Home
http://www.faz.net/-gv7-2yov
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Art-Investment Wie aus einem Dorfplatz ein Weltmarkt wurde

09.12.2001 ·  Die Entwicklungen des Kunsthandels mit moderner Kunst haben sich seit 1980 trotz Rezessionen stetig weiter globalisiert.

Von Ulrich Raphael Firsching
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Auch der Kunstmarkt kann sich konjunkturellen Schwankungen nicht entziehen. Wird an den Finanzmärkten Geld verdient, wird es auch für Kunst ausgegeben. Bleibt die Überschussliquidität und Stimulans durch die Börsen aus, zeigt sich meist etwas zeitversetzt der Kunstmarkt in einer Konsolidierungsphase.

Ernst zunehmendes Zahlenmaterial lässt sich nach wie vor nur aus dem Auktionswesen generieren. Über Umsätze oder gar Gewinne beim Kunsthandel und bei den Galerien lässt sich nur spekulieren. Doch spiegelt der internationale Auktionsmarkt die Entwicklung der gesamten Branche wieder. Im folgenden wird darauf zurückgegriffen.

Aus einem Dorfplatz wird ein Weltmarkt

Nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 1970-er Jahre war der internationale Kunstmarkt ein überschaubarer Ort, der von wenigen Sammlern und Liebhabern bestimmt war. Dem entsprechend waren die Auktionsumsätze gering. 1970 bis 1980 wurde die Marke von jährlich 20.000 verkauften Losen nicht überschritten, doch stiegen die Auktionsumsätze von 100 Millionen Dollar im Jahr 1970 auf einen ersten Höhepunkt mit knapp 500 Millionen Dollar im Jahr 1980. In diese Phase fiel im Juni 1977 die Umwandlung von Sotheby's in eine Aktiengesellschaft. Christie's öffnete sich dem amerikanischen Markt und hielt erstmals im Mai 1977 Auktionen in der aufblühenden Kunstmetropole New York ab.

Anfang der 1980-er Jahre wurde der Aufschwung im Kunstmarkt kurzzeitig durch die Rezession in den Vereinigten Staaten, England, der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland aufgehalten. Außerdem verknappte sich der Markt im Spitzensegment: Herausragende Werke und wichtige Sammlungen fehlten. Im Herbst 1983 ging die Übernahmeschlacht der Sotheby's-Aktien zu Ende: Sieger wurde der Immobilientycoon Alfred Taubman. Damit stand dem Haus erstmals ein Amerikaner vor, der auch gleich das Management professionalisierte und mit erfahrenen Wirtschaftskräften neu besetzte.

Enge Vernetzung mit den Börsen - versetzte Reaktionen

Ab Mitte der 1980-er Jahre kam es an den Weltbörsen zu einem Aufschwung. Die Finanzmärkte warfen immer größere Gewinne ab, die dem Kunstmarkt zugute kamen. In der Herbstsaison 1983 stiegen die Umsätze von Christie's um 50 Prozent, die von Sotheby's sogar um 70 Prozent. Sotheby's wandte sich verstärkt den Endkunden zu, um neben dem Handel neues Käferpotential zu erschließen. So wurde von New York aus ein umstrittenes Kreditprogramm für Kunstsammler aufgelegt. Etliche Börsenspekulanten investierten in zeitgenössische Kunst und hievten Arbeiten von Andy Warhol, Julian Schnabel oder Jasper Johns auf neue Preis-Rekorde.

Ab 1986 heizt sich die Stimmung auf. Vier Jahre lang geht es rasant bergauf. Spitzenobjekte kommen auf den Markt und die Preise ziehen an. Selbst der Crash an den Weltbörsen am 19. Oktober 1987, dem schwarzen Montag, bleibt zunächst ohne Auswirkungen auf den Kunstmarkt: Neue Spitzenpreise werden erzielt, Sotheby's meldet für das Geschäftsjahr 1987 Umsatzsteigerungen von 59 Prozent und Christie's von 49 Prozent. Erstmals beteiligen sich verstärkt Japaner bei den bedeutenden Versteigerungen mit impressionistischer und moderner Kunst. Hier fließt auch noch genügend Geld aus den Finanzmärkten. Denn der Nikkei-Index erreicht seinen Spitzenwert mit knapp 40.000 Punkten erst 1990. Im Mai 1990 stellt der japanische Unternehmer Ryoei Sato mit 82,5 Millionen Dollar den absoluten Preisrekord für Van Goghs Gemälde „Das Porträt des Dr. Gachet“ auf. Innerhalb von drei Jahren steigen die Auktionsumsätze von 1,6 Milliarden auf 4,6 Milliarden Dollar und legen so um fast 300 Prozent zu.

Anfang der 90-er Jahre war eine deutliche Abkühlung spürbar

Doch dem Zusammenbruch ließ nicht lange auf sich warten. Schon auf den Zeitgenossenauktionen vom Mai 1990 war die Abkühlung spürbar. Für Willem de Koonings „Woman as a landscape“, ein Schlüsselwerk von 1954, wurde bei einer Taxe von 12 Millionen Dollar kein Käufer gefunden, obwohl er noch ein Jahr zuvor mit 20 Millionen Dollar zum bestbezahltem zeitgenössischen Künstler wurde. In den Novemberauktionen blieben dann reihenweise Arbeiten von Andy Warhol, Julian Schnabel oder Roy Lichtenstein zurück. Auch die Impressionisten und Werke der Moderne traf es eine Woche später. Hatte Sotheby's im Mai noch 286 Millionen Dollar mit diesem Marktsegment eingespielt, kam es im Herbst nur noch auf 165 Millionen Dollar. Diesen Trend bestätigten auch die Auktionen in London: Im Herbst 1989 nahmen die beiden Häuser noch 143 Millionen Pfund ein, ein Jahr später nur klägliche 17 Millionen Pfund.

Der Tiefpunkt wurde in der Saison 1991/92 erreicht. Die internationalen Auktionsumsätze sanken unter das Niveau von 1987. Die Folge war ein radikaler Stellenabbau im Kunstmarkt und die Schließung vieler Galerien. Die Auktionshäuser griffen zu neuen Marketingstrategien, um verlorenes Terrain wett zu machen. Wichtiges Instrument waren die Versteigerungen von herausragenden Sammlungen, mit denen man kunstgeschichtlich bedeutende Werke und damit zugleich die Aura eines Sammler erwerben konnte, und die Memorabiliaauktionen beispielsweise von Jacqueline Kennedy oder Marilyn Monroe, um in das Lifestylesegment einzusteigen.

Bis es wieder aufwärts ging und spannend wurde...

Die Konsolidierungsphase hielt bis 1994 an. So gab es nur geringe Steigerungen auf den Auktionsmärkten. Durch das Wirtschaftswachstum in der Regierungszeit von Bill Clinton wurde der Markt hauptsächlich von der Kauflust der Amerikaner bestimmt, die sich nicht mehr durch spekulative Käufe auszeichnete, sondern durch Sammelleidenschaft Substanz zeigte. Seit dem weltweiten Börsenaufschwung 1995 legte auch der Kunstmarkt bis zur Saison 1999/2000 wieder zu. Mit 2,7 Milliarden an Auktionsumsätzen wurde beinahe der Wert von 1998 erreicht.

Nun scheint die wirtschaftliche Abschwächung, die seit Mitte 2000 auch die Börsen erfasst hat, auch auf den Kunstmarkt überzuspringen. So gaben sich die Händler auf den Herbstmessen zurückhaltender, das Angebot auf den Auktionen wird durch verunsicherte Verkäufer dünner und die Nachfrage gilt vor allem seltenen Spitzenstücken. Das mittlere und untere Segment blieb vielfach unbedacht. Man überlässt das Feld anscheinend den arrivierten Sammlern, die auch noch in Rezessionszeiten Interesse und Geld für herausragende Stücke aufbringen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%