09.11.2004 · So rosig die jüngste Kursentwicklung in Amerika auch aussehen mag: Die Anleger haben dennoch Grund im Hinblick auf die zukünftige Stärke der Wirtschaft und des Aktienmarktes zurückhaltend zu bleiben, meint Amey Stone.
Von Amey Stone, Businessweek OnlineDie überraschend starke Kurserholung nach den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten sorgt für Optimismus. Die Anleger haben jedoch weiter Grund zur Zurückhaltung. Die Zeit nach den Präsidentschaftswahlen 2004 war bisher überaus lukrativ für die Anleger. Die Aktienkurse sind nicht nur am 3. November, nachdem feststand, daß George W. Bush erneut zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden war, in die Höhe geschossen, sondern machten auch am 4. November, während Bush in seiner ersten Pressekonferenz über seine Reformpläne in den Bereichen Sozialhilfe und Steuern sprach, nochmals einen deutlichen Sprung.
Der Präsident sprach die Sprache der Wall Street, als er versprach, einen Teil des Kapitals aus dem Wahlkampf in die Wirtschaftsförderung zu investieren. „Es war ein beinahe absolut perfekter Auftritt des Präsidenten“, schrieb David Gitlitz, Chief Economist von TrendMacrolytics, danach in einer Mitteilung an die Anleger.
Die gute Stimmung hielt auch am Freitag, den 5. November noch an, als die Arbeitsmarktdaten für Oktober mit 337.000 neu geschaffenen Stellen deutlich positiver als erwartet ausfielen. Ein so starkes Jobwachstum hatte es seit sieben Monaten nicht gegeben. Allein in den vergangenen drei Tagen der Wahlwoche stieg der S&P 500-Aktienindex um mehr als drei Prozent, womit er seit Jahresbeginn nun bisher fünf Prozent zugelegt hat. Nicht schlecht.
Kurserholung war überfällig
Plötzlich und überraschend könnte sich nun vielleicht ein positiver Kreislauf für die Wirtschaft und die Märkte entwickeln. Die verbesserten Arbeitsmarktzahlen könnten zu einem stärkeren Verbrauchervertrauen und somit zu einem besseren Ferien- und Feiertagsgeschäft führen. Letztlich könnte so eine verstärkte Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in Gang kommen, die für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum erforderlich ist.
Ein schnelleres Jobwachstum wäre sicherlich hilfreich, um die Belastung der persönlichen Einkommen durch die gestiegenen Energiekosten zu kompensieren, führt Moody's Investors Service an. Wenn der Ölpreis weiter fällt, welcher, obgleich er im Vergleich zum jüngsten Höchststand von etwa 55 Dollar bereits deutlich gesunken ist, noch immer bei etwa 50 Dollar pro Barrel liegt, könnte das ein weiterer positiver Impuls für Wirtschaft und Aktienmarkt sein.
Diese Kurserholung läuft, glaubt Jason Trennert, Chief Investment Strategist bei International Strategy & Investment in New York. „Der Aktienmarkt hat im Hinblick auf die Höhe der Gewinne und das niedrige Zinsniveau noch einiges aufzuholen“, sagt er. „Ich glaube auch, daß es in diesem Jahr so viel Skepsis und Pessimismus auf dem Aktienmarkt gab, daß es ausreichend Spielraum für eine lebhafte Aktiennachfrage geben dürfte.“
Markt überrascht Strategen
Trotz der Kürze der Zeit ist die Tatsache, daß der Kursanstieg nach den Präsidentschaftswahlen drei Tage anhielt - und nicht nur einen -, für einige Strategen und Händler bereits überraschend. Viele dachten, die anfängliche Kurserholung aufgrund der „Erleichterung“ über den Wahlausgang würde auf den 3. November beschränkt bleiben, da die Anleger sich danach wieder auf die Wirtschaftsdaten mit rückläufigem Gewinnwachstum und nachlassender Konsumnachfrage konzentrieren würden. Die Händler dachten außerdem, es würde nach dem ersten Ansturm nach den Wahlen aufgrund von Gewinnmitnahmen zu Abverkäufen kommen. „Der Ablauf folgte nicht dem üblichen Schema“, sagt Michael Panzner, Chefhändler bei Rabo Securities und Autor von „The New Laws of the Stock Market Jungle“ (Die neuen Gesetze im Börsendschungel). „Vielleicht straft der Markt uns alle lügen. Das muß von Zeit zu Zeit so sein, damit alle offen bleiben.“
So rosig die jüngste Kursentwicklung auch aussehen mag, haben die Anleger dennoch Grund im Hinblick auf die zukünftige Stärke der Wirtschaft und des Aktienmarktes zurückhaltend zu bleiben. Mehr als ein Drittel der im Oktober neu geschaffenen Jobs waren wahrscheinlich auf die Aufbauarbeiten nach dem Hurrikan zurückzuführen. „Wir glauben, daß die Entwicklung im Oktober eine Ausnahme und kein Vorbote für einen Anstieg der Beschäftigung war“, schrieb Leo Kamp, Wirtschaftsexperte bei TIAA-CREF, einem Unternehmen, das Pensionsfonds für Lehrer verwaltet, in einem Bericht vom 5. November.
Die Technologiewerte, vor allem im Bereich Halbleiter, blieben im Zuge der Kurserholung zurück, merkt Arnie Berman, Senior Tech Strategist bei CreditSights, an. Er hält dies für einen Hinweis darauf, daß die Anleger befürchten, die Wirtschaftsdaten im letzten Quartal 2004 und im ersten Quartal 2005 könnten schwach ausfallen.
Dollarentwicklung gibt Warnsignal
Das wichtigste Warnsignal ist jedoch der fallende Dollar. Am 5. November fiel der Dollar auf seinen Tiefststand im Vergleich zum Euro, der nun bei 1,30 Dollar steht. Das zeigt, daß die Devisenhändler glauben, das Haushaltsdefizit könnte sich unter Bush weiter verschlechtern. „Vier weitere Jahre mit einer gestärkten Position der Republikaner im Kongreß könnten Bush vielleicht dazu ermutigen, weiterhin eine Politik zu betreiben, die schon in der Vergangenheit nicht gut für das finanzielle Gleichgewicht der Vereinigten Staaten war“, sagt Panzner.
Die meisten Anleger machen sich bisher noch nicht allzu große Sorgen um den Dollar. Laut Moody's kann ein schwacher Dollar sogar gut für die Unternehmensgewinne und die Wirtschaft sein, solange es in der Folge nicht zu einem starken Zinsanstieg kommt. Robert Smith, Präsident von Smith Affiliated Capital, einem Unternehmen für festverzinsliche Kapitalanlagen in New York, glaubt nicht, daß ausländische Anleger höhere Zinsen für ihrer Ansicht nach risikoreichere US-Schatzanweisungen verlangen werden, schon weil sie darauf vertrauen, daß die amerikanischen Verbraucher heimische Produkte kaufen und daher gute Gründe dafür haben, die Zinsen nicht in die Höhe zu treiben.
Smith erwartet ein verlangsamtes amerikanisches Wirtschaftswachstum, wobei er sich vorstellen kann, daß die Flut optimistischer wirtschaftlicher Nachrichten auch leicht zu einem eher gemäßigten Urteil führen könnte. In der zweiten Novemberwoche steht ein Meeting des Federal Open Market Committee (von dem erwartet wird, daß es die kurzfristigen Zinssätze um einen weiteren viertel Prozentpunkt erhöht) an. Darüber hinaus erwartet man die Ergebnisse von Cisco und Dell sowie die Berichte von mehr als einem Dutzend Einzelhändler. Es lohnt sich, diese Entwicklung zu verfolgen.
Das gilt auch für den Ölpreis, der laut Smith zunächst auf 70 Dollar steigen wird, um dann auf 40 Dollar zu fallen. Die ganze Aufregung im Anschluß an die Wahlen und die guten Arbeitsmarktzahlen „ändern nichts daran, daß die Wirtschaft sich gerade mal so durchwurstelt“, sagt er. Obwohl sich nach den Präsidentschaftswahlen Potential für eine Kurserholung, die durchaus auch dauerhaft sein könnte, entwickelt hat, gibt es dennoch kaum einen todsicheren Tip für die künftige Entwicklung.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |