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Ausblick Eine Welt voller Misstrauen

23.02.2009 ·  Die Anleger scheuen Bankaktien und immer mehr Staatspapiere. Einzig Gold profitiert. Aktien ehemals renommierter Konzerne werden zu reinen Zockerpapieren. Der Bericht von den Finanzmärkten.

Von Gerald Braunberger
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Am Freitagabend war es so weit: Der Preis für eine Unze Gold überschritt, wenn auch nur kurz, die Marke von 1000 Dollar. Das Edelmetall ist im Moment die einzige Anlageform, die läuft. So gut wie alles andere, von Staatsanleihen der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland abgesehen, wird von den Investoren angefasst wie heiße Kartoffeln. Besonders misstrauisch verhalten sich die Anleger gegenüber Bankaktien und zunehmend auch gegenüber Anleihen von Staaten, deren Finanzen als wacklig angesehen werden.

Der ganz normale Wahnsinn dieser Zeit ließ sich am vergangenen Freitag an der Wall Street beobachten. Dort hatten die Bankaktien schon die ganze Woche gelitten als Folge von Gerüchten über bevorstehende Verstaatlichungen der Citigroup und/oder der Bank of America, der beiden ehemals größten Banken der Welt - bei Letzterer übrigens begleitet von außerordentlich hohen Umsätzen.

Manche Aktie wird zu reinen Zockerpapieren

Der angeschlagene Präsident der Bank of America, Kenneth Lewis, hatte zwar versichert, die Bank arbeite profitabel und verfüge über ausreichend Liquidität für zwei Jahre, aber dafür interessierte sich an der Wall Street niemand. Kurz nach der Eröffnung der New Yorker Börse brachen die Kurse der Citigroup und der Bank of America um jeweils rund 35 Prozent ein. Der Anlass war eine Äußerung von Senator Chris Dodd, des Vorsitzenden des Bankenausschusses, der vorübergehende Verstaatlichung für möglich erklärte.

Dann ging der Bankanalyst Richard Bove ins Fernsehen und sagte, die Aktie der Bank of America wäre der beste Kauf in der gesamten Geschichte der New Yorker Aktienbörse. Danach lag das Minus nur noch bei 14 Prozent. Nun schaltete sich das Weiße Haus mit einer Stellungnahme ein: „Die Administration glaubt immer noch fest daran, dass ein privates Banksystem der richtige Weg ist, vorausgesetzt, es wird von dieser Regierung ausreichend beaufsichtigt.“ Jetzt drehte der Kurs der Bank of America vorübergehend sogar ins Plus, während die Citigroup immerhin ihr Minus verringerte. Am Ende lag der Kurs der Bank of America gegenüber dem Vortag 3,6 Prozent niedriger, während die Notierung der Citigroup um 22,3 Prozent nachgab. Amerikanische Medien sprechen zu Recht von einer Berg-und-Tal-Fahrt. Unter seriösen Kapitalanlagen stellt man sich gemeinhin etwas anderes vor. Hier werden Aktien ehemals renommierter Konzerne zu reinen Zockerpapieren.

Krisenvirus hat den Markt der Staatsanleihen erreicht

Die amerikanischen Bankaktien bilden keine Ausnahme. In Deutschland haben die Kurse der Deutschen Bank und der Commerzbank ihren zwischenzeitlichen Höhenflug beendet. Nicht viel besser sieht es mit den Versicherungsaktien aus, deren Kurse nach der Veröffentlichung des Jahresabschlusses des französischen Konzerns Axa deutliche Einbußen erlitten. Das Misstrauen der Anleger in das Finanzsystem ist immer noch erheblich und belastet die Aktienmärkte insgesamt. Viele Analysten bezweifeln, dass der Dax in den kommenden Tagen die Marke von 4000 Punkten halten kann, zumal die Börse die leichte Erholung einiger Konjunkturindikatoren noch nicht als Boten einer wirtschaftlichen Stabilisierung zu verstehen scheint. So sagt die West LB für den Dienstags eine zweite Verbesserung des Ifo-Geschäftsklimaindex in Folge voraus, doch knüpft sie daran keine großen Hoffnungen. So geht es auch anderen: Die Kurseinbußen der Rohstoffaktien zum Wochenschluss belegen den Unwillen der Börse, an eine baldige Erholung zu glauben.

Der Krisenvirus hat zudem mit voller Wucht den Markt für Staatsanleihen erwischt, sofern es sich nicht um Papiere der Vereinigten Staaten, Deutschlands, Japans und weniger anderer Länder handelt. Vor allem in Europa nehmen die Risikoabschläge für Papiere aus süd- und osteuropäischen Ländern zu. Eine Äußerung von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, im Falle der Zahlungsunfähigkeit eines Mitglieds der Eurozone wäre Deutschland - übrigens entgegen der Vertragslage - zur Hilfe bereit, beruhigte die Märkte überhaupt nicht.

Goldpreis hat frühere Höchststände weit übertroffen

Stattdessen wird an den hoch nervösen Märkten über Staatsbankrotte und das Auseinanderbrechen der Eurozone spekuliert. Besonders kritisch werden die Finanzen osteuropäischer Länder wie der Ukraine gesehen, und das schlägt unter anderem auf Österreich zurück. Weil österreichische Großbanken stark in Osteuropa investiert sind, rentieren die österreichischen Staatsanleihen nunmehr auch mit einem spürbaren Renditeaufschlag gegenüber Bundesanleihen. In diesem Umfeld gedeihen die Kurse von Unternehmensanleihen natürlich auch nicht. Der Itraxx-Crossover-Index, der die Ausfallwahrscheinlichkeit von Unternehmensanleihen misst, befindet sich auf einem Höchststand.

Von der Unsicherheit profitiert vor allem Gold, das von institutionellen wie privaten Anlegern nachgefragt wird. Fehlen dem in Dollar gerechneten Goldpreis noch knapp 4 Prozent bis zu seinem Allzeithoch von 1033,90 Dollar, so hat der Preis, in Euro oder in Pfund gerechnet, alle früheren Höchststände weit übertroffen. Seit Jahresanfang ist der Goldpreis in Euro um 22 Prozent gestiegen.

Rückläufige Nachfrage der Schmuckindustrie

Von dieser Nachfrage profitieren unter anderem Fonds: Das Volumen des größten börsengehandelten Goldfonds der Welt, SPDR Gold Trust, betrug vor der Lehman-Pleite im vergangenen September 625 Tonnen Gold - derzeit sind es 1024 Tonnen, was in etwa den Reserven der Schweizerischen Nationalbank entspricht. Lebhaft ist die Nachfrage von Privatanlegern auch nach Barren und Münzen, wobei wegen der geringen Prägekapazitäten zumindest bei einzelnen Münzen mit einer verzögerten Auslieferung gerechnet werden muss.

Dass der Goldpreis nicht noch mehr gestiegen ist, erklärt sich mit der deutlich rückläufigen Nachfrage der Schmuckindustrie, des traditionell mit Abstand wichtigsten Goldkäufers. Vor allem in Asien wird wegen der schwachen Konjunktur und der Abwertung lokaler Währungen weniger Gold nachgefragt. Ein weiterer Anstieg des Goldpreises setzt voraus, dass die Nachfrage der Anleger die Flaute in der Schmuckindustrie mehr als nur zu kompensieren weiß

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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