F.A.Z.: Herr Ehrhardt, viele Anleger fürchten Inflation. Für wie groß halten Sie diese Gefahr?
Ehrhardt: Wir werden auf absehbare Zeit keine große Inflationsbeschleunigung bekommen und schon gar keine Währungsreform. Wir sehen ja auch gleichzeitig gewisse Anzeichen für Deflation. Schließlich produziert China mit nur etwa 60 bis 65 Prozent Kapazitätsauslastung. Und dadurch übt das Land einen Preissenkungsdruck auf die gesamte Weltwirtschaft aus. Zwar flutete China die Märkte mit viel mehr Liquidität, als es die Fed in den Vereinigten Staaten oder die EZB in Europa getan haben. Drei Viertel der neuen Liquidität auf der Welt kamen bisher aus China. Die China-Teuerung beträgt aber nur noch 1,7 Prozent. Die Inflationssorgen sind meiner Meinung nach eher Ausdruck der allgemeinen Angst vor dem, was da noch kommen könnte.
F.A.Z.: Sie halten die Gefahr einer Deflation also für größer als die einer Inflation?
Ehrhardt: Leider ist die Lage nicht so klar. Die ganze Liquidität, die auf der Welt geschaffen wird, spricht ja eher für Inflation. Nur ist die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes so sehr gesunken, dass die Inflation relativ niedrig geblieben ist. Gleichzeitig verlangsamt sich die internationale Konjunktur. Das wird die Inflationsraten im Zaum halten. Was Deflation angeht, so tun die Zentralbanken ja alles, um die zu vermeiden.
F.A.Z.: Diese Unklarheit macht Geldanlage nicht einfacher. Wie halten Sie es?
Ehrhardt: Ich bin ein Anhänger von Gold und von guten Aktien. Denn Gold schneidet längerfristig bei Deflation wie bei Inflation gleichermaßen gut ab. Kurzfristig sind manche von Gold enttäuscht, aber auf mittlere und lange Frist sind die Aussichten nach wie vor gut. Für interessant halte ich auch Goldaktien. Goldminen sind ja an der Börse richtige Trümmeraktien. Schlimmer kann es für die also kaum kommen. Doch wer wirklich das Schlimmste befürchtet, der muss mit der Konfiskation von Gold rechnen. Aktien von Goldminen mussten die Anleger aber noch nie abgeben.
F.A.Z.: Südafrikanische Goldminen machen derzeit mit Streiks von sich reden. In welche Regionen würden Sie investieren?
Ehrhardt: Was Südafrika angeht, wäre ich noch vorsichtiger. Wie diese Streiks niedergeschlagen wurden, das war ja ähnlich wie zu den Zeiten der Apartheid. Ich versuche immer, die Finger von politisch instabilen Märkten zu lassen. Und deshalb halte ich mich von Südafrika fern.
F.A.Z.: Viele Anleger halten sich mit Aktien zurück. Halten Sie diese Vorsicht für gerechtfertigt?
Ehrhardt: Wir sind in einer Börsenphase, in der Aktien nicht sehr teuer sind, aber auch nicht übertrieben billig. Wir sind so irgendwo zwischendrin. Das macht es auch so schwierig, die Lage richtig zu beurteilen. Aber der Glaube an die Aktie kehrt langsam zurück. Viele Anleger lassen derzeit noch Aktienfonds liegen, kaufen aber schon den einen oder anderen dividendenstarken Titel.
F.A.Z.: Gut, unter Fonds sind zurzeit vor allem Rentenfonds gefragt...
Ehrhardt: Ja, der Trend ging weltweit bisher zu Rentenfonds, obwohl es 2012 besser gewesen wäre, Aktien zu halten. Aber jetzt kann bei den Kupons von Anleihen nicht mehr viel Gutes passieren.
F.A.Z.: Sie wirken vorsichtig. Gibt es keinen Trend, auf den Sie zurzeit setzen wollen?
Ehrhardt: Die Bereitschaft, defensive Titel zu kaufen, nimmt zu. Aber diese Aktienkäufe sind selektiv. Der breite Markt hinkt hinterher. So sehr, wie es die großen Aktienindizes vermuten lassen, sind die Aktienkurse nicht gestiegen. Eine Zeitlang war die Korrelation zwischen den einzelnen Aktien wegen ETF-Index-Käufen hoch, sogar auf einem Allzeithoch. Seit ein paar Monaten sinkt sie wieder. Das zeigt mir, dass wir in eine Marktphase kommen, in der Stockpicker, die einzelne, interessante Aktien herausgreifen, wieder Chancen haben.
F.A.Z.: Was macht Sie für Aktien zuversichtlich?
Ehrhardt: Ich bin selektiv optimistisch. Tauschoperationen von Anleihen in solide Aktien versprechen mehr Rendite.
F.A.Z.: Auf welche Parameter achten Sie zurzeit?
Ehrhardt: Die Bewertung, also Kurs/Gewinn-Verhältnis und Kurs/Buchwert, dürfen nicht zu hoch sein. Ich schaue auch auf die Dividende, aber nicht allein. Wichtig ist, dass der Gewinn kontinuierlich steigt und dass die Unternehmen nicht ihren gesamten Gewinn an die Aktionäre auskehren. Sonst passiert einem das, was den Anlegern bei Telefónica passiert ist: Die hatte immer eine hohe Dividendenrendite und plötzlich gar keine mehr.
F.A.Z.: Sie haben sich in den vergangenen Jahren stark in China engagiert. Wie beurteilen Sie dort die Märkte?
Ehrhardt: Die Chinesen fahren erstmals eine lockere Geldpolitik. Und angesichts eines Zinsniveaus von 3,6 Prozent für Zehn-Jahres-Anleihen und 3,1 Prozent für ein Jahr können die Chinesen weiter lockern. Das wirtschaftliche Umfeld in China hat sich wieder deutlich verbessert. Ich bin davon überzeugt, dass chinesische Aktien in den nächsten 12 Monaten besser abschneiden werden als die in diesem Jahr so positiv beurteilten amerikanischen.
F.A.Z.: Der chinesische Aktienmarkt ist doch der Wirtschaft immer hinterhergehinkt.
Ehrhardt: Wir kaufen China-Titel auch lieber in Hongkong. Dort ist die Qualität der Unternehmensführung einfach besser. Die Markttechnik und das monetäre Umfeld sind günstig, auch die fundamentale Bewertung mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 10 bis 15 auch. Technisch positiv sind die hohen Leerverkäufe - höher als bei den Börsentiefs 2002 und 2008.
F.A.Z.: Bei Gründung der Währungsunion haben Sie vor dem Euro gewarnt. Fühlen Sie sich angesichts der Krise bestätigt?
Ehrhardt: Und wie - der Euro war ein Desaster, und er wird es bleiben. Ich hatte damals ziemlich genau beschrieben, was kam - bis hin zu den sozialen Unruhen in Südeuropa. Diese Spannungen waren abzusehen, und ich war ja längst nicht der Einzige, der sie gesehen hat.
F.A.Z.: Und jetzt? Meinen Sie, wir sollten das Experiment Euro beenden?
Ehrhardt: Wenn wir drinbleiben, ist das problematisch, weil unsere Verschuldung dann potentiell bald über Italien liegt. Aber wenn wir rausgehen, ist das ebenfalls ein Riesenproblem. Wirtschaftlich wäre es das per saldo kleinere Übel, wenn Deutschland aus dem Euro rausginge, aber das geht politisch nicht. Der Lebensstandard in Südeuropa würde durch die damit verbundene Abwertung in diesen Ländern dramatisch sinken, und es gäbe wahrscheinlich soziale Unruhen, und die ganzen alten Feindschaften in Europa würden wieder aufbrechen. Aus dem Euro rauszugehen, das können wir Deutsche inzwischen kaum noch verantworten.
F.A.Z.: Was sollte man jetzt tun?
Ehrhardt: Mehr Umverteilung in Europa geht nicht. Damit schaden wir nicht nur uns selbst, sondern wegen der großen deutschen Importe auch Europa, und wir machen uns auch keine Freunde. Das ist wie mit der armen Verwandtschaft. Wenn man der hilft, bekommt man am Ende nur Undank. Das ist auch verständlich. Es ist ja erniedrigend, wenn man sich helfen lassen muss. Am Ende bleibt nur eine Möglichkeit: via EZB mehr Geld drucken. Und für den Anleger eine Erkenntnis: Trotz aller Probleme scheint mir China/Hongkong die bessere Anlagealternative zum Euroraum.
Das Gespräch führte Christian von Hiller.
Noch mehr Geld drucken?
Christian Meyleran (ChristianMeyleran)
- 22.11.2012, 18:05 Uhr