An den Aktienmärkten hielt sich die Enttäuschung über die Zurückhaltung der amerikanischen Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank (EZB) in Grenzen. Zwar hatten viele Marktteilnehmer darauf gewettet, dass die Notenbanken in der vergangenen Woche neue Programme zur Stützung der amerikanischen Konjunktur beziehungsweise Hilfsmaßnahmen für angeschlagene Länder im Euroraum verabschieden würden. Deshalb gingen die Kurse nach den negativen Bescheiden aus Washington und Frankfurt am Mittwoch und am Donnerstag in die Knie. Am Freitag schien das wieder vergessen, obwohl die anstehenden Entscheidungen der Notenbanken zuvor das wichtigste Thema an den Finanzmärkten gewesen waren.
Nach kräftigen Kursgewinnen am Freitag beendeten die großen Marktbarometer auf beiden Seiten des Atlantiks die Woche dennoch im Plus. Der breitgefasste amerikanische Aktienindex S&P 500 legte im Wochenvergleich um 0,4 Prozent zu, was sich zu einem Jahresgewinn von knapp 11 Prozent addiert. Das europäische Aktienmarktbarometer Stoxx Europe 600 kletterte gar um 2,2 Prozent - ein Plus von fast 9 Prozent gegenüber Anfang Januar. Allerdings stiegen die Renditen spanischer und italienischer Staatsanleihen mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren deutlich an, nachdem sich die Hoffnung von Marktakteuren auf einen baldigen Kauf dieser Anleihen durch die EZB nicht erfüllt hatte.
Kein Anlass zur Euphorie
Auslöser der Kurserholung am letzten Handelstag der Woche war der überraschend positiv ausgefallene amerikanische Arbeitsmarktbericht für Juli. In den Vereinigten Staaten wurden im vergangenen Monat 163.000 neue Stellen geschaffen. Es handelte sich um das stärkste Wachstum der Beschäftigung seit fünf Monaten und übertraf die durchschnittlichen Erwartungen der Ökonomen deutlich. Zwar verringert eine Erholung des amerikanischen Arbeitsmarkts die Hoffnung auf eine weitere geldpolitische Lockerung durch die Fed. Börsianer freuen sich aber auch, wenn die Wirtschaft ohne weitere Stützungsmaßnahmen der Notenbank wächst.
Die Aktienmärkte werden derzeit von diesen makroökonomischen Nachrichten getrieben. Etwas in den Hintergrund geraten sind die Bilanzen der Unternehmen, obwohl die Entwicklung der Aktienkurse langfristig von Unternehmensgewinnen abhängt. Die derzeit laufende Bilanzsaison an der Wall Street gibt keinen Anlass zur Euphorie.
Nach Schätzungen des Informationsdienstes S&P Capital IQ werden die Gewinne amerikanischer Unternehmen im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr nur um 0,4 Prozent steigen. Das wäre das schwächste Ergebnis seit dem dritten Quartal 2009. Die Gründe: Die Nachfrage von Verbrauchern in den Vereinigten Staaten hat nachgelassen, und die Krise in Europa belastet die vielen international tätigen Konzerne ebenfalls. Dazu leiden die Unternehmen unter dem gestiegenen Dollarkurs, weil das die außerhalb der Vereinigten Staaten erwirtschafteten Gewinne schmälert. Weiteres Potential zur Kürzung von Kosten haben amerikanische Unternehmen auch kaum, weil sie das schon in den vergangenen Jahren ausgereizt hatten.
Die Umsätze der Unternehmen des S&P 500 dürften im zweiten Quartal etwas stärker gestiegen sein als die Gewinne. Die Analysten von S&P Capital IQ kalkulieren mit 2,2 Prozent. Es gilt jedoch als schlechtes Zeichen, wenn Umsätze stärker wachsen als Gewinne. Typischerweise geschieht das während einer Rezession. Den gleichen Trend hatte es von Ende 2007 bis 2009 gegeben, als die Finanzkrise für Turbulenzen gesorgt hatte. Auch für das dritte Quartal rechnen Analysten mit einer schwachen Gewinnentwicklung, da die Vorstände der Unternehmen bei der Vorlage der Ergebnisse kaum Zuversicht verbreiteten. „Ich war überrascht, wie schnell Analysten ihre Prognosen für das dritte Quartal gesenkt haben“, sagte Analystin Christine Short von S&P dem „Wall Street Journal“.
Angst der Anleger ist noch nicht verschwunden
Anleger sind deswegen seit geraumer Zeit in die Defensive gegangen. Es sind in den Vereinigten Staaten nämlich vor allem Dividendenaktien, die immer noch die soliden Kursgewinne der großen Marktbarometer stützten. Aktienkurse von Großunternehmen, die eine beständige und hohe Dividende an ihre Aktionäre ausschütten, sind in den vergangenen Monaten gestiegen. Diese Gesellschaften stammen häufig aus weniger konjunktursensiblen Marktsegmenten. Dazu zählen unter anderem Telekommunikationsunternehmen, Stromversorger, Pharmakonzerne oder konjunkturunabhängige Konsumgüterhersteller.
Die Dividendenrenditen dieser Aktien liegen häufig über den derzeit extrem niedrigen Renditen amerikanischer Staatsanleihen. Defensive Marktsegmente im Aktienmarkt haben sich seit Mai alle besser entwickelt als die großen Indizes. Aktienfonds, die auf Dividendenaktien spezialisiert sind, haben im zweiten Quartal starke Zuflüsse verbucht. Die Angst der Anleger ist noch nicht verschwunden.