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Automobile VW trotz erster Erfolge noch nicht über den Berg

27.07.2006 ·  Mit einem Plus von fast neun Prozent haben die VW-Aktien auf den Zwischenbericht des Autokonzerns reagiert. Doch langfristig sieht der Chart nicht gut aus. Und das Management hat noch viele Probleme zu lösen.

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Ein Plus von 8,8 Prozent auf über 59 Euro - das sieht die Volkswagen-Aktie nicht jeden Tag (Isin DE0007664005). Ausgelöst hat den Kurshüpfer die Nachricht, daß Europas größter Autobauer bei seiner Sanierung überraschend gut vorankommt. Der Konzern überraschte in der ersten Jahreshälfte mit einem Gewinnsprung. Die Analysten applaudieren, die Anleger greifen zu.

Doch ein schlechter Beigeschmack bleibt. Immerhin sieht der Vorstand den Konzern „weiterhin erheblich unter der mittelfristigen Ergebniszielsetzung“. Der Vorstandsvorsitzende und der Finanzchef sind nicht zufrieden. Tatsächlich spricht einiges dafür, daß es für grenzenlose Freude noch zu früh ist.

Sanierung kostet rund eine Milliarde Euro

Der operative Gewinn vor Sondereffekten wie Restrukturierungskosten sei in den ersten sechs Monaten um mehr als 50 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro gestiegen, teilte Volkswagen in Wolfsburg mit. Die Sanierung belastete das Autogeschäft jedoch mit rund einer Milliarde Euro. Für das zweite Halbjahr schloß VW weitere Kosten dafür nicht aus.

Konzernchef Bernd Pischetsrieder erklärte, der Gewinn sei absolut gesehen „weiter unbefriedigend“. Es seien noch erhebliche Anstrengungen erforderlich, um die Zukunft von Volkswagen zu sichern. Für den Konzernumbau hat der Vorstand, der für die Sanierung seiner sechs westdeutschen Komponenten- und Montagewerke bis zu 20.000 Arbeitsplätze in Frage gestellt hat, Rückstellungen von 1,3 Milliarden Euro gebildet. Nach VW-Angaben verlassen nach jetzigem Stand auf jeden Fall 12.200 Arbeiter vorzeitig das Unternehmen.

Verluste in Nordamerika

Nach Sonderposten - darunter ein positiver Effekt aus den Verkäufen der ehemaligen Servicetochter Gedas und der Volkswagen Bordnetze - ging das operative Ergebnis binnen Jahresfrist um 300 Millionen Euro auf eine Milliarde Euro zurück. Unter dem Strich blieb VW in den ersten sechs Monaten gut eine Milliarde Euro Gewinn nach 403 Millionen im Vorjahr. Der Verkauf der Autovermietung Europcar spülte netto 800 Millionen Euro in die Kasse.

Der Umsatz kletterte dank gestiegener Absatzzahlen in wichtigen Märkten um 14,2 Prozent auf knapp 52 Milliarden Euro. In Nordamerika fuhr Volkswagen jedoch einen Verlust vor Sonderposten von 317 Millionen Euro ein und wird dort nach den Worten Pischetsrieders wohl auch bis zum Jahr 2008 nicht profitabel werden.

Finanzchef nicht zufrieden

Bei der Sanierung der Kernmarke VW kann der Autobauer dagegen Erfolge verbuchen. Im ersten Halbjahr sei der operative Gewinn der Markengruppe Volkswagen, zu der neben VW auch Skoda, Bugatti und Bentley gehören, vor Sonderposten auf 730 Millionen Euro gestiegen und übertraf erstmals das Ergebnis der traditionell starken Markengruppe Audi.

Finanzchef Hans Dieter Pötsch sagte dennoch: „Mit dem Ergebnis der Kernmarke Volkswagen Pkw können wir nicht zufrieden sein.“ In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres hatte VW mit seiner Kernmarkengruppe operativ gerade einmal 169 Millionen Euro verdient. Bei Audi brummt das Geschäft weiter. Dort steht für das erste Halbjahr ein operativer Gewinn von 722 Millionen Euro zu Buche.

Rohstoff- und Energiepreise belasten

Für den Rest des Geschäftsjahres gab sich Pischetsrieder optimistisch und bekräftigte, daß das operative Ergebnis vor Sonderposten den Vorjahreswert übertreffen werde. Dabei hofft der Konzern auch auf Rückenwind durch steigende Absatzzahlen in Westeuropa und Nordamerika. Mit einem deutlichen Schub rechnet VW auch in China, Südamerika und Südafrika.

Finanzchef Pötsch sagte: „Der Wettbewerbsdruck wird sich weltweit noch verschärfen, hohe Rohstoff- und Energiepreise belasten zusätzlich unsere Geschäftsentwicklung.“ 2006 sei das „Jahr der Restrukturierung“. Pischetsrieder bekräftigte das mittelfristige Ergebnisziel von 5,1 Milliarden Euro vor Steuern für das Jahr 2008. „Der Weg dahin ist schwierig“, sagte er. Das Sanierungsprogramm „ForMotion plus“ werde deshalb konsequent fortgesetzt. VW will zur 35-Stunden-Woche bei gleichem Lohn zurück, derzeit arbeiten die nach Haustarif bezahlten Beschäftigen 28,8 Stunden. Offizielle Tarifgespräche mit der IG Metall haben noch nicht begonnen, dies wird für Herbst erwartet.

Lob von den Analysten

Autoanalysten äußerten sich zufrieden. „'ForMotion plus' und die anderen Bestandteile des Restrukturierungspakets scheinen zu greifen“, sagte Patrick Juchemich von Sal. Oppenheim. „Alles in allem hat VW vor allem im zweiten Quartal besser abgeschnitten als erwartet.“ Lob kam auch von den Analysten der Hypo-Vereinsbank. VW sei auf dem richtigen Weg, hieß es.

Noch vor einigen Tagen hörte sich das anders an: Merrill Lynch etwa bestätigte Mitte Juli ihr Rating „Sell“ für die VW-Aktie. Die Bewertung sei angesichts der bestehenden Risiken zu hoch. Dabei scheint die Aktie auf den ersten Blick nicht zu teuer zu sein: Auf Basis der durchschnittlichen Gewinnschätzung beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) 11,9 für dieses und 10,0 für das kommende Jahr. Allerdings gehen die Schätzungen weit auseinander: Für dieses Jahr reicht der erwartete Gewinn je Aktie von 1,18 Euro bis 6,55 Euro - die Analystenschar ist sich also nicht einig, wie sie den Autobauer einschätzen soll.

Chartbild überzeugt nicht

Der Chart spricht jedenfalls nicht für die VW-Aktie. Das Papier hatte 1998 sogar kurz die 100-Euro-Marke übersprungen. Dann ging es erst schnell, dann langsamer bergab auf unter 30 Euro 2003. Im vergangenen Jahr konnte die Aktie zur Aufholjagd ansetzen, die sie bis Anfang April auf mehr als 65 Euro trug - ein neues Fünf-Jahres-Hoch.

Der Kurs hatte damit einen wichtigen Widerstand bei gut 60 Euro geknackt, an dem er 2001 und 2002 gescheitert war. Doch im Mai und Juni konnte dieser Widerstand nicht als Unterstützung dienen, ein mittelfristig etablierter Aufwärtstrend wurde gebrochen. Darum wird sich in den kommenden Tagen zeigen müssen, ob die Aktie diesmal den Sprung über den Widerstand schafft - am Donnerstag hat es dazu mit einem Schlußkurs von 59,45 Euro noch nicht gereicht.

Noch bietet sich ein Einstieg nicht an

Kurz und gut: Der Zwischenbericht ist erfreulich, aber VW ist noch nicht über den Berg. Der Vorstand will dem Betriebsrat und Gewerkschaft harte Einschnitte für die Belegschaft abringen - ob das im gewünschten Ausmaß gelingt, ist fraglich. Der Konzern konnte seinen Marktanteil vor allem in Deutschland und Westeuropa steigern. Doch jetzt muß das Management beweisen, daß sich VW weiter gegen die harte Konkurrenz behaupten kann. Gefragt sind neue Modelle, die beim Kunden ankommen - und das bei einer parallel laufenden Sanierung, die Kräfte bindet. Diese Risiken sollte ein Anleger vor Augen haben.

Charttechnisch würde sich ein Einstieg anbieten, wenn der Titel den Widerstand bei gut 60 Euro nehmen kann und diese Hürde als Unterstützung bestätigt wird. Dann wäre der Weg frei für ein neues Fünf-Jahres-Hoch. Diese Hürde scheint nicht mehr weit zu sein. Allerdings ist es gut möglich, daß die einige Anleger nach dem gewaltigen Kursplus vom Donnerstag erst einmal ihre kurzfristig erwirtschafteten Gewinne mitnehmen. Als Dividendentitel taugt die Aktie übrigens auch nur bedingt: Die erwarteten 2,6 Prozent Rendite für das kommende Jahr sind im Dax-Vergleich nicht viel.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @bemi mit Material von Reuters
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