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Auslandsmarkt Konsumwerte an Brasiliens Börse gefragt

 ·  Das größte Land Lateinamerikas hofft für das kommende Jahr auf einen kräftigen Aufschwung. Rund 4 Prozent Wachstum sollen es werden. Die Hoffnung ruht auf Stahlkonzernen, Konsumgüterherstellern und Einzelhändlern.

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An der Börse von São Paulo (Bovespa) hat sich die Stimmung deutlich aufgehellt. Der Bovespa-Leitindex stieg im September um fast 4 Prozent, wenngleich die Kurse in den vergangenen Tagen wieder nachgaben. Auslöser der Kurserholung war vor allem die Entspannung an den globalen Finanzmärkten nach den Ankündigungen von möglichen Anleihekäufen der EZB sowie einer neuen Runde der quantitativen Lockerung in den Vereinigten Staaten. Brasilianische Standardwerte wie die Ölgesellschaft Petrobras und der Bergbaukonzern Vale profitieren in besonderem Maße von der erhöhten Risikobereitschaft internationaler Anleger. Nach Monaten der Flaute strömt zuletzt wieder reichlich ausländisches Anlagekapital an die Bovespa.

Auch positive Indikatoren der heimischen Konjunktur, die eine Überwindung der Wachstumsdelle erhoffen lassen, trugen zum Anstieg der Kurse bei. Eine Flut von Steuer- und Zinssenkungen seit August 2011 scheint allmählich Wirkung zu zeigen. Während das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im laufenden Jahr auf geschätzte 1,6 Prozent eingebrochen ist, erwarten Konjunkturexperten für 2013 eine deutliche Beschleunigung des BIP-Anstiegs auf 4 Prozent.

Bovespa-Leitindex dürfte laut Analysten bis Jahresende um 10 Prozent steigen

“Wir glauben, das Schlimmste liegt hinter uns“, schreibt Ben Laidler, Aktienstratege für Lateinamerika bei der Bank HSBC, die Brasilien in ihrem Modell-Portfolio deutlich übergewichtet. Nachdem die Gewinnerwartungen in den vergangenen Monaten drastisch zurückgeschraubt worden seien, bestehe nun wieder Potential für eine positive Marktentwicklung. Mit Kursen vom Zehnfachen der für 2013 erwarteten Gewinne seien brasilianische Aktien derzeit „vernünftig bewertet“, so Laidler.

Gemäß einer Umfrage der Agentur Reuters unter 30 Analysten liegen die Prognosen für den Bovespa-Leitindex zum Jahresende 2012 im Mittel bei 65.000 Punkten. Das würde gegenüber dem heutigen Stand einen Zuwachs um etwa 10 Prozent bedeuten. Bis Jahresmitte 2013 erwarten die Fachleute einen weiteren Anstieg auf etwa 70.000 Zähler. Gleichzeitig steht der brasilianische Real nach der Ankündigung weiterer Liquiditätsspritzen in den Vereinigten Staaten wieder unter Aufwertungsdruck. Zwar hat Brasiliens Finanzminister Guido Mantega klargemacht, dass sich die Regierung mit allen Mitteln gegen eine Aufwertung der Währung stemmen werde. Das könnte möglicherweise auch eine abermalige Erhöhung der Steuern auf ausländische Kapitalzuflüsse bedeuten. Doch zumindest brauchen ausländische Anleger kaum eine weitere Abwertung des Real zu befürchten, der im bisherigen Jahresverlauf rund 9 Prozent gegenüber dem Dollar verloren hat. Experten sehen den Wechselkurs zum Jahresende 2012 ebenso wie Ende 2013 stabil bei 2 Real je Dollar.

Reformen versprechen Wachstum

Besonders positiv werten Ökonomen, dass die Regierung von Staatspräsidentin Dilma Rousseff in jüngster Zeit neben der kurzfristigen Nachfragestimulierung auch Maßnahmen zur Beseitigung struktureller Wachstumshemmnisse in Angriff genommen hat. Dazu gehört der Ausbau der Infrastruktur über die Vergabe von Konzessionen an private Unternehmen sowie eine Senkung der dramatisch überhöhten Energiepreise des Landes. Allerdings haben manche Regierungsmaßnahmen Unternehmen und Aktionäre auf dem falschem Fuß erwischt.

So hatten dividendenstarke und relativ konjunkturunabhängige Energieunternehmen wie Cemig und AES Tietê bis vor wenigen Wochen zu den großen Favoriten der Anleger gezählt. Bis die Regierung Anfang September überraschend ihre neue Energiepreis-Verordnung lancierte. Demnach sollen die Energietarife um bis zu 28 Prozent sinken. Betroffen sind vor allem Inhaber von Konzessionen, die in den nächsten Jahren auslaufen. Die Aktienkurse der Energiekonzerne brachen innerhalb weniger Tage um bis zu ein Drittel ein.

Stahlkonzerne, Konsumgüterhersteller und Einzelhändler vorn

Umgekehrt werden Nachzügler wie der schwächelnde Stahlkonzern Usiminas plötzlich zu Gewinnern an der Börse. Usiminas profitiert nicht nur von der Aussicht auf sinkende Energiekosten, sondern auch von einer kürzlich verfügten Erhöhung der Einfuhrzölle, mit der die Regierung die wenig wettbewerbsfähige Industrie vor der Importkonkurrenz schützen will. In vier Wochen stieg der Kurs von Usiminas um fast 24 Prozent. Andere Unternehmen, die von den jüngsten Regierungsmaßnahmen profitieren, sind die Zellstoffproduzenten Suzano, Klabin und Fibria und der Stahlkonzern CSN. Dagegen leiden Bankaktien unter dem Druck der Regierung auf eine Verminderung der Zinsmargen und der Gebühren für Bankdienstleistungen.

Hohe Kursgewinne erzielten im bisherigen Jahresverlauf vor allem Konsumgüterhersteller und Einzelhändler. Unternehmen wie der Mischkonzern Hypermarcas, der Kosmetik-Marktführer Natura und die Supermarktkette Pão de Açúcar profitieren von den Steuer- und Zinssenkungen, mit denen Regierung und Zentralbank die Konjunktur antreiben, sowie von der steigenden Beschäftigung und einem weiterhin kräftigen Kreditwachstum. Während der Bovespa-Leitindex seit Jahresbeginn um 4,3 Prozent zulegte, stieg der Icon-Index der Konsumwerte um 27,2 Prozent.

Geschäft mit der Bildung

Zu den größten Kursgewinnern des Jahres zählen ferner private Bildungsanbieter. Der soziale Aufstieg hat vielen Brasilianern den Zugang zu besseren Bildungsangeboten eröffnet. Kostenfreie staatliche Universitäten sind überlaufen. Börsennotierte Privatuniversitäten wie Kroton, Anhanguera und Estacio stoßen in diese Lücke. Rückenwind erhalten sie dabei durch staatliche Studienkredite, die zu günstigen Konditionen und in stark wachsendem Umfang vergeben werden. Die Aktien der genannten Unternehmen haben in den vergangenen zwölf Monaten um 70 bis 90 Prozent an Wert gewonnen. Analysten der Deutschen Bank empfehlen alle drei zum Kauf, an erster Stelle jedoch das Unternehmen Kroton, das überdurchschnittlich von den Studienkrediten profitiert und besonders auf das wachstumsträchtige Fernstudien-Segment setzt.

Die Kurse der traditionellen Bovespa-Schwergewichte Petrobras und Vale dümpeln derweil vor sich hin. Der staatlich kontrollierten Ölgesellschaft gelingt trotz gigantischer Investitionen bislang keine Ausweitung der Förderung. Der weltgrößte Eisenerzproduzent Vale leidet unter der Wachstumsabschwächung in China und dem dadurch ausgelösten Rückgang der Erzpreise. Doch selbst bei Preisen von 100 Dollar je Tonne Eisenerz werfe die besonders kostengünstige Produktion von Vale immer noch eine Gewinnmarge von 50 Prozent (vor Steuer, Abschreibung und Zins, Ebitda) ab, kalkuliert die Citibank. Auch aufgrund ihrer relativ niedrigen Bewertung mit weniger als dem Siebenfachen der für 2012 erwarteten Gewinne gehört Vale weiterhin zu den Kaufempfehlungen vieler Analysten.

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