21.12.2009 · Was auch immer das kommende Jahr bringen wird: Amerikanische Anleger werden ihr Heil wohl im Ausland suchen. Und sie tun gut daran.
Von Peter CoyWenn chinesische Industrielle nach einem harten Verhandlungstag wieder einmal bei schottischem Whisky einen erfolgreichen Geschäftabschluss feiern, klingeln bei Diageo, der in London ansässigen größten Schnapsbrennerei der Welt, die Kassen. 2007 brachte Diageo die Johnnie Walker Blue Label George V-Edition auf den Markt: die Kristallkaraffe zu 600 Dollar. Der Verkaufserfolg in Asien war so überwältigend, dass Diageo in diesem Jahr noch einen drauf setzte und The John Walker nachschob. Unverbindliche Preisempfehlung: 3.000 Dollar. Das Unternehmen lässt verlauten, das Geschäft gehe „sehr gut“.
Anleger dürfen mit Blick auf das Jahr 2010 von Diageo lernen: Man finde heraus, wo auf der Welt Reichtum produziert wird, und nehme sich ein Stück - sei es in China oder Brasilien oder in den Vereinigten Staaten. Wir können nicht darauf zählen, dass ein kraftvoller Wirtschaftsaufschwung die Kurse von Unternehmen aus dem zweiten oder dritten Glied auf akzeptable Höhen führen wird. Die meisten Ökonomen erwarten eine eher schwache Konjunkturbelebung.
Sieger blieben die PariasPariahs
Vor einem Jahr, als auf den Märkten Heulen und Zähneklappern war, sagten wir an dieser Stelle voraus, dass die Anleger „gut daran täten zu kaufen, was keiner haben will“, wie zum Beispiel ertragreiche Anleihen. Und siehe da: Bis November hatten sich auf den globalen Märkten Junkbonds um 58 Prozent erholt, gefolgt von Rohstoffen (36 Prozent), Gold (34 Prozent), Aktien (29 Prozent) und erstklassigen Unternehmensanleihen (23 Prozent).
Das Ertragsschlusslicht in dieser Reihe bildeten die sichersten Anlagen von allen, nämlich Staatstitel, die es auf 8 Prozent brachten. Aber die Tage des leicht verdienten Geldes durch Risikosteigerung sind vorüber. Es ist an der Zeit, sich wertstabileren Aktien, Anleihen und Rohstoffen zuzuwenden, auf die auch dann Verlass ist, wenn die amerikanische Wirtschaft in der Krise steckt.
Go global!
Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, 2010 global zu investieren. Das ist eines der wenigen Dinge, auf die sich passive und aktive Anleger einigen können - wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen. Passive Anleger glauben, dass man nicht besser sein könne als der Markt. Darum favorisieren sie eine Von-allem-etwas-Strategie, um ihr Risiko zu mindern, falls eine Investition sich als Fehlgriff erweisen sollte.
Nach ihrer Philosophie ergibt sich die maximale Diversifizierung aus der Verteilung seines Geldes nicht nur im eigenen Land, sondern rund um den Globus. Amerikaner - so das Lager der Passiven - sollten nicht höher in amerikanische Aktien investieren, als es dem Anteil amerikanischer Aktien an der weltweiten Marktkapitalisierung entspricht. Laut MSCI Barra, die Marktindizes berechnen, ist dieser Anteil von 70 Prozent im Jahr 1970 auf 48 Prozent im Jahr 2009 zurückgegangen.
Man könnte sogar argumentieren, dass Amerikaner amerikanische Aktien untergewichten sollten, um ihr enormes Engagement in den Vereinigten Staaten durch die Häuser, die sie auf amerikanischem Boden besitzen, zu kompensieren. Nicht viele Amerikaner können eine derartige internationale Diversifizierung vorweisen. Laut einer Erhebung von Hewitt Associates finden sich in einem typischen amerikanischen Pensionsplan für Arbeitnehmer etwa fünfmal mehr amerikanische als nicht-amerikanische Aktien.
Traumertrag von 7000 Prozent
Aktive Anleger nehmen ebenfalls Investitionen im Ausland unter die Lupe; allerdings nicht nur aus Gründen der Diversifizierung. Im Gegensatz zu Indexfonds-Anlegern sind sie der Überzeugung, dass man den Markt schlagen könne. Und nicht wenige glauben, dass einige der besten Schnäppchen für 2010 außerhalb der Vereinigten Staaten in Märkten zu finden seien, die noch nicht so intensiv von den Profis durchforstet wurden.
Ein Anleger, dem es in der Zeit von 2001 bis Dezember 2008 auf wundersame Weise gelungen wäre, jedes Jahr die 10 besten Aktien der Welt in jedem Marktsegment zu finden, hätte einen Gesamtertrag von fast 7.000 Prozent erwirtschaftet, meint MFS Investment Management, der in Boston beheimatete Fondsverwalter.
Im Gegensatz dazu hätte, so fügt MFS hinzu, ein gleichermaßen vorausschauender Anleger, der sich allein auf die ertragsstärksten Aktien des Standard & Poor's 500 beschränkt hätte, eine Gesamtrendite von knapp unter 1.500 Prozent erzielt. Oder anders ausgedrückt: Wer sich zutraut, ein ordentliches Aktiendepot zusammenzustellen, wird auf der ganzen Welt nach geeigneten Papieren suchen.
Amerikanisches Geld wandert aus
Viele Amerikaner werden - was immer ihre Beweggründe sein mögen - im kommenden Jahr vermutlich ihre Suche nach Anlagemöglichkeiten im Ausland verstärken. Eine für Bloomberg Business Week Anfang Dezember durchgeführte Online-Befragung fand heraus, dass 40 Prozent der amerikanischen Anleger planen, den Anteil internationaler Aktien in ihren Portfolios, der noch vor einem Jahr bei 22 Prozent lag, in den kommenden fünf Jahren auszuweiten.
Manche Dinge ändern sich allerdings nicht so rasch: Auf die Frage, welcher Aktienmarkt im kommenden Jahr die besten Erträge erbringen werde, kam zur Antwort, dass die Amerikaner nach wie vor das eigene Land allen anderen Ländern vorziehen würden. Bei den befragten ausländischen Anlegern kamen die Vereinigten Staaten nur auf den vierten Platz - hinter China, Indien und Brasilien.
Anderswo ist mehr zu holen
Diese nicht-amerikanischen Anleger könnten auf dem richtigen Weg sein. Im Vergleich zu den Aussichten in den sich allmählichen erholenden Vereinigten Staaten finden sich viel höhere Wachstumschancen in Asien und in rohstoffreichen Nationen wie Brasilien, Kanada und Australien, wo die Zuversicht der Unternehmen unlängst den höchsten Stand seit sieben Jahren erreichte. „Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten spielt, bei allem gebührenden Respekt, nicht mehr eine so dominierende Rolle in der Weltwirtschaft wie früher.“
Es werde im Hinblick auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eine Abkopplung anderer Länder von den Vereinigten Staaten geben, stellt Oded Shenkar, Professor am Fisher College of Business der Ohio State Universität, fest. Die Gründe für eine globale Anlagestrategie werden noch überzeugender, wenn man davon ausgeht, dass der Dollar im Jahr 2010 an Wert verlieren wird. Die Erträge ausländischer Aktien und Anleihen sind den Amerikanern mehr wert, wenn der Dollar gegenüber anderen Währungen verliert.
Die Federal Reserve hat fest versprochen, die kurzfristigen Zinsen extrem niedrig zu halten, bis die amerikanische Wirtschaft wieder an Fahrt gewonnen hat. Das dürfte aber frühestens im nächsten Sommer der Fall sein. Niedrige amerikanische Zinsen drücken die Währung nach unten.
Chancen bei Multis
Der Kauf von Papieren multinationaler Unternehmen macht es einfach, auf globales Wachstum zu setzen, ohne in Namen herumzustochern, von denen noch kaum jemand etwas gehört hat. Aber auch bei den Multis gibt es Unterschiede. Hersteller von Massenkonsumgütern für die wachsenden Märkte Asiens und Lateinamerikas seien eine sichere Bank für 2010, findet Rajiv Jain, Chef der Abteilung für internationale Aktien bei Vontobel Asset Management in New York.
Diageo ist natürlich einer von ihnen. Andere sind Coca-Cola, Nestlé, McDonald's und BAT (wenn es einem nichts ausmacht, sich an einem Tabakhersteller zu beteiligen). Viele dieser Unternehmen zahlen ganz ordentliche Dividenden und haben Kurs-Gewinn-Verhältnisse, die - historisch gesehen - im Vergleich zu denen von Wachstumsaktien niedrig sind, erklärt Jain.
Wer noch stärker auf Wachstum in den Entwicklungsländern setzen will, sollte ein Unternehmen wie Nestlé Indien probieren (auch wenn das kein multinationaler Player ist), das stolze 11 Quartale hintereinander ein kräftiges Einnahmenplus vorweisen kann. „Wenn man sich deren Zahlen anschaut, käme man nie auf den Gedanken, dass es eine Rezession gegeben hat“, wundert sich Jain.
Technologiewerte mit Vorteilen
Allerdings ist es nicht das beste Jahr, um alles auf die Karte des industriellen Wiederaufschwungs zu setzen. Trotz Werksschließungen und Entlassungen gibt es in den Vereinigten Staaten nach wie vor massive Kapazitätsüberhänge. China verschlimmerte seine eigenen Überkapazitäten im Produktionsbereich noch, als es in dem Versuch, einen Konjunktureinbruch aufzufangen, in Betriebe, Anlagen, Infrastruktur und Wohnungsbau investierte.
Dem Technologiesektor dürfte es dank seiner kürzeren Produktzyklen etwas besser als dem Bereich der allgemeinen Fertigung ergehen. Falls die Käufer überhaupt etwas Geld übrig haben, so ersetzen sie im Allgemeinen ihre Computer und Kommunikationsgeräte, sobald sie veraltet sind. Der weltweite Halbleiterabsatz erholte sich seit seinem Tief im Februar 2009 bis zum Oktober um 50 Prozent, bemerkt Ökonom Edward Yardeni von Yardeni Research in Great Neck, New York. Aber die Technologiewerte haben sich kräftig aus ihrem Tal herausgearbeitet, so dass sie zu den gegenwärtigen Kursen nicht eben als Sonderangebote durchgehen können.
Ausgereizte Finanzaktien
Auch Banken und andere Finanzunternehmen präsentieren sich nicht als gute Geldanlagen. Auf ihnen lasten notleidende Kredite und Investitionen, die während der fetten Jahre getätigt wurden. Und an bilanzexterne Finanzierungen, mit denen sie einst ihre Erträge aufpeppten, ist heute gar nicht mehr zu denken, weiß Wasif Latif, Aktienportfoliomanager und Mitglied des Portfoliostrukturierungsteams von USA, einem Finanzdienstleister für Streitkräfte und Kriegsveteranen. Außerdem haben sich Finanzaktien inzwischen recht ordentlich von ihren einstigen Weltuntergangspreisen erholt.
Es war ein verrücktes Jahr. Irgendwo da draußen gibt es den bedauernswerten Anleger, der den ganzen Crash hindurch sein Kapital tapfer im Markt hielt, schließlich doch kapitulierte und Anfang März verkaufte und dann, fern des Parketts, voll Entsetzen ansehen musste, wie der Standard & Poor's 500 bis Mitte Dezember um 65 Prozent nach oben hüpfte.
Damit Ihnen das nicht im nächsten Jahr passiert, überlegen Sie sich genau, wohin Sie Ihr Geld stecken, damit Sie durch dick und dünn den Mut haben, zu Ihren Entscheidungen zu stehen. Erarbeiten Sie sich eine Anlagestrategie und bleiben Sie dabei, rät Eileen Rominger, Chief Investment Officer bei Goldman Sachs Asset Management in New York, die etwa 850 Milliarden Dollar Anlagegelder verwalten. „Man muss genau wissen, was man besitzt und warum man es besitzt“, sagt Rominger. „In diesem hochveränderlichen Umfeld ist für Anleger die Versuchung riesig, genau das Falsche zur falschen Zeit zu tun.“
Das ist ein besonders nützlicher Rat, wenn Sie sich zum ersten Mal auf unbekanntes Territorium, wie zum Beispiel ausländische Aktien und Anleihen, begeben. Die Welt da draußen ist groß und voller Möglichkeiten. Sie müssen sie nur nutzen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,18 | +0,58% |
| EUR/USD | 1,3239 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 118,24 $ | +0,29% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |