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Aktienstrategie Wann der Einstieg wieder lohnt

23.09.2008 ·  Das Desaster an den internationalen Finanzmärkten lässt alte Ängste über Aktien wieder aufleben. Doch wie begründet sind solche Vorurteile tatsächlich? Und: Wann können die Kurse wieder steigen? Eine Bestandsaufnahme.

Von Christian von Hiller
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Der Monat September ist seinem Ruf als der Börsenmonat mit den größten Kursschwankungen im Jahresverlauf auch in diesem Jahr gerecht geworden. Nahezu alle wichtigen europäischen Aktienindizes sind in den vergangenen drei Wochen auf Jahrestiefs gestürzt. Viele Anleger sind aus Aktien in vermeintlich sichere Geldanlagen geflüchtet.

Auch sind unter dem Strich in der vergangenen Woche knapp 2 Milliarden Dollar von den Aktienmärkten aus Europa abgeflossen, nachdem in der Woche zuvor noch netto 690 Millionen Dollar nach Europa geflossen waren. „Die Eurozone litt unter dem stärksten aktienbezogenen Kapitalabfluss seit Januar 2008“, stellen die Analysten der UBS fest.

Verminderte Wucht

Doch ist die scharfe Reaktion der Anleger gerechtfertigt? Tatsache ist, dass die Finanzkrise in den Vereinigten Staaten die europäischen Aktienmärkte bisher mit verminderter Wucht getroffen hat. Dabei geht an den hiesigen Börsen vielleicht sogar noch mehr als an der Wall Street die Furcht vor weiteren Bank- oder Versicherungspleiten um.

Allerdings hat die Panik an den Märkten den Blick auf die Fakten verstellt, und die sehen weniger schlecht aus, als es scheinen mag. Europäische Aktien sind deutlich attraktiver bewertet als amerikanische Dividendentitel. Damit ist das Risiko weiterer Kursverluste in der Eurozone nicht so ausgeprägt wie an der Wall Street.

Günstige Bewertung

Auch sind europäische Aktien auch im Vergleich zu Anleihen günstig bewertet. Das inverse Kurs-Gewinn-Verhältnis ergibt die Gewinnrendite von Aktien, und die lässt sich direkt mit der Rendite von Anleihen vergleichen. Dieser Vergleich zeigt, dass die Gewinnrendite von Aktien gerade einmal doppelt so hoch ist wie die Anleiherenditen - auch dies ist ein eher günstiger Wert.

Dennoch ist Vorsicht angebracht. Die Konjunktur kühlt sich in Europa zurzeit stärker ab als vormals erwartet. Im zweiten Quartal ist die Wirtschaft in der Eurozone um 0,2 Prozent geschrumpft, wobei vor allem die drei volkswirtschaftlichen Schwergewichte Deutschland, Frankreich und Italien dafür verantwortlich waren.

Die europäischen Verbraucher halten sich spürbar zurück und zögern die Anschaffung langlebiger Wirtschaftsgüter wie Autos oder Möbel hinaus. Die Konsumentenstimmung ist nahe ihrem historischen Tief und lässt auch so rasch keinen Aufschwung des privaten Konsums erwarten.

„Jetzt sind wir eindeutig mitten in einem anhaltenden wirtschaftlichen Abschwächung“, lautet das Fazit der Volkswirte der schweizerischen Bank Credit Suisse. Diese Einschätzung deckt sich mit den Daten aus Deutschland: Hier wird das Wachstum des Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr voraussichtlich weniger als ein Prozent betragen. Am 16. Oktober will die Bundesregierung ihre aktualisierte Prognose bekanntgeben. Allgemein wird erwartet, dass die bisher postulierten 1,2 Prozent nicht mehr zu halten sein werden.

„Die Charttechnik bleibt negativ“

Die charttechnische Verfassung des deutschen Marktes spricht ebenfalls für weiter fallende Kurse. Nachdem der deutsche Leitindex Dax unter seinen Tiefstand vom Juli und damit auf ein zyklisches Tief gefallen ist, „bleibt die Charttechnik vorerst negativ“, meinen die Analysten der BayernLB. „Eine solide Bodenformation ist noch nicht erkennbar“, heißt es weiter. Damit ist gemeint, dass noch nicht wirklich absehbar ist, wie tief der Dax noch sinken kann.

Entscheidend dürfte die anstehende Quartalssaison sein, wenn die europäischen Unternehmen ab dem kommenden Monat über den Geschäftsverlauf der Monate Juli bis September berichten. „Die Lage ist so pessimistisch wie zuletzt vor fünf Jahren“, heißt es bei der Erste Bank in Wien.

Der Fokus auf den deutschen Aktienmarkt verstellt möglicherweise den Blick auf die Chancen, die sich anderswo bieten: So wird für Deutschland in diesem Jahr mit einem Rückgang der Gewinne um 7,4 Prozent gerechnet. In Frankreich oder den Niederlanden dagegen beläuft sich die Konsensschätzung der Analysten auf ein Plus von mehr als 10 Prozent.

So lange der Ausgang der Finanzkrise nicht abzusehen ist, raten die Analysten einhellig zu Vorsicht und zu Zurückhaltung bei Aktienengagements. Interessant ist jedoch, von welchen Ereignissen sie es abhängig machen, dass die Finanzkrise ausgestanden sein könnte. „Wir rechnen damit, dass die Spekulation auf Zinssenkungen in Europa letztlich die Stabilisierungsphase beziehungsweise die Wende einleiten wird“, meinen die Analysten der Erste Bank. Damit rechnen sie noch im vierten Quartal dieses Jahres.

Defensive Branchen bevorzugen

Die Ausverkaufsstimmung an den europäischen Börsen trifft nicht alle Finanzplätze und Branchen gleichermaßen. Börsen, an denen Rohstoffwerte dominieren wie die in Oslo oder Moskau, wurden härter getroffen als die anderen. Auch haben in erster Linie Aktien aus den Branchen Öl und Gas, Chemie und aus dem zyklischen Konsum - dies sind vor allem Autohersteller - gelitten. Beispielsweise warnte Andreas Rentschler, Chef der Nutzfahrzeug-Sparte von Daimler, jüngst, dass der Wettbewerb in diesem Geschäft härter werde. Die Gesamtnachfrage nach deutschen schweren Nutzfahrzeugen ist im August um 40 Prozent gefallen. Heino Ruland, Anlagestratege beim Beraterhaus Frankfurt Finanz, rät von Käufen der Daimler-Aktie ab, auch wenn er diesen Titel für den attraktivsten in seiner Branche hält.

Relativ solide zeigen sich derzeit die klassisch als defensiv eingestuften Branchen: Lebensmittel, Pharma und der nicht-zyklische Konsum. Anleger, die sich nicht völlig aus Aktienengagements zurückziehen wollen, sollten vorerst diese Branchen bevorzugen. Es müssen ja nicht immer deutsche Unternehmen aus diesen Bereichen sein. Gerade Frankreich und die Niederlande bieten unter Umständen interessante Alternativen. Der französische Lebensmittelkonzern Danone beispielsweise steht möglicherweise kurz davor seine australische Einheit Frucor an Coca-Cola zu verkaufen.

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