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Amerikanischer Aktienmarkt Worauf Anleger jetzt schauen sollten

24.11.2008 ·  Einmal stürzen die Kurse an der Wall Street ab und schießen am Tag darauf in die Höhe. In volatilen und unsicheren Zeiten suchen Anleger nach Anhaltspunkten für die weitere Marktentwicklung. Es gibt einige Kriterien, die einen näheren Blick wert sein könnten.

Von Ben Steverman
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Nachdem amerikanische Aktien am 20. November auf neue Elf-Jahres-Tiefs zurückfielen und einen Tag darauf, wieder kräftig in die Höhe schossen, macht sich bei vielen Anlegern Ratlosigkeit über die weitere Entwicklung breit.

Es herrscht ein allgemeiner Mangel an Klarheit über die Lage der amerikanischen Wirtschaft und der Weltkonjunktur, über die Probleme auf den Kreditmärkten, über die Pläne der amerikanischen Regierung und über das Schicksal von Hedge-Fonds, die zu weiteren Notverkäufen gezwungen sind. Bis sich die Nebel der Finanzkrise weitgehend gelichtet haben, dürfte allerdings noch einige Zeit ins Land ziehen.

Es gibt jedoch einige wichtige Kriterien, die von Händlern, Marktstrategen und Fondsmanagern in unsicheren Zeiten üblicherweise genau beobachtet werden. Angesichts des in dieser Art bislang einzigartigen Umfelds ist es zwar fraglich, ob diesmal auch nur eines dieser Kriterien verlässliche Orientierung bietet, sie liefern Investoren jedoch mögliche Anhaltspunkte über den weiteren Lauf der Dinge.

Nachfolgend werden fünf dieser Kriterien und ihre aktuellen Signale unter die Lupe genommen:

1. Technische Signale

Charttechniker analysieren und prognostizieren Marktentwicklungen auf Grundlage früherer Marktbewegungen. In der vergangenen Woche scheiterte der Aktienmarkt an einem wichtigen Test: Der marktbreite Aktienindex S&P-500 fiel nicht nur unter seine im Oktober 2008 markierten Jahrestiefs, sondern sackte auch durch seine während der schweren Baisse 2002 ausgebildeten Tiefststände.

Am Vormittag des 20. November setzte der S&P-500 zu einem kurzen Test der Tiefs des Jahres 2002 an, bevor er wieder nach oben drehte. Im späteren Tagesverlauf knickte der Index jedoch ein und ging schließlich mit 752,44 Punkten aus dem Handel. Damit lag der S&P-500 nicht nur unter seinem im Oktober 2002 bei 768,63 Zählern markierten Tief, sondern auch auf dem niedrigsten Stand seit April 1997.

Die Tiefs des Jahres 2002 seien „ein maßgebliches Unterstützungsniveau“, sagt Dave Rovelli, Aktienhändler bei Canaccord Adams.

Richard Sparks von Schaeffer's Investment Research sieht die Möglichkeit einer „in Gang kommenden Verkaufskaskade“, sollten die Aktienkurse deutlich unter diesen früheren Tiefs bleiben. Bevor diese Unterstützung riss, hätten die Leute „darauf vertraut, dass diese Niveaus eine Untergrenze bilden, die der Markt nicht unterschreiten würde.“

2. Meldungen aus Washington

Michael Yoshikami von YCMNET Advisors kritisiert „einen generellen Mangel an Klarheit auf Seiten der Regierung und Bundesbehörden bezüglich der Geschehnisse und Lösungsansätze“.

Am 20. November kündigten führende Kongressmitglieder der Demokraten an, sie würden die Abstimmung für ein Gesetz zur Rettung der amerikanischen Automobilindustrie - das bei mehreren Republikanern auf Widerstand stößt - bis Dezember verzögern. Für Verwunderung sorgte derweil der amerikanische Finanzminister Henry Paulson, als er die Ausrichtung des Rettungsprogramms für die Finanzbranche mehrfach veränderte. Während sich die Vertreter der Bush-Regierung dem Ende ihrer Amtszeit nähern, ist das für die Wirtschaftspolitik zuständige Team des designierten Präsidenten Barack noch nicht komplett, dessen Mitglieder allerdings vor dem 20. Januar 2009 keine echten Befugnisse besäßen, selbst wenn sie bereits ernannt wären.

Nach Ansicht vieler Marktbeobachter zerrten diese Meldungen aus Washington an den Nerven der Investoren. „Niemand hat eine Ahnung, wie der Plan wirklich aussieht“, sagt Bruce Bittles, Chef-Investmentstratege bei R.W. Baird.

Chad Deakins, Portfoliomanager des RidgeWorth International Equity Fund, erwartet nach eigenen Aussagen vor dem Amtsantritt Obamas keine klaren Signale aus Washington. „Bevor die neue Regierung nicht das Ruder übernommen hat und die weitere Richtung vorgibt, sind kräftige Aufwärtsbewegungen an den Aktienmärkten schwer vorstellbar“, so Deakins.

3. Kurs-Gewinn-Verhältnis

Zumindest sind Aktien auf Grundlage bestimmter Kennzahlen aktuell günstig bewertet.
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist ein beliebter Fundamentalindikator, mit dem ermittelt wird, ob Aktien günstig, teuer oder fair bewertet sind. Nach Angaben von Thomson Reuters prognostizieren Analysten für den S&P-500 im kommenden Jahr einen Gewinn je Aktie von 80 Dollar, was einem KGV von weniger als 10 entspräche. In den zurückliegenden zehn Jahren lag das durchschnittliche historische KGV bei 21,2, in den vergangenen 20 Jahren bei 19,3. Auf Grundlage dieser Kennzahl sind Aktien derzeit also wahre Schnäppchen.

Und es finden sich auch einige Käufer, die in den günstigen Bewertungen große Chancen wittern. „Hier bietet sich eine für unsere Generation einzigartige Möglichkeit, die besten Unternehmen zu Preisen zu kaufen, die aus der Warte des künftiges Marktes rückblickend als Schnäppchen bezeichnet werden“, meint Marc Heilweil, Vorsitzender von Spectrum Advisory Services. Er schlage Kapital daraus, dass Investoren wie etwa Hedge-Fonds gezwungen seien, Aktien „großartiger Unternehmen“ abzustoßen. „Die Kurse spielen bei ihnen keine Rolle.“

Andere Investoren - insbesondere jene mit kurzfristiger Ausrichtung - warnen jedoch davor, dass Aktien letztlich nicht so günstig sein könnten, wie es derzeit den Anschein habe. Problematisch sei das „G“ des KGV. Die Gewinnschätzungen der Analysten könnten sich als völlig überzogen herausstellen, vor allem dann, wenn die Rezession 2009 dramatischere Formen annehme. „Fundamentaldaten sind für die Katz'“, sagt Rovelli. „Niemand weiß, wie hoch die Gewinne im kommenden Jahr ausfallen werden.“

„Sämtliche Interpretationen auf Basis des KGV sind bestenfalls vage“, sagt Sparks. Eine Aktie mit einem KGV von 15 könne attraktiv sein, fiele der Gewinn allerdings um die Hälfte niedriger aus, wäre die Aktie mit einem KGV von 30 mit einem Mal recht teuer, so Sparks.

4. Dividendenrendite

Eine weitere von Investoren herangezogene fundamentale Kennzahl ist die Höhe der von Unternehmen an die Aktionäre ausgeschütteten Dividende in Relation zum Aktienkurs.

Sinkende Aktienkurse haben die Dividendenrenditen stark steigen lassen. Nach dem steilen Kursrückgang am 20. November kletterte die Dividendenrendite des S&P-500 auf rund vier Prozent.

Als wichtiger Vergleichsmaßstab wird die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen herangezogen. Diese lag in den vergangenen 51 Jahren über der Dividendenrendite. Doch die Zeiten haben sich geändert. Nachdem die Zehnjahresrendite mittlerweile nur noch knapp über drei Prozent beträgt, rentieren Aktien mittlerweile höher als risikofreie Staatspapiere.

Doch wie schon bei KGVs zeigen sich einige Investoren auch bei der Aussagekraft dieser Kennzahl skeptisch. Unternehmen der Finanzbranche würden weitere Dividendenkürzungen vornehmen, und auch andere Unternehmen könnten diesem Beispiel folgen, wenn sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtere.

5. Geldpolitik der Fed

In den vergangenen Jahrzehnten haben Investoren gelernt, dass sinkende Zinsen letztlich die Wirtschaft und den Aktienmarkt ankurbeln. Die amerikanische Notenbank (Fed), die in ihrer nächsten Sitzung im Dezember eine weitere Leitzinssenkung vornehmen dürfte, lässt sich also kaum ignorieren.

In den Augen vieler Investoren habe jedoch auch die Geldpolitik der Fed ihre Funktion als verlässlicher Marktindikator eingebüßt. Bittles zufolge sei „das Zinsniveau nicht das Problem“. Niedrige Zinsen allein würden die Banken nicht zu stärkerer Kreditvergabe bewegen, so Bittles. Das Problem bestehe darin, „Kreditnehmer mit hinreichend soliden Bilanzen zu finden.“

Angesichts der vielen widersprüchlichen Signale übten sich viele Händler und Investoren in Zurückhaltung, bis sich die Marktvolatilität verringert habe. „Die klugen Köpfe warten einfach bis zum Beginn des neuen Jahres, um zu sehen, wie sich die Dinge dann entwickelt haben“, sagt Rovelli.

In Anbetracht des gegenwärtigen Umfelds wenig überraschend. Die Beobachtung der traditionellen Kriterien - Regierungspolitik, Fundamentaldaten, Maßnahmen der Fed oder technische Indikatoren - lässt den Schluss zu, dass sich der Markt in unbekanntem Terrain bewegt.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.

Quelle: Business Week Online
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