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Automobilindustrie Unfassbares Kursplus der VW-Aktie

27.10.2008 ·  Um bis zu 200 Prozent stieg am Montag der Kurs der VW-Aktie, nachdem Porsche am Wochenende angekündigt hatte, die Kontrolle über den Autobauer übernehmen zu wollen. Doch die Aktie erscheint um ein Vielfaches überbewertet.

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Die Volkswagen-Aktie hat angesichts der Machtübernahme durch Porsche ihren Wert am Montag mehr als verdoppelt. Die Papiere von Europas größtem Autohersteller schossen bis zum Nachmittag um bis zu 201 Prozent auf 635 Euro in die Höhe, nachdem Porsche am Wochenende weitere Details zur geplanten Mehrheitsübernahme bei dem Wolfsburger Konzern bekanntgegeben hatte.

Die Volkswagen-Titel waren bereits in den vergangenen Monaten wegen Spekulationsgeschäften heftigen Kursausschlägen ausgesetzt. Analysten führten die Kursgewinne bei VW auf Investoren zurück, die auf sinkende Kurse gewettet haben und sich nun, da Porsche die Karten auf den Tisch gelegt habe, zu jedem Preis mit VW-Aktien eindecken müssten. Wegen der geringen Zahl an verfügbaren VW-Papieren sorgen die Käufe für starke Kursgewinne.

Porsche: Irrationalitäten auflösen

Porsche hatte am Sonntag angekündigt, den Anteil an VW im kommenden Jahr auf eine Dreiviertel-Mehrheit aufzustocken, um den Weg für einen Beherrschungsvertrag frei zu haben. Bereits bis Ende 2008 will der Sportwagenbauer das Steuer in Wolfsburg mit
über 50 Prozent der Stimmrechte übernehmen. Porsche hält seit Ende vergangener Woche 42,6 Prozent der Stimmen an VW.

Weitere 31,5 Prozent der Stammaktien kann Porsche mit einem deutlichen Abschlag zum aktuellen Börsenkurs erwerben, da der Kaufpreis für dieses bei institutionellen Investoren vermutete Paket über Optionen schon vor langer Zeit abgesichert wurde. Daher sind rechnerisch nur noch knapp sechs Prozent der Stimmrechte im Streubesitz.

Die überraschende Bekanntgabe dieses Zeitplans hatte der gewöhnlich verschwiegene Sportwagenbauer mit „Irrationalitäten“ in Markt begründet. Man wolle Finanzinstituten Gelegenheit geben, ihre Positionen „in Ruhe und ohne großes Risiko“ aufzulösen, erklärte Porsche.

Analysten: Porsche heizt Kurs an

Frank Schwope, Autoanalyst der NordLB, meldet indes Zweifel an: „Ich glaube nicht an den Altruismus von Porsche. Porsche habe den Kurs durch seine Ankündigung angeheizt, um das Geld aus den Optionen zu kassieren“, vermutet er. Bei der Auflösung der Kaufpreis-Optionen erhält Porsche die Differenz zwischen dem aktuellen VW-Kurs und dem niedrigeren Absicherungskurs, so dass der derzeit hohe VW-Aktienkurs keinen Nachteil für Porsche bedeutet.

Allerdings kommt der Kursanstieg auf mittlere Sicht den Stuttgartern ungelegen, da die erworbenen Papiere zu den Kaufkursen in die Bücher genommen werden müssen. Bei einem späteren Absacken des VW-Kurses könnten dadurch hohe Bewertungsverluste entstehen.

Heftiger Kursverluste sind wahrscheinlich

Und das Absacken ist wahrscheinlich. Angesichts der Krise in der Automobilbranche erscheint die aktuelle Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 53 für das laufende und das kommende Jahr und einer Marktkapitalisierung von rund 190 Milliarden Euro bei einem erwarteten Umsatz von 115 Milliarden Euro im Jahr 2009 nahezu aberwitzig.

Auch ist nicht zu erwarten, dass Porsche im VW-Konzern für eine rasche Änderung der Verhältnisse sorgen kann. Mit einem Beherrschungsvertrag könnte der Sportwagenbauer zwar auf die Barmittel von VW zugreifen und die Entwicklungsabteilung der Wolfsburger nach seinem Gutdünken steuern. Doch kann Porsche wegen der im VW-Gesetz und der
Unternehmenssatzung festgeschriebenen Sonderrechte Niedersachsens bis auf weiteres nicht frei schalten und walten. „75 Prozent an VW würden Porsche in der jetzigen Situation nichts bringen“, sagte Schwope.

Niedersachsen Regierungschef Christian Wulff (CDU) bekräftigte im Gespräch mit Reuters-TV, sein Land wolle die Sonderstellung bei VW behalten: „Wir haben das VW-Gesetz, wir haben die Satzung, die unabhängig vom VW-Gesetz ist, und die kann nur mit 80 Prozent geändert werden.“

Fundamentaler Wert der Aktie: 69 bis 138 Euro

Unicredit-Analyst Christian Aust rät weiter dazu, die Volkswagen-Aktie zu verkaufen und rechnet längerfristig mit einem Kurs von 138 Euro. Der Kurs des Titels dürfte kurzfristig allerdings nicht auf seinen fundamental gerechtfertigten Wert fallen. Nach Ansicht der Experten von Morgan Stanley müsste die VW-Aktie realistischerweise bei 69 Euro notieren.

Lediglich Michael Punzet von der DZ Bank stufte die Aktie von „Verkaufen“ auf „spekulativ Kaufen“ hoch. „Auch wenn die VW-Aktie aus fundamentaler Sicht überbewertet ist, erwarten wir nach der gestrigen Meldung von Porsche massive Short-Eindeckungen“, schreibt der Analyst und legte sein Kursziel auf 911 Euro fest - mit der Begründung, dass in dem aktuellen Szenario jedes Kursziel aus der Luft gegriffen erscheinen müsse.

Chancen und Risiken des Zockens

Was sich um die VW-Aktie derzeit ereignet, gleicht in vielem dem, was sich sonst um so manchen marktengen Penny-Stock abspielt, bei dem eine hohe Nachfrage auf ein geringes Angebot trifft. Nicht umsonst ist der Kurs der Vorzugsaktie der Wolfsburger am Montag um knapp 15 Prozent gefallen.

Die Erfahrung lehrt, dass wagemutige Anleger in solchen Situationen viel Geld verdienen können, wenn sie rechtzeitig Gewinne realisieren. Denn wann die Luft aus der Spekulation entweicht, weiß niemand. Manche Experten haben schon vor Wochen damit gerechnet. Wer zum falschen Zeitpunkt kauft, läuft Gefahr, sehr viel Geld zu verlieren. Es könnte noch Jahrzehnte dauern, bis das derzeitige Kursniveau der VW-Aktie fundamental gerechtfertigt ist. Wer beispielsweise am Montag gegen 17:09 Uhr zu 590 Euro kaufte, war nach sechs Minuten um knapp fünf Prozent reicher und nach zwanzig Minuten 17 Prozent ärmer.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: mho
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