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Automobilbau Kurzfristige Schwäche und langfristiger Umbruch

28.07.2008 ·  Nach der Gewinnwarnung von Daimler und dem Riesenverlust von Ford folgen Absatzwarnungen von Honda und Toyota. Flaute herrscht am weltweiten Automobilmarkt. Doch nicht alle Hersteller trifft es gleich hart.

Von Martin Hock
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Die Berichtssaison aus der Automobilbranche eröffnete recht positiv. VW und Peugeot lieferten gefällige Zahlen. Doch das Glück hielt nur 24 Stunden, dann präsentierte nicht nur Ford einen gigantischen Quartalsverlust, sondern begab vor allem auch der Daimler-Konzern eine Gewinnwarnung.

Und zu Wochenbeginn häufen sich die Negativschlagzeilen aus der Branche. Vor allem ausgerechnet aus Asien kommen schlechte Nachrichten, nachdem die japanischen Hersteller lange Zeit hatten dank schwachen Yen und sparsamer Fahrzeuge besonders auf dem amerikanischen Markt hatten glänzen können.

Honda in der Flaute

Damit aber scheint es vorbei zu sein. Begonnen hatte alles schon am Freitag, als Honda mit dem Ergebnisausweis für das erste Geschäftsquartal zwar die Erwartungen übertreffen konnte und dank geringerer Kosten für Rabattaktionen in den Vereinigten Staaten und einem guten Absatz in Asien und Brasilien den Nettoüberschuss um 8,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal auf 179,6 Milliarden Yen (rund 1,1 Milliarden Euro) steigern konnte.

Doch verharrte der Betriebsgewinn nahezu auf dem Niveau des Vorjahresquartals, vor allem weil höhere Materialkosten fast doppelt so stark belasten wie ursprünglich erwartet. Mithin erwartet Honda für das gesamte Geschäftsjahr einen Gewinnrückgang um rund 18 Prozent.

Vor allem aber senkte Honda die weltweite Absatzprognose. Das Geschäftsumfeld sei „extrem hart“, sagte Vize-Chef Koichi Kondo. Statt bis zu 15,3 Millionen Fahrzeuge würden wohl nur 14,5 bis 15 Millionen verkauft.

Auch Toyota schwächelt

Am Montag folgte nun auch Japans größter Autobauer, mit einer Senkung des Absatzziels. Statt 9,85 werde man wohl nur 9,5 Millionen Fahrzeuge im laufenden Geschäftsjahr absetzen. Zudem kürzte das Unternehmen auch das Produktionsziel auf 9,5 Millionen von zuvor 9,95 Millionen hergestellten Einheiten. Damit bestätigte das Unternehmen seit Mittwoch kursierende Marktgerüchte.

Diese ungewöhnliche scharfe Herabsetzung des Absatzziels erfolgt mit Blick auf sinkende Absatzzahlen in Europa, den Vereinigten Staaten sowie in Japan wegen der weltweit gestiegenen Treibstoffpreise.

Wird China überschätzt?

Auch in China verlangsamte sich das Absatzwachstum. Und folgt man einer Studie der Unternehmensberatung Bain & Company, so birgt gerade dieser Markt für alle Autobauer noch eine herbe Enttäuschung. Die Autohersteller überschätzten laut einer Studie das Wachstumspotenzial des chinesischen Marktes. Sie müssten sie sich darauf einstellen, 2010 nicht 9,3 Millionen Fahrzeuge, sondern eher rund 7,9 Millionen Fahrzeugen abzusetzen. Das entspricht etwa der Hälfte des Absatzes in Deutschland oder der Kapazität von vier bis fünf Pkw- Werken, so Autoexperte Jörg Gnamm.

Die Entwicklung sei weniger ein Problem für Premiumhersteller wie Audi, Mercedes oder BMW, die nur vergleichsweise kleine Stückzahlen in China absetzten. Da die hohen Produktionskapazitäten vor allem bei kleinen und mittleren Fahrzeugen aufgebaut würden, treffe dies vor allem Volumenhersteller wie Volkswagen, General Motors (GM) oder eben Toyota.

Auch der Lkw-Markt ist im Tief

Schon vor einigen Tagen hatte Carlos Ghosn, Konzernchef von Renault und Nissan davor gewarnt, dass der chinesische Markt hinter den rasanten Wachstumsraten der vergangenen Jahre zurückbleiben könnte.

Es sieht daher branchen- und weltweit nicht witrklich gut aus. Das gilt auch für den Lkw-Bau. Daimler erwartet einen Aufschwung im wichtigen amerikanischen Markt nun nicht vor Ende des Jahres. Auch der zwei Jahre währende Boom im europäischen Nutzfahrzeuggeschäft gehe voraussichtlich im kommenden Jahr zu Ende. Scania spürt bereits das Ende. Im ersten Halbjahr brach der Auftragseingang um ein Viertel ein. Wegen der Marktschwäche könne man keine konkrete Prognose für 2009 abgeben.

Positive Ausblicke mit Haken

Und auch die positiven Ergebnisausweise bergen nicht wirklich viel Konkretes, woran man sich festhalten könnte. Christoph Schmidt, Händler der Wertpapierhandelsbank Fleischhacker, etwa bemängelt nicht zu Unrecht das Fehlen einer präzisen Prognose von VW. Die Aussage, im Jahr 2008 mehr verdienen zu wollen als 2007, sei ungenau. Nach sechs Monaten habe VW
bereits mehr als die Hälfte des Vorjahreswertes erreicht. „Jetzt lautet die Frage, ob die zweite Jahreshälfte stärker oder schwächer ausfallen wird.“

Peugeot-Citroën bestätigte zwar seine Ziele, warnte aber gleichzeitig vor einem Absatzrückgang in Westeuropa im Jahresvergleich von 4 Prozent. Das zweite Halbjahr werde schwieriger. In den anderen Schlüsselmärkten will der Hersteller bei der Zahl der verkauften Fahrzeuge um 15 Prozent zulegen.

Da sich aus allen Bereichen und Regionen die Warnmeldungen häufen, trübt sich der Ausblick insgesamt ein. Die Konkurrenz wird härter werden und manch ein guter Plan dürfte sich in der Zukunft nicht erfüllen lassen.

Zwar zeigt sich noch kein durchgängig rezessives Szenario. Immerhin würde beispielsweise Toyotas Absatz selbst nach den reduzierten Zahlen noch um ein Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen.

Märkte im Abschwung

Aber die Marktprognosen sind nicht gut. Das gilt vor allem für in Europa und den Vereinigten Staaten stark vertretene Hersteller. Nach einer Mitteilung des europäischen Herstellerverbands ACEA wird der Automarkt in Europa 2008 um 2,7 Prozent schrumpfen, womit sich der aktuelle Abwärtstrend beschleunigen würde. Im ersten Halbjahr betrug der Rückgang 2,0 Prozent. Von den großen Märkten sei nur in Deutschland und Frankreich mit höheren Zulassungszahlen als 2007 zu rechnen.

Auf dem amerikanischen Automarkt rutschten die Verkaufszahlen zuletzt im Juni auf ein 15-Jahres-Tief. Für das Jahr 2008 wird mit einem um mehr als sieben Prozent geringeren Absatz gerechnet. Und der japanische Automarkt befindet sich in einer Dauerkrise.

Willi Diez, Professor und Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen, befleißigt sich zudem hinsichtlich der Schwellenländermärkte einer gewissen Skepsis. Die dort verkauften Billigautos, sagte er kürzlich den „Stuttgarter Nachrichten“, seien in Sachen Energieeffizienz von gestern und so könne der relativ hohe Spritverbrauch die Autokonjunktur dort dämpfen

Zudem habe China die Kraftstoffpreise in den vergangenen Jahren stark subventioniert. Derzeit würden diese Subventionen zurückgefahren, was sicherlich Spuren im chinesischen Automarkt hinterlässt. Einen ungebrochenen Aufwärtstrend sieht er dagegen vor allem in Russland. Auch der ACEA rechnet in Osteuropa mit einem Marktwachstum von 9 Prozent im laufenden Jahr.

Das zweite Jahrhundert des Automobils

Langfristig sieht etwa Daimler die Aussichten sehr positiv. Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche sieht gute Gründe, dass „das zweite Jahrhundert des Automobils gerade erst begonnen habe“. In weniger als 30 Jahren werde sich die Zahl von 800 Millionen Autos mindestens verdoppeln, bis 2050 werde sie dreimal so hoch sein. Vor allem die Märkte in den Schwellenländern würden schnell wachsen. Allerdings werde der Ölpreis hoch bleiben.

Und das ist für Diez der wunde Punkt der Branche. Die Branche sei auf hohe Spritpreise nicht gut vorbereitet. Man habe zwar mit kontinuierlich steigenden Preisen kalkuliert, diese aber mit technischen Verbesserungen der Motoren auffangen wollen. Diese Rechnung gehe nun nicht mehr auf und man habe nicht die Technologien, um rasch zu reagieren. Zwar sieht er keine Krise, rechnet aber mit einem großen Umbruch - es gehe um die Energieträger der Zukunft.

Plus- und Minuspunkte

Kurzfristig kommt es daher darauf an, welcher Hersteller in welchem Land seinen Ab- und Umsatzschwerpunkt hat. VW ist hier insofern im Vorteil als noch fast jeder zweite Euro des Umsatzes im Inland erwirtschaftet wird. Bei Daimler und BMW ist es nur etwas mehr als jeder fünfte. Auch hat gerade für Daimler Nordamerika deutlich mehr Gewicht als für VW.

Die Bedeutung des Marktes rächt sich nicht nur für die dort heimischen Riesen Ford und GM, die in der Region mehr als 60 Prozent des Umsatzes machen. Honda setzt dort anteilsmäßig fast ebensoviel um und auch Toyota hat zuletzt jedes dritte Fahrzeug dort verkauft.

Den französischen Herstellern kommt ihr hohes nationales Gewicht ebenfalls zugute, wobei dies vor allem für Renault gilt, die knapp ein Drittel des Umsatzes in Frankreich machen. Vor allem aber haben beide, Peugeot und Renault praktisch kein Nordamerikageschäft. Fiat hängt dagegen immer noch recht stark am italienischen Markt.

Preiswertere Europäer

Betrachtet man die fundamentale Bewertung der Aktien, so sind europäische Werte mit prognostizierten Kurs-Gewinn-Verhältnissen zwischen 5,6 bis 7,3 für das laufende und 4,8 bis 7 für das kommende Jahr (mit Ausnahme von VW, die weiter hoch bewertet sind) entscheiden attraktiver als japanische Werte, die mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von mindestens 10 gehandelt werden. Auch die Dividendenrenditen sind entschieden attraktiver.

Die Frage ist indes, inwieweit Automobil-Aktien in den kommenden Monaten an sich attraktiv sind. Während sich europäische Werte aber stabilisieren sollten, sind bei japanischen weitere Kursverluste nicht unwahrscheinlich.

Wer den Energieträger der Zukunft als erstes hat, ist heutzutage nicht zu prognostizieren. Diez will sich nur ungern überhaupt festlegen, glaubt aber nicht an das Elektroauto, da der zusätzliche Energiebedarf kaum ohne deutlich steigenden Energiepreise zu decken sei. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit sind technische Impulse bislang vor allem aus Japan und Deutschland gekommen. Doch handelte es sich dabei um inkrementelle Verbesserungen. Eine technische Revolution kann von unerwarteter Stelle kommen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

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Jahrgang 1964, Redakteur in der Wirtschaft.

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