18.05.2005 · Unternehmensgewinne sind gestiegen, die Ölpreise gesunken, und die Konjunkturindikatoren zeichnen ein freundliches Bild. Die Anleger zeigen sich aber weiter beunruhigt - und dies aus gutem Grund, meint Amey Stone von Businessweek Online.
Von Amey Stone, Chefautorin für BusinessWeek Online in New YorkSeit Beginn des Jahres hat sich der Markt aufgrund schon bekannter Sorgen - steigende Ölpreise, steigende Zinsen und ein nicht gerade herausragendes Wachstum der Unternehmensgewinne - mehr oder weniger schleppend bewegt. In den vergangenen Wochen waren diese mit Stirnrunzeln betrachteten Fronten nun endlich mit erfreulichen Meldungen gesegnet: So verbilligte sich der Ölpreis auf 48 Dollar je Barrel, nachdem er Anfang April noch bei 58 Dollar notiert hatte. Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Treasuries verzeichnete einen Rückgang auf 4,12 Prozent und damit auf ihren niedrigsten Stand seit Anfang Februar, während die Erstquartalsergebnisse der Unternehmen unerwartet stark ausfielen (plus 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr gemäß dem Corporate Scoreboard von BusinessWeek).
Doch gerade, als es danach aussieht, als ob die Aktienmärkte eine Rally antreten könnten, werden neue Gefahren: Gerüchte über ins Trudeln geratene Hedge Fonds, alarmierte Rentenanleger, politische Streitereien über Nuklearwaffen und sogar eine Terrorpanik in den Vereinigten Staaten (ausgelöst durch ein über Washington DC irrendes Flugzeug) - zur Belastungsprobe für die Händler. Der Dow Jones Industrial Average gab in der vergangenen Woche um 205 Punkte oder zwei Prozent nach und schloß bei 10.140 Punkten; seit Jahresbeginn hat der Index sechs Prozent eingebüßt.
Viele Marktstrategen rechnen für die kommenden Wochen mit einer noch größeren Nervosität, da die Aussichten auf weitere Zinserhöhungen durch die amerikanische Notenbank Federal Reserve - dies trotz rückläufiger Verbraucher- und Investitionsausgaben - nicht unbedingt Laune auf Aktien machen. „Da draußen lauern einige potentielle Gefahren“, so Barry Ritholtz, Chefmarktstratege der Maxim Group. „Das Risiko/Ertragsverhältnis ist momentan einfach nicht als vorteilhaft zu bezeichnen.“
Der Hedge Fonds-Faktor
Von den neuen Risiken, die das Vertrauen der Anleger belasten, ist wohl am bedenklichsten, daß sich Hedge Fonds, Derivate und Verschuldung als explosive Mischung für das globale Finanzsystem erweisen könnten. In der zweiten Maiwoche traten Gerüchte zutage, denen zufolge sich einige große Hedgefonds neues Kapital beschaffen mußten. Grund dafür waren komplexe Transaktionen auf Basis der Papiere von General Motors und Ford, die entsprechend schiefgingen. Wie der Untergang des Hedge Fonds Long Term Capital im Jahr 1998 gezeigt hat, kann das Ausscheiden eines wichtigen Akteurs in dieser kaum regulierten, dafür aber stark kreditfinanzierten Investmentarena bei den global agierenden Banken, die die Branche mit Geld versorgen, zu erheblichen Verlusten führen.
„Die Verschuldung neigt dazu, Fehler sehr teuer zu machen“, sagt Peter Cohan, Autor und Anlagestratege aus Marlborough, Mass. „Heutzutage arbeiten Hedge Fonds mit einem vergleichsweise hohen Fremdkapitalanteil. Ähnlich groß ist jedoch auch der Mangel an Informationen hinsichtlich ihres Handelns.“ Wenn sich ein Problem verstärkt, „erfahren wir erst darüber, wenn es schon zu spät ist.“
Die Herabstufung der Anleihen von GM und Ford haben die Märkte für Unternehmensbonds erschüttert und die Anleger in den sicheren Hafen amerikanischer Treasuries getrieben. Die Devisenmärkte scheinen einer neuerlichen Zitterpartie ausgesetzt, da China von einer Aufwertung seiner Währung spricht. Unterdessen werden die Händler, wie schon im Jahr 2003, von Sorgen über eine Atomwaffenausbreitung, eine neue Terrorwelle in Amerika und die Zukunft des Irak geplagt.
„Wenig verlockender Mischmach“
„Viele Marktteilnehmer haben sich mit ihrer Prognose einer weltweiten Katastrophe zu weit aus dem Fenster gelehnt, doch scheint die Wahrscheinlichkeit eines finanziellen Desasters nun höher“, so das Urteil von Michael Panzner, Chefhändler bei Rabo Securities und Autor des Buches The New Laws of the Stock Market Jungle.
Die Konjunkturdaten zeigen bestenfalls ein gemischtes Bild, und die Anleger sind angesichts der widersprüchlichen Berichte eher kurzfristig orientiert. Am 12. Mai zum Beispiel gab die amerikanische Regierung für April unerwartet starke Einzelhandelsumsätze bekannt, während Wal-Mart am gleichen Tag verkündete, daß es seine für das zweite Quartal gesteckten Ziele nicht erreichen werde. In einem vor kurzem veröffentlichten Bericht bezeichnete Arnie Berman, Technologiestratege bei CreditSights, die momentane wirtschaftliche Lage als „einen wenig verlockenden Mischmasch.“
Die Anleger würden nicht so nervös sein, wäre da nicht die Sorge um ein für Aktien erhebliches Risiko: Daß nämlich die Fed überreagiert und die Zinszügel trotz konjunktureller Abkühlung weiter strafft, so Panzner. „Wenn sich der Markt so anfällig zeigt wie jetzt, entsteht unweigerlich ein Aufruhrpotential“, sagt er.
Auf Schnäppchen warten
Schon fast bedrohlich gibt Nicholas Bohnsack (Anlagestratege bei International Strategy & Investment in New York) zum Besten, daß ein Zinserhöhungszyklus in den Vereinigten Staaten nur allzu oft mit einer finanziellen Krise geendet hat. Seiner Meinung nach haben wir diese Krise bislang noch nicht gesehen - nur die Anzeichen dafür, wie sich eine solche entwickeln könnte.
Viele Marktstrategen rechnen damit, daß die Aktien nach einer größeren „Flurbereinigung“ im Sommer ihr Tief erreichen werden; das niedrigere Kursniveau würde sie dann entsprechend dazu veranlassen, auf Einkaufstour gehen. „Ich suche nicht einfach nur nach günstigeren Aktien; was ich sehen möchte, ist ein stark überverkaufter Markt“, schrieb Ritholtz in einer Anmerkung vom 13. Mai. „Im Idealfall werden die Kurse kräftig einbrechen und dadurch für entsprechende Schnäppchen sorgen.“
Für Bohnsack wird ein Hinweis der Fed auf das Ende des Zinserhöhungszyklus das Stichwort dafür sein, langsam wieder in Aktien zu investieren. „Das wird in vielerlei anderer Hinsicht für Entlastung sorgen, so daß der Markt von diesem Niveau aus dann durchstarten kann“, so Bohnsack. Das Unternehmen, für das er arbeitet, sieht den S&P 500 am Ende des Jahres bei 1.325 Punkten, was gegenüber dem jetzigen Indexstand bei 1.154 Zählern einem Zugewinn von 14 Prozent entspricht.
Bitte anschnallen!
Das Ende der geldpolitischen Straffung scheint aber noch nirgends in Sicht. Der Arbeitsmarktbericht für April hat ein robustes Stellenwachstum ausgewiesen und damit der amerikanischen Notenbank den Grund für eine Anhebung der kurzfristigen Zinsen geliefert, sollte sich der Inflationsdruck weiter verstärken. Die für den 17. und 18. Mai anstehenden Daten zu den Erzeuger- und/oder Verbraucherpreisen könnten sich für den Aktienmarkt zudem als schlechte Nachricht erweisen, sollten sie einen Anstieg belegen.
Viele Privatanleger, die noch unter den Nachwehen der Krise von vor fünf Jahren leiden, üben sich in Zurückhaltung. Übermütige institutionelle Investoren haben dadurch eine Menge Spielraum, auf Nachrichten zu reagieren und in der Folge für eine entsprechend hohe Volatilität an den Märkten zu sorgen, so Cohan. Das Jahr mag zwar mit einer Rally enden; doch für die Anleger, die die diesjährige Achterbahnfahrt mitmachen, sind die magenumdrehenden Zittereien und Sensationen alles andere als vorüber.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |