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Veröffentlicht: 07.04.2014, 08:47 Uhr

Hochfrequenzhandel Millionen in Millisekunden

Hochfrequenzhändler an der Börse ziehen alle über den Tisch - sogar Privatanleger. Diese These vertritt Michael Lewis in seinem neuen Buch „Flash Boys“. Ein Auszug vorab.

© Campus Verlag Michael Lewis, Flash Boys

Bis zu dem Moment, an dem das amerikanische Finanzwesen zusammenbrach, konnte sich Brad Katsuyama einreden, dass er keinerlei Verantwortung für dieses System trug. Er war schließlich ein Angestellter der Royal Bank of Canada. Die RBC ist zwar das neuntgrößte Geldinstitut der Welt, doch mit der Wall Street wurde sie nur selten in Verbindung gebracht. Sie war stabil und für eine Bank vergleichsweise rechtschaffen, und schon bald sollte bekannt werden, dass sie der Versuchung widerstanden hatte, amerikanische Schrottanleihen zu kaufen und an ahnungslose Anleger zu verticken.

Doch die Vorstände machten sich keine Vorstellung, wie unbedeutend ihre Bank in den Augen der amerikanischen Banker war, wenn diese überhaupt von ihrer Existenz wussten. Brad war schon 2002 im Alter von 24 Jahren für die RBC nach New York gegangen, als die Bank versuchte, in großem Stil an der Wall Street einzusteigen. Das Traurige war nur, dass kaum jemand etwas von diesem großen Moment mitbekam.

Von der Börsenabteilung der RBC in One Liberty Plaza hatte man einen guten Ausblick auf den Abgrund, auf dem einst die Zwillingstürme des World Trade Center gestanden hatten. Als Brad in New York ankam, ließ die Bank noch Untersuchungen durchführen, um zu ermitteln, ob die Atemluft der Mitarbeiter belastet war. Irgendwann vergaßen sie, was gegenüber passiert war, und das Loch im Boden wurde zu einem Teil der Landschaft, die man sah, ohne sie bewusst wahrzunehmen.

Die „Keine Arschlöcher“-Regel

Während seines ersten Jahres an der Wall Street handelte Brad mit den Aktien amerikanischer Technologie- und Energieunternehmen. Er hatte ein paar abseitige Ideen zur Schaffung eines „perfekten Marktes“, wie er es nannte, und diese funktionierten so gut, dass ihm seine Vorgesetzten schon bald die Leitung über die aus gut zwanzig Händlern bestehende Wertpapierabteilung übertrugen. Die Abteilung funktionierte nach einem Prinzip, das die Mitarbeiter als „Keine Arschlöcher“-Regel bezeichneten: Wenn ein Bewerber zur Tür hereinkam und nach einem typischen Wall-Street-Arschloch klang, dann bekam er keine Anstellung, egal, wie viel Geld er für die Bank verdienen wollte.

Wenn es einen Widerspruch zwischen Brad Katsuyamas Überzeugungen und seiner Tätigkeit gab, dann bemerkte er ihn nicht. Er nahm an, er könne an der Wall Street arbeiten, ohne dass sich dies auch nur im Geringsten auf seine Gewohnheiten, Vorlieben, Ansichten und Persönlichkeit auswirken würde. Und während der ersten Jahre an der Wall Street stimmte das auch. Er hatte Erfolg, weil er sich selbst treu blieb. „Seine Rolle bei der RBC in New York war klar“, sagt ein früherer Kollege. „Brad war der Goldjunge. Wir haben alle gedacht, dass er irgendwann mal die Bank leitet.“ Sein Leben lang hatte Brad Katsuyama dem System vertraut, und das System hatte im Gegenzug ihm vertraut. Kein Wunder, dass er nicht auf das vorbereitet war, was das System mit ihm anstellen sollte.

Die Schwierigkeiten begannen im Jahr 2006, nachdem die Royal Bank of Canada für 100 Millionen Dollar eine Maklerfirma namens Carlin Financial aufgekauft hatte, die auf den elektronischen Börsenhandel spezialisiert war. Brad schien es überhastet, ein Unternehmen zu kaufen, ohne es zu kennen und ohne allzu viel vom elektronischen Börsenhandel zu verstehen. Seiner Ansicht nach hatten seine Vorgesetzten zu lange mit typisch kanadischer Bedächtigkeit auf die gewaltigen Umwälzungen auf den Finanzmärkten reagiert, doch als sie dann endlich tätig wurden, wirkte ihre Entscheidung wie eine Panikreaktion.

Baseballschläger und Rüpel

Plötzlich arbeitete Brad neben amerikanischen Händlern, die er nicht eingestellt hätte, wenn er sich an seine Regeln gehalten hätte. Einen Tag nach dem Zusammenschluss bekam er einen besorgten Anruf von einer Mitarbeiterin, die in den Hörer flüsterte: „Hier ist so ein Typ in Hosenträgern, der mit einem Baseballschläger durchs Büro marschiert und damit um sich schlägt.“ Der Typ war Jeremy Frommer, Gründer und CEO von Carlin. In einer seiner Lieblingsposen legte er die Füße auf den Tisch und schwang den Baseballschläger über dem Kopf, während eine arme Seele von Schuhputzer seine Schuhe wienerte. Genauso gern hockte er sich in der Börsenabteilung auf einen Hocker und dachte laut darüber nach, wen er denn als Nächsten feuern könnte.

Jedes Mal, wenn er mit seinem Baseballschläger ausholte, traf Jeremy Frommer die kanadischen Befindlichkeiten. Es war so, als wären die Börsenrowdys von der Wall Street der Achtziger in eine Zeitmaschine gestiegen und hätten sich aus Jux in die freundlichste, zivilisierteste kanadische Provinz gebeamt.

Die RBC-Händler saßen morgens um halb sieben an ihren Schreibtischen, die Jungs von Carlin trudelten gegen halb neun ein und sahen reichlich mitgenommen aus. Die Mitarbeiter der RBC waren höflich und bescheiden, die Kerle von Carlin lautstarke Rüpel.

Der Computer übernimmt

Aus Gründen, die Brad nicht nachvollziehen konnte, bestand die Royal Bank of Canada darauf, dass er mit seiner gesamten Abteilung ihre Büros in der Nähe der Wall Street räumte und in Carlins Gebäude in Midtown Manhattan zog. Das bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er hatte den Eindruck, in Kanada sei man zu dem Schluss gekommen, die Zukunft liege im Computerhandel, obwohl man dort gar nicht wusste, was das eigentlich genau war.

Kaum hatten sich die RBC-Händler im Carlin-Büro eingerichtet, wurden sie von Frommer zusammengetrommelt und mussten sich von ihm einen Vortrag über den Zustand der Finanzmärkte anhören. Frommer stand vor einem an der Wand angebrachten Computerbildschirm. Brad erinnert sich: „Er ist aufgestanden und hat uns erklärt, dass es heute an der Börse nur noch um Geschwindigkeit geht. Und dann hat er gesagt, ich will euch mal vorführen, wie schnell unser System ist. Neben ihm hat ein Typ mit einem Laptop gesessen, und den hat er aufgefordert: ,Gib mal eine Bestellung ein!‘ Der Typ drückt Enter, und die Bestellung erscheint auf dem Bildschirm. Und Frommer schreit: ,Seht ihr das! So schnell geht das!‘

Just in dem Moment, in dem Jeremy Frommer in das Leben von Brad Katsuyama trat, begann der amerikanische Aktienmarkt, sich sonderbar zu verhalten. Ehe die RBC die angeblich moderne Computerhandelsfirma gekauft hatte, hatten seine Computer das getan, was er von ihnen erwartete. Jetzt schienen sie plötzlich nicht mehr zu funktionieren. Ehe er sich gezwungen sah, Carlins Technik zu übernehmen, hatte er seinen Computern vertraut.

Kein Vertrauen mehr in den Markt

Wenn sein Computer ihm sagte, dass 10.000 Intel-Aktien zu 22 Dollar pro Stück erhältlich waren, dann bedeutete das, dass er 10.000 Intel-Aktien zu 22 Dollar pro Stück kaufen konnte. Er musste nur einen Knopf drücken. Aber wenn er im Frühjahr 2007 auf dem Bildschirm sah, dass 10.000 Intel-Aktien zu 22 Dollar pro Stück erhältlich waren, und den Knopf drückte, dann war das Angebot plötzlich verschwunden. In seinen sieben Jahren als Börsenhändler war er immer in der Lage gewesen, auf seinem Bildschirm den Markt zu erkennen. Nun sah es so aus, als wäre der Markt auf seinem Bildschirm eine Fata Morgana.

Das war ein Riesenproblem. Als Börsenhändler vermittelte Brad zwischen Investoren, die große Aktienpakete kaufen und verkaufen wollten, und den Märkten, auf denen kleinere Mengen gehandelt wurden. Nehmen wir an, ein Händler wollte drei Millionen Aktien von IBM verkaufen, während auf den Märkten lediglich eine Million Aktien nachgefragt wurden. In diesem Fall kaufte Brad das gesamte Paket, verkaufte eine Million Aktien auf einmal und setzte dann im Laufe der nächsten Stunden mit einigem Geschick die verbliebenen zwei Millionen Aktien ab. Aber wenn er den Markt nicht kannte, konnte er keinen Preis für das große Paket ermitteln. Er hatte dem Markt Liquidität zur Verfügung gestellt, doch nach allem, was nun auf seinen Bildschirmen passierte, verspürte er immer weniger Lust dazu. Da er das Risiko nicht mehr einschätzen konnte, wollte er es auch nicht mehr eingehen.

Immer einen Schritt voraus

Etwa im Juni 2007 ließ sich das Problem nicht mehr übersehen. Eine Computerfirma namens Flextronics aus Singapur kündigte an, einen kleineren Konkurrenten namens Solectron für knapp unter 4 Dollar pro Aktie zu kaufen. Die Börsen - die New York Stock Exchange und die Nasdaq - spiegelten den Markt. Nehmen wir an, der Preis stand bei 3,70/3,75, dann heißt das, man konnte eine Solectron-Aktie für 3,70 Dollar verkaufen und für 3,75 kaufen. Ein Großinvestor rief Brad an und wollte ein Paket von fünf Millionen Solectron-Aktien verkaufen. Das Problem war nur, dass zu diesem Preis lediglich eine Million Aktien nachgefragt wurden. Doch der Großinvestor bat Brad, das Risiko einzugehen und die übrigen vier Millionen ebenfalls zu verkaufen. Also kaufte Brad die Aktien zu 3,65 Dollar pro Stück und damit knapp unter dem Marktpreis.

Doch als er auf dem Bildschirm die Aktienkurse an der Börse sah, waren diese gefallen. Es war, als könnte der Markt seine Gedanken lesen. Statt das Paket wie erhofft zu 3,70 Dollar pro Stück zu verkaufen, konnte er nur einige Hunderttausend zu diesem Preis abstoßen und verursachte damit einen Mini-Kurssturz der Solectron-Aktie. Es war, als wüsste jemand, was er vorhatte, und reagierte, ehe er es ausgesprochen hatte. Er musste die vier Millionen Aktien zu einem Preis weit unter 3,70 Dollar verkaufen und verlor ein kleines Vermögen.

Was Brad zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ahnte: Irgendjemand war nicht nur in der Lage, seine Absicht zu identifizieren, bestimmte Aktien zu kaufen. Sondern dieser Jemand kaufte die Aktien auch noch vor ihm und verkaufte sie ihm dann zu einem höheren Preis weiter - binnen Sekundenbruchteilen. Jemand war ihm immer einen Schritt voraus. Später würde er erfahren, dass sich solche Leute wegen ihrer ultraschnellen Computer „Flash Trader“ nennen.

Händler über den Tisch gezogen

Brad bereitete all das Kopfzerbrechen. Als er mit Leuten von den Großbanken der Wall Street sprach, stellte er jedoch fest, dass es diesen kaum anders ging. „Ich war immer ein Händler gewesen, und als Händler sitzt man unter einer Glasglocke. Man schaut den ganzen Tag nur auf den Bildschirm. Aber jetzt habe ich zum ersten Mal anderen Händlern zugeschaut“, berichtet er. Ein guter Bekannter arbeitete bei einem Verwalter von großen Hedgefonds namens SAC Capital in Stamford, Connecticut. SAC Capital hatte den Ruf, dem Aktienmarkt immer einen Schritt voraus zu sein. Wenn ihm jemand etwas über den Markt erzählen konnte, das er nicht wusste, dann die Leute von dieser Investmentgesellschaft.

Also stieg Brad in den Zug nach Greenwich und schaute seinem Freund über die Schulter. Er sah sofort, dass sein Bekannter zwar die Technik von Goldman Sachs, Morgan Stanley und anderen Investmentbanken benutzte, dass er aber im Grunde vor demselben Problem stand wie die Händler der RBC: Die Bildschirme bildeten den Markt nicht mehr ab.

Sein Bekannter drückte eine Taste, um Aktien zu kaufen oder zu verkaufen, und der Markt veränderte sich zu seinen Ungunsten. „Als ich gesehen habe, wie er Geschäfte macht und über den Tisch gezogen wird, da habe ich gewusst, dass es nicht meine Schuld ist. Alle anderen Händler schoben denselben Frust. In dem Moment habe ich gewusst, dass es ernst ist.“

Brad stand mit seinem Problem also nicht allein. „In diesem Moment war mir klar, dass der Markt manipuliert wird. Und mir war klar, dass es irgendetwas mit der Technologie zu tun hat. Die Antwort befand sich unter der Oberfläche der Technologie. Ich hatte keine Ahnung, wo. Aber mir war klar, dass ich das nur herausfinden würde, wenn ich unter die Haube schaue.“

Mehr zum Thema

F.A.S. Mehr dazu in der Sonntagszeitung vom 06.04.2014. Am Vorabend schon in der F.A.S. -App und als E-Paper.

Michael Lewis, Flash Boys - Revolte an der Wall Street erscheint in der deutschen Fassung am 10. April im Campus Verlag (24,99 Euro).

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