In vielen Wall Street-Kommentaren ist anläßlich des traditionellen „Business New Year“ am amerikanischen Labour Day die so genannte „Jobless Recovery“ - also eine Wachstumsperiode, in der keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden - Thema Nummer eins. Es wird argumentiert, daß wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die die Arbeitnehmer in einer bedrückten Stimmung zurücklassen, auch den Finanzmärkten nicht lange Freude machen werden.
Nach offiziellen Angaben ist die Rezession seit November 2001 zu Ende. Zu dieser Einschätzung würde man auf Grund der Arbeitslosenrate wohl kaum kommen. Denn diese ist im Mai auf ein Neun-Jahres-Hoch von über sechs Prozent geklettert und hat seither sechs Prozent auch nicht unterschritten. Im Juli lag sie bei 6,2 Prozent und die von Bloomberg befragten Volkswirte schätzen, daß sie auch im August auf diesem Wert geblieben ist. Die entsprechenden Daten werden am 5. September veröffentlicht.
Arbeitsmarkt hinkt üblicherweise hinterher
In der Erholungsphase eines Konjunkturzyklus ist es normal, daß die Arbeitsmarktentwicklung hinterherhinkt. Denn während Aktienkurse von Natur aus als Frühindikator gelten, brauchen die Beschäftigungsdaten üblicherweise länger, bis sie nachziehen. Letztlich muß der Arbeitsmarkt aber am Aufschwung partizipieren, wenn die Erholung anhalten soll. Schließlich sind Arbeitnehmer gleichzeitig immer auch Kunden, die schlußendlich das Schicksal der Unternehmen in ihren Händen halten.
„Solange Neueinstellungen und die Lohnentwicklung schwach ausfallen, gibt es für den einzigen Wachstumsmotor der Welt nur wenige Antriebskräfte, sobald die wirtschaftspolitischen Stimulierungsmaßnahmen versiegen“, meint Stephen Roach, Chef-Volkswirt bei Morgan Stanley.
Eine langsame Verbesserung
Roach hat kürzlich seine Schätzung für das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr von 2,6 Prozent auf 2,8 Prozent erhöht. „Damit zeichnet sich wohl kaum das Bild einer kräftigen Erholung ab“, äußerte er in einer kurzen Notiz an seine Klienten. „Ich betrachte Amerika in erster Linie immer noch als eine Volkswirtschaft nach dem Platzen einer Investitionsblase, der es nicht gelungen ist, die Überkapazitäten aus den späten neunziger Jahren abzubauen.“
Einige Pessimisten fürchten sogar, daß die Arbeitskräfte das Nachsehen haben werden, da technologiegetriebenen Produktivitätszuwächse für Wachstum sorgen, das keine Neueinstellungen erforderlich macht. Eine andere Sorge besteht darin, daß in einer zunehmend globalisierten Wirtschaft mehr und mehr Arbeitsplätze in Niedriglohnländer wie China und Indien verlagert werden.
„Auch wenn es stimmt, daß Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden, bedeutet das nicht automatisch, daß in Amerika keine neuen Arbeitsplätze mehr geschaffen werden“, meint Liz Ann Sonders, Chief Investment-Strategin bei Charles Schwab & Co. „ Es werden lediglich andere Branchen sein, die neue Arbeitsplätze hervorbringen.“
„Die Auslagerung von Arbeitsplätzen kann für die amerikanische Wirtschaft niedrigere Kapitalkosten, einen allgemein höheren Lebensstandard, stabile Kapitalmärkte und eine geringe Inflationsrate bedeuten,“ schrieb Sonders: „Dies wiederum schafft Anreize für die Übernahme von Risiken, für Investitionen und für das Unternehmertum - und letztlich entstehen sogar neue Branchen.“
Die Rechnungen zahlen
Für einige ist diese Argumentationsweise schrecklich abstrakt. Ganz gleich, wie viel man dem Schumperter´schen Prinzip der „schöpferischen Zerstörung“ beimißt, es ist unter dem Strich keine Hilfe, um die Rechung auszugleichen. Hier liegt auch der große Unterschied zwischen einem makroökonomischen Gesamtbild mit einer Arbeitslosenrate von 6,2 Prozent und der auf Einzelfälle ausgerichteten Mikroökonomik, bei der jede Person entweder eine Beschäftigung hat oder nicht.
Um zu zeigen, wie groß hier die Kluft sein kann, sollte man Durchschnittsbürger mit einigen makroökonomischen Statistiken konfrontieren, die ihr Leben betreffen. Erzählen Sie den 394.000 Menschen, die in der letzten Berichtwoche ihren Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe eingereicht haben, daß die Arbeitslosenrate für das momentane Stadium des Konjunkturzyklus vergleichsweise gering ausfällt. Oder versuchen Sie, jemandem, der gerade seine College-Gebühren oder eine Krankenhausrechnung bezahlt hat, zu erklären, daß die Inflationsrate unter Kontrolle gebracht worden sei. Für diese Menschen sind 99 Prozent der makroökonomischen Daten nicht mehr als heiße Luft. Dieser Blick von unten ist aber nicht die einzige Sichtweise.
Unterstützung von mikroökonomischer Seite nötig
Der Volkswirt Alan Blinder hat folgendes geschrieben: „Makroökonomie ist die Quelle eines brauchbaren, aber eindeutig unvollkommenen Wissens“, von dem Politiker Gebrauch machen, die versuchen, für die zahlreichen durch den Konjunkturzyklus verursachten Probleme ein Heilmittel zu entwickeln. „Herauszufinden, was den Konjunkturzyklus bestimmt, ist mehr als ein großes intellektuelles Puzzle: Es ist auch ein praktisches soziales Problem, das an vorderster Stelle steht.
In den vergangenen sechs Monaten hat der Standard & Poor's 500 Index um 18 Prozent und der Nasdaq Composite Index um 33 Prozent zugelegt. Dies zeigt, daß die Investoren sich für die makroökonomische Argumentationsweise entschieden haben, nach der sich die Wirtschaft auf dem Weg der Besserung befindet. Jetzt geht es um ein bißchen Unterstützung durch die mikroökonomische Seite.