige Anleiheemissionstag wird wohl der 30. Januar sein, an dem Italien seine ersten Langläufer in diesem Jahr plazieren dürfte. Die drei Folgenmonate Februar, März und April, in denen das Schatzamt in Rom jeweils riesige Summen tilgen muss, werden dann zeigen, ob der freundliche Jahresauftakt mehr als eine Episode ist.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Wirtschaft.

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