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Amerikanischer Aktienmarkt Vom Leckerli zum sauren Apfel?

28.09.2009 ·  Der Herbstanfang überspült die Wall Street mit neuem Optimismus, befeuert von der Wirtschaftslage. Und über den Sommer entwickelten sich die Kurse prächtig . Welche Gründe gibt es, Aktien nicht zu mögen? Viele.

Von Ben Steverman
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Investoren aller Couleur stimmen prinzipiell überein, dass sich die amerikanische Wirtschaft nach schweren Zeiten 2008 und Anfang 2009 wieder etwas aufgerappelt hat. „Die Wirtschaft hat nach ihrer ernsten Krise wieder an Fahrt gewonnen“, vermeldet die Federal Reserve in einer Erklärung vom 23. September.

Aber während viele Marktteilnehmer eine langsame Erholung prognostiziert hatten, sagen verschiedene allseits beachtete Ökonomen nun ein explosives Wachstum - selbst für die notleidende amerikanische Wirtschaft - voraus.

Cheerleader des Aufschwungs

„Doom's Left the Building, Gloom Dissipating“ - Das Unheil ist fort, die Schwermut verfliegt - war der Titel einer Meldung von RDQ Economics am 18. September. Diese merkte an, dass das Wachstum „unsere heruntergeschraubten Erwartungen von bescheidenen 2,5 Prozent Wachstum bis Ende 2010 übertreffen könnte“.

„Let the Good Times Roll“ - Lasst uns wieder feiern - titelte Joseph LaVorgna, Ökonom der Deutschen Bank am 17. September. Am 24. September schrieb Larry Kantor, Forschungsleiter bei Barclays Capital: „Die Vereinigten Staaten weisen alle Merkmale einer klassischen, v-förmigen wirtschaftlichen Erholung auf, wie wir sie in weiten Teilen Asiens erlebt haben. Das ist typisch nach einer schweren Rezession.“

Eine gängige Redensart, die von Strategen bei Barclays und der Deutschen Bank sowie anderen Kommentatoren benutzt wird, ist, dass sich die Wirtschaft und die Märkte an einem „Sweet Spot“ - einem idealen Punkt - befinden: Unternehmen füllen ihre Bestände auf; massive staatliche Förderprogramme beginnen zu greifen und selbst der schwer geprüfte amerikanische Immobilienmarkt könnte auf Genesung hoffen.

Die Stimmung folgt dem Markt

Diese auf Hausse setzenden Kommentatoren erkennen die mögliche Stärke der wirtschaftlichen Erholung vielleicht besonders früh. Oder aber besonders spät: Der Standard & Poor's 500-Aktienindex ist seit seinen Tiefstwerten im März bereit um 55 Prozent gestiegen.

„Die Stimmung der Ökonomen passt sich lediglich dem Aktienmarkt an“, kommentiert Jerry Webman, Chefökonom bei Oppenheimer Funds, den jüngsten Ausbruch von Optimismus. Obgleich die lange Rezession vorüber sei, werde die amerikanische Wirtschaft noch immer durch erhebliche Widerstände gebremst.

„Diese Leute machen sich nur selbst etwas vor, wenn sie auf dieser Entwicklungsstufe des Marktes immer noch extrem optimistisch sind“, urteilt Dave Rovelli, Leiter des Aktienhandels bei Canaccord Adams. Angesichts der Erträge für 2009 „sind wir bereits überbewertet“. Und: „2010 wird uns der Wind scharf ins Gesicht blasen.“

Die Anleger bleiben vorsichtig

Trotz des Erscheinens einiger Cheerleader bleibt die Anlegerschaft skeptisch. Rob Lutts, Präsident und Gründer von Cabot Money Management, bemerkt, dass die Anleger immer noch fast 3,5 Billionen Dollar in Geldmarktfonds investiert haben, die fast keinen Ertrag erwirtschaften. Die gleiche Vorsicht stellt er bei seinen Kunden fest. „Die Leute sind immer noch sehr defensiv eingestellt“, so seine Einschätzung. „Sie haben Geld auf die hohe Kante gelegt, das nichts einbringt.“

Die Billionen Dollar, die in stillen Reserven geparkt sind, könnten das „Futter“ für weitere Marktzuwächse sein, wenn sich die Stimmung der Anleger allmählich bessere und sie wieder nach besseren Renditen Ausschau hielten, so Lutts.

Nach Auffassung von Doug Noland, Portfoliomanager des Federated Prudent Bear Fund, tun die Anleger gut daran, vorsichtig zu sein. „Das ist eine gefährliche wirtschaftliche Erholung“, gibt sich Noland skeptisch. Die staatlich subventionierte Erholung der Märkte und der Wirtschaft stehe auf tönernen Füßen. „Erst kommen diese Haussemarktüberhitzungen, wo die Leute alles investieren, was sie haben. Und am Ende wird ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen“, warnt Noland.

Kein Augenkontakt mehr zwischen Aktienmarkt und Wirtschaft

Auf kurze Sicht könnten die Erträge aus dem dritten Quartal - das für viele Unternehmen am 30. September endet - ein wesentlicher Faktor sein, um die Ängste der Anleger entweder zu mindern oder zu verstärken. Eine Wirtschaft, die sich stärker als erwartet erweist, könnte Ergebnisse hervorbringen, die besser als erwartet sind. „Wir könnten ein überraschend gutes drittes Quartal erleben“, meint Webman und merkt an, dass sowohl Verbraucher als auch Unternehmen nach dem letzten Jahr eine Menge Nachholbedarf haben.

Aber Scott Armiger, Portefeuillemanager bei Christiana Bank & Trust, glaubt, dass sich die Erträge noch immer von ihrer schwachen Seite zeigen könnten. „Die Verbraucher geben kaum Geld aus“, urteilt er. „Sie konzentrieren sich nach wie vor auf das Nötige und schieben ihre Wünsche auf.“ „Ich denke“, so Armiger, „der Markt ist der Wirtschaft weit voraus.“

Der Veitstanz der Dreißiger

Die Optimisten an der Wall Street könnten zwar helfen, die Märkte fürs Erste zu stärken, aber sie warnen auch vor den kommenden Gefahren. Wenn wir uns jetzt an einem „Sweet Spot“ befinden, so die Warnung, könnte dies eine nur vorübergehende Erscheinung sein. Die Rechnung für die staatlich subventionierte Besserung des Wirtschaftsklimas wird am Ende präsentiert werden. Die Zinsen gehen nach oben und die Marktkonjunktur verliert an Schwung.

„Wenn man bedenkt, wie weit sich die Märkte entwickelt haben, müssen die Anleger auf ein rasches Reagieren vorbereitet sein“, warnt Kantor von Barclays. Anders ausgedrückt: Ein steiler Aufschwung schafft seine eigenen Probleme, wie die Angst vor Inflation, mit denen sich die politischen Entscheidungsträger auseinandersetzen müssen.Gleichzeitig sind viele der grundlegenden Probleme der Wirtschaft, wie beispielsweise ein hoher Verschuldungsgrad der Verbraucher, der Unternehmen und des Staates, ungelöst.

Dies ist eine explosive Mischung für Anleger und könnte eine Ära hervorbringen, die an die wilden Marktumschwünge der dreißiger Jahre erinnert. Anstatt auf eine langsame, stetige Erholung müssen wir uns möglicherweise auf ein spontan veränderliches Umfeld gefasst machen, in dem es sich besonders schwer vorhersagen lässt, was wirklich hinter der nächsten Ecke lauert: Krise oder Euphorie.

Steverman ist Reporter für den Investing Channel der BusinessWeek.

Quelle: BusinessWeek
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