26.04.2009 · Der Boden des Grauens zeichnet sich ab, die Stimmung an den Finanzmärkten hellt sich auf. Die Börsianer hoffen, dass die Apokalypse womöglich ausbleibt. Manche Analysten erwarten ein Ende der Rezession schon in diesem Jahr. Alles bald überstanden?
Von Bettina Schulz, LondonDie Stimmung an den Aktienmärkten scheint derzeit nicht zu den schauerlichen Konjunkturdaten zu passen: In den Vereinigten Staaten wird diese Woche verkündet, dass die Wirtschaft im ersten Quartal voraussichtlich um etwa 4,7 Prozent geschrumpft ist. Großbritannien hat als erstes Land der G-7-Länder schon seine Wachstumszahl für das erste Quartal veröffentlicht: ein Minus von 4,1 Prozent. Das Jahr sieht erbärmlich aus: Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 5,6 Prozent einbrechen wird; die sechs Forschungsinstitute in Deutschland gehen gar von 6 Prozent aus.
Doch an den Aktienmärkten kümmert dies viele institutionelle Investoren nicht mehr: seit dem Tiefpunkt von Anfang März sind die meisten globalen Aktien-Indizes bereits wieder um 25 bis 30 Prozent gestiegen. Am Freitag testete der deutsche Aktienindex Dax das zweite Mal in dieser Rally die erste Widerstandslinie nach Fibonacci und schloss mit einem Plus von 3 Prozent fast genau auf der Widerstandslinie von 4674,32 Punkten.
Zuversicht der Verbraucher hellt sich auf
In den Vereinigten Staaten hatte der besser als erwartete Quartalsabschluss von Ford die Märkte mitgerissen, so dass nicht mehr nur Finanztitel und zyklische Werte gefragt waren, sondern auch Automobilaktien wie Daimler, VW und Renault. Der Standard & Poor's Aktienindex schloss bei 866,23 Punkten. Er liegt damit um 28 Prozent über dem Tiefstand von Anfang März.
An den Märkten läuft derzeit eine typische Rally: Erleichterung darüber, dass die Apokalypse ausbleibt, Investoren bei einem neuen Einstieg in den Aktienmarkt nicht wieder sofort zersägt werden, die bisherigen Quartalsergebnisse der Unternehmen erstaunlich oft positiv überrascht haben und die fiskalpolitischen Rettungsprogramme und die quantitative Lockerung vieler Notenbanken langsam greifen.
Anfang dieser Woche werden die Stimmungsindikatoren in Deutschland, den Vereinigten Staaten und der Währungsunion zeigen, dass sich die Zuversicht der Verbraucher vielleicht langsam wieder aufhellt. Der Ifo-Stimmungsindikator ist schon in der vergangenen Woche das erste Mal seit elf Monaten wieder gestiegen.
Die Welt befindet sich immer noch in einer tiefen Rezession, aber es geht darum, dass sich langsam der Boden des Grauens abzeichnet und Verbraucher, Unternehmer und als Erste - wie immer - die Investoren an den Finanzmärkten Licht am Ende des Tunnels ausmachen können.
Es werden keine weiteren Horrormeldungen erwartet
Die Ergebnisse der amerikanischen Stresstests mit Blick auf die 19 großen Bankinstitute der Nation werden vielleicht auch einen vorläufigen Schlussstrich unter das sich immer mehr ausweitende Desaster der Bankenkrise ziehen: Die Banken müssen im kommenden Jahr fast 900 Milliarden Dollar außerbilanzielle Risikopositionen auf die Bilanz nehmen, was ihre risikogewichteten Aktiva etwa um 700 Milliarden Dollar steigen lässt.
Viele Institute brauchen mehr Eigenkapital, was allerdings nicht überrascht. Es wurde von öffentlicher Seite der amerikanischen Notenbank bereits angedeutet, dass einige Banken bereits sehr gut mit Kapital ausgestattet seien. Möglicherweise werden bei vielen Instituten einbehaltene Gewinne und geringere Dividenden ausreichen, das Kapitalpolster aufzustocken.
Es werden jedenfalls keine Horrormeldungen mehr von Seiten der Stresstests erwartet, was den Bankaktien weiteren Auftrieb verleihen könnte.
Großbritannien hat seine Stresstests bereits durchgeführt, und es war erstaunlich, welchen Effekt die Ankündigung der britischen Bankaufsicht FSA hatte, dass Barclays kein zusätzliches Kapital benötigen würde. Der Aktienkurs von Barclays hat sich seither vervierfacht. Er legt derzeit immer noch täglich um 4 bis 8 Prozent zu.
Amerikanische Wirtschaft könnte „nur“ um 2,8 Prozent schrumpfen
Die Federal Reserve wird auf ihrer Sitzung diese Woche die Zinsen unverändert lassen - und dies wohl noch für lange Zeit. Es zeichnen sich in den Vereinigten Staaten allerdings erste Fünkchen einer konjunkturellen Besserung ab: Der Bestand neu gebauter Häuser verkauft sich schneller als erwartet. Die Bautätigkeit und die Nachfrage nach Geschäftsausrüstungen kollabieren nicht mehr so stark wie zuvor.
Diese Woche könnte sich zeigen, dass es in der verarbeitenden Industrie nicht mehr so steil nach unten geht wie zuvor. Vielleicht fällt auch der Chicago Einkaufsmanager-Index besser aus. Das könnte andeuten, dass die Rezessionszeit, in der zunächst die Lagerhaltung abgebaut und deshalb die Produktion extrem gedrosselt wird, langsam ausläuft.
Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr „nur“ um 2,8 Prozent schrumpfen wird und im kommenden Jahr stagniert. Die Finanzminister und Notenbankchefs der G 7 verkündeten auf ihrem Treffen dieses Wochenende, dass die Weltkonjunktur sich gegen Ende des Jahres wieder langsam erholen werde. J. P. Morgan glaubt, dass das globale Wachstum Ende des Jahres sogar erstaunlich zulegen könnte.
J.P.Morgan erwartet Rezessionsende mit frühestens Juli
Diese Woche werden in den Vereinigten Staaten 160 Unternehmen des S&P 500 ihre Quartalszahlen vorlegen, darunter Exxon, Mastercard und Pfizer, in Europa sind es Scania, Siemens und Sanofi-Aventis.
„Wir befinden uns auf halbem Weg der Erholung an den Kredit- und Aktienmärkten zwischen dem absoluten Tiefpunkt und dem Niveau, das zu einer Erholung passen würde“, heißt es bei J. P. Morgan. Marktteilnehmer würden langsam begreifen, dass die globale Rezession höchstwahrscheinlich schon dieses Jahr und nicht erst nächstes Jahre enden werde.
Eine typische Rally dauere in der Regel bis zum Ende der Rezession und also mindestens bis Juni, meint J. P. Morgan. Die Analysten der Bank erwarten, dass der S&P Index in den nächsten Monaten auf 1.000 Punke steigen wird.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |