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Baltikum Baltische Börsen brodeln im Stillen

12.03.2002 ·  Trotz der geringen Liquidiät an den baltischen Börsen können sich einige Aktien aus dieser Boomregion durchaus sehen lassen.

Von Boris Epstein
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Die überschaubare Größe der baltischen Staaten ist Chance und Risiko zugleich. Sie ist von Vorteil, weil kleinere Volkswirtschaften leichter reformiert werden können, was nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion bitter nötig war. Sie erwies sich aber auch als Handicap, da die Auswirkungen globaler Wirtschaftskrisen und anderer externer Einflussfaktoren Litauen, Lettland und Estland mit voller Wucht treffen können.

Dafür gab es schon einige Beispiele. 1999 sorgte die Russland-Krise auch für eine Rezession im benachbarten Baltikum. Als dann wieder alles nach einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum von 2001 bis 2003 aussah, wurden diese Erwartungen vom weltweiten Abschwung in Folge des 11. Septembers zunichte gemacht.

Estland als Vorreiter

Estland wird gemeinhin als der erfolgreichste der baltischen Staaten angesehen. Als kleinstes der drei Länder ist es auch dasjenige, das sich bislang am besten an Europa angenähert hat. So hat auch nur der Tallinn Stock Exchange (TSE) mit einem täglichen Umsatz zwischen eins und zwei Millionen Euro die Bezeichnung „Börse“ wirklich verdient. In Litauen und Lettland liegt der durchschnittliche Tagesumsatz nur bei einigen tausend Euro.

Aber selbst der estnische Aktienmarkt TSE hat stark mit Liquiditätsproblemen zu kämpfen. Als der TSE im vergangenen Jahr mit dem finnischen HEX fusionierte, warnten viele Experten vor einem Mittelabfluss aus Tallinn. Dieses Alptraumszenario kann nun Wirklichkeit werden. Denn unter dem aktuellen Status als kleiner Ableger des HEX wird die estnische Börse vermutlich leiden und Umsätze verlieren.

Tallinn bietet aussichtsreiche Aktien

In Estland sind es drei Werte, die die Börse dominieren. Als einziger Titel weist Hansabank eine Marktkapitalisierung von über einer Milliarde Euro auf. Binnen Jahresfrist stieg die Aktie um 50 Prozent auf 13,50 Euro. Im selben Zeitraum stieg der estnische Auswahlindex TALSE um 34 Prozent auf 174 Punkte. Das Geldhaus verzeichnete 2001 einen Gewinn von 110 Millionen Euro, ein Plus von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr Als Marktführer im Finanzsektor in allen drei baltischen Staaten hat Hansabank sogar von Moody's ein höheres Rating bekommen als der Staat Estland.

Dagegen stagnierte der Kurs der Eesti Telekom im vergangenen Jahr. Der Gewinn im Jahr 2001 lag mit 50 Millionen Euro deutlich unter den Erwartungen der Analysten, so dass sich der Wert nicht gegen den allgemeinen Abwärtstrend im Sektor behaupten konnte. Dennoch sehen viele Experten bei dem Wert noch ein beachtliches Wachstumspotential.

Der Kurs von Norma, ein Produzent von Sicherheitszubehör für Autos, konnte um 60 Prozent auf 4,65 Euro zulegen. Der Gewinn 2001 betrug 11,3 Millionen Euro, ein Plus von 12,8 Prozent zum Vorjahr. Dem Unternehmen ist es gelungen, die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren und seine Position in westlichen Märkten zu stärken. Der schwedische Mehrheitsaktionär Autoliv plant darüber hinaus, vier seiner Produktionsstätten nach Estland zu verlagern. Das dürfte die Gewinne von Norma weiter steigern.

Nur wenige Hoffnungsträger in Lettland und Litauen

An der Rigaer Börse weisen nur die Aktien des Gasversorgers Latvijas Gaze und des Ölterminals Ventspils Nafta erwähnenswerte Umsätze auf. Dabei war der Kurs von Latvijas Gaze im Zuge der von russischen und deutschen Versorgern geführten Übernahmeschlacht auf völlig überzogene 21 Euro gestiegen. Heute notiert der Wert bei zehn Euro, und Analysten prophezeien ein weiteres Absinken auf bis zu vier Euro.

Ventspils Nafta ist komplett vom russischen Öltransit abhängig. Das neue russische Ölterminal Primorsk ist eine Bedrohung für die Letten. So hofft man in Ventspils auf eine Konjunkturerholung und vermehrte Ölexporte aus Russland. Die Marktteilnehmer sehen den Wert mit dem aktuellen Kurs von 1,10 Euro fair bewertet, und die Umsätze gehen seit Monaten gegen Null. Hoffung macht in Lettland daher nur die anstehende Privatisierung der Reederei Lasco, deren Aktien im Sommer erstmalig gelistet werden sollen.

In Litauen dominiert der Telekom-Monopolist Lietuvos Telekomas. Allerdings verlor der Titel seit der Erstnotiz im Juni 2000 70 Prozent auf nurmehr aktuell 0,39 Euro. Es gibt durchaus andere potenziell interessante Titel, deren Umsätze jedoch extrem niedrig sind.

Durchwachsener Ausblick

Die Experten sind momentan durchaus unterschiedlicher Meinung, was die weitere wirtschaftliche Entwicklung der baltischen Staaten angeht. Die Volkswirte der Swedbank prophezeien ihnen mit vier bis sieben Prozent Wachstum jährlich das größte Potenzial der Region. Dagegen warnte die skandinavische Bank SEB kürzlich vor übertrieben optimistischen Prognosen. So reduzierte sie für Lettland das erwartete Wirtschaftswachstum von sechs auf fünf Prozent.

Alarmierend für die gesamte Wirtschaft ist auf jeden Fall der Bankrott mehrerer wachstumsstarker baltischer Einzelhandelsketten in letzter Zeit. So sorgt in Lettland die Pleite der Krasta Centrs - Supermärkte gleichzeitig für Probleme bei Parex, der größten Bank des Landes. In Estland bescherte der Konkurs der norwegischen Handelskette Spar der Hansabank einen schmerzlichen Gewinneinbruch. Die Banken können aber meist gar nicht anders, als die Einzelhändler weiter zu finanzieren. Denn diese Branche verzeichnet noch immer das stärkste Wachstum von allen.

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