22.12.2008 · Mit welchen Anlagestrategien lassen sich deflationäre Tendenzen am besten abfedern? Strategen setzen auf Aktien jener Unternehmen, die eine gute Marktstellung haben oder die von einer robusten Nachfrage profitieren können.
Von David BogoslawAls am 17. Dezember die Verbraucherpreise der Vereinigten Staaten für den Monat November bekannt gegeben wurden, bekamen Anleger und Ökonomen noch mehr Bauchschmerzen, als sie ohnehin schon hatten. Die Preise waren gegenüber dem Vormonat nicht nur weiter gefallen, sondern hatten ihren Sturzflug dermaßen beschleunigt, dass sie ein trauriges Rekordtempo seit Einführung des Verbraucherpreisindexes vor 61 Jahren erreichten. Die Energiepreise sanken um 17 Prozent, was wohl in erster Linie dem dramatischen Benzinpreisverfall um 29,5 Prozent seit Oktober geschuldet war.
Dagegen stiegen die Lebensmittelpreise zwar im Schneckentempo, aber kontinuierlich an. Im Jahresvergleich war der Preisanstieg von 0,2 Prozent im Monat November jedoch so gering wie nie zuvor. Auch Bekleidungsartikel wurden um 0,3 Prozent teurer. In der (um die schwankungsanfälligen Posten Energie und Nahrungsmittel bereinigten) Kernrate blieben die Verbraucherpreise gegenüber dem Vormonat unverändert und stiegen im Vergleich zum Vorjahr nur um 1,1 Prozent an.
Zentralbank stellt sich gegen deflationäre Tendenzen
Diese Preisentwicklung signalisiert eine dramatische Trendwende. Schließlich erreichten die Ölpreise mit 147,40 Dollar pro Barrel vor nicht allzu langer Zeit - vor knapp 6 Monaten - einen historischen Höchststand und brachten damit die Inflationsfalken im Richtlinienkomitee des Rates der amerikanischen Zentralbank dazu, sich gegen Maßnahmen auszusprechen, die eine drohende dramatische Konjunkturschwäche hätten abfedern oder abwenden sollen. Die Entscheidung der Zentralbank vom 16. Dezember, die Federal Funds Rate auf 0 bis 0,25 Prozent, also auf ihren historischen Tiefststand, zu senken, spricht eindeutig für einen Sinneswandel: Offensichtlich will die Fed nun verstärkt ihren Einfluss geltend machen, um eine flächendeckende Deflation zu verhindern.
Deflation - das ist wohl eines der schlimmsten Wörter im Sprachschatz jedes Ökonomen, oft noch begleitet von einem anderen verhassten „D-Wort“: Depression. Die Great Depression von 1929 ging schließlich hauptsächlich auf das Konto der Deflation. Und die Geschichte tendiert dazu, sich ständig zu wiederholen: Erst lieben die Verbraucher die fallenden Preise und konsumieren nach Kräften, doch wenn ihre Arbeitgeber dann mit zunehmender Deflation die Löhne kürzen und Stellen streichen, ziehen sie sich zurück und sparen, wo es nur geht. Ihre hässlichste Seite zeigt eine Deflation aber immer dann, wenn sie die Tilgungsraten verteuert, indem sie den Wert des Dollars in die Höhe treibt.
Nicht alle Wirtschaftsexperten teilen die Befürchtung, dass eine Deflation ins Haus steht, die der japanischen Deflation der 90er Jahre gleicht. Barry Boswell, Ökonom der Brookings Institution, geht eher davon aus, dass eine neue Deflation vor allem die Rohstoffpreise tangiert und sich daher nicht zu einer ökonomischen Bedrohung auswächst.
Neben den beharrlichen Bemühungen der Fed, ihre Bilanzen für den Kampf gegen den wirtschaftlichen Abschwung in die Waagschale zu werfen, gibt es jedoch noch andere Abwehrstrategien: „Zu den alternativen Verteidigungsmaßnahmen zählt die breite Streuung der Preisänderungen (die den Trend verschleiert). Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass die Unternehmen bislang davor zurückscheuen, Preise und Löhne auf der Stelle zu senken“, konstatierte der Goldman Sachs Ökonom Edward McKelvey in einem Forschungspapier am 18. Dezember.
Bleibt die Deflation auf den Rohstoffbereich beschränkt?
Auch die weit reichende Beeinträchtigungeg der Kredit würdigkeiten trägt zur Deflation bei. Dennoch glaubt Joseph Trevisani, leitender Marktanalyst von FX Solutions, einem Forex-Makler in Saddle River, New Jersey, nicht daran, dass wir eine „Deflation wie aus dem Lehrbuch“ erleben werden, die eine gesamtwirtschaftliche Ausprägung wie in den 30er Jahren oder wie (wenn auch nur ansatzweise) vor 10 Jahren in Japan erreicht, „weil die Fed so große Anstrengungen unternimmt, die Konjunktur wieder anzukurbeln“. Schon jetzt zeichnet sich die Effektivität ihrer Bemühungen am Kurs des Dollars ab, der am 17. Dezember gegenüber anderen Währungen deutlich an Wert verlor und gegenüber dem Yen ein 13-Jahres-Tief erreichte.
Dennoch wird auch der optimistischste Wirtschaftsexperte vor den stetig sinkenden Verbraucher- und Erzeugerpreisen nicht länger die Augen verschließen können. Die Anleger werden sich wohl in Zukunft am besten gegen eine mögliche Deflation schützen können, indem sie sich für jene Wirtschaftszweige entscheiden, auf deren Produkte und Dienstleistungen die Verbraucher und Unternehmen auch in schlechten Zeiten beim besten Willen nicht verzichten können. BusinessWeek hat für Sie einige Branchen und Produkte unter die Lupe genommen, die dem Malström der Deflation am ehesten widerstehen können: Infrastrukturunternehmen
Die Infrastruktur wird wohl besonders stark von dem Hilfspaket über eine Billion Dollar profitieren, das Obamas Regierung für Anfang 2009 in Aussicht gestellt hat. Doch auch ohne diese Finanzspritze verspricht diese Branche selbst inmitten einer tiefen globalen Rezession weiter zu wachsen, weil China und andere Wachstumsländer ihr Straßen- und Stromnetz kontinuierlich ausbauen werden.
Auf was können die Verbraucher nicht verzichten?
Nicholas Heymann, Analyst bei Sterne Agee & Leach, hat erst vor kurzem seine „Kauf“-Empfehlung für einige Unternehmen wiederholt - und durch eine Reihe unternehmensspezifischer 'Bonuspunkte' gegenüber der Konkurrenz begründet. Mit drei kostengünstigen Produktionsstätten außerhalb Chinas hat Emerson Electric einen klaren Vorteil gegenüber Konkurrenten, die nur einen Standort in einem anderen Niedriglohnland haben. Dadurch kann das Unternehmen seine Produktion nach Maßgabe der jeweiligen Marktlage zwischen China, Südostasien, Osteuropa und Mexiko aufteilen und auf diese Weise das mit Wechselkursschwankungen verbundene Verlustrisiko minimieren.
United Technologies kann seine Kosten um 15 Prozent bis 20 Prozent senken, indem es einen großen Teil seiner zuvor an Billiganbieter ausgegliederten Produktion in eine neue weltmarktfähige Produktionsstätte in Osteuropa zurückholt. ABB wird stärker wachsen als andere vergleichbare Unternehmen, weil es in Schwellenländern sehr aktiv ist, deren Bruttoinlandsprodukt laut aktuellen Prognosen im nächsten Jahr um etwa 2 Prozent bis 4 Prozent steigen wird, während es in den Industrieländern wohl um 2 Prozent bis 3 Prozent sinkt.
Da die Inflation voraussichtlich bis Anfang 2010 zurückgehen wird, kann eine kurzfristige „Deflation Unternehmen die Gelegenheit bieten, Kapitalanlagen 10 Prozent bis 20 Prozent unter ihrem Wiederbeschaffungswert zu kaufen“, sobald sich die Wirtschaft zu erholen beginnt, sagt Heymann.
Gesundheitsbranche - robuste Nachfrage
Arzneimittel und Medizinprodukte - von verschreibungspflichtigen Medikamenten bis hin zu medizinischen Geräten und chirurgischen Instrumenten - sind eine relativ sichere Wahl in wirtschaftlich schweren Zeiten, weil die Kosten zum großen Teil durch Versicherungsleistungen (wie etwa staatliche oder arbeitgeberfinanzierte Krankenversicherungen) gedeckt sind.
Innerhalb dieser Branche profitieren einige Produkte, wie z.B. orthopädische Implantate, besonders stark von demographischen Trends. Die Baby Boomer wollen auch im Alter aktiv bleiben und ihr Leben in vollen Zügen genießen, sagt Bruce McCain, Chef-Investmentstratege bei Key Private Bank in Cleveland, Ohio. Die Nachfrage nach orthopädischen Produkten hält auf so unverändert hohem Niveau an, „dass eine Preiserosion hier viel unwahrscheinlicher ist als bei PCs oder iPods, deren Nutzer in der Regel weit weniger Einkommen zur freien Verfügung haben“, sagt er.
Stryker und Zimmer Holdings produzieren neben Knie- und Hüftprothesen noch andere Produkte zur Behandlung von Wirbelsäulen- und anderen Verletzungen, die dazu dienen, geschädigtes Gewebe und Knochen zu stabilisieren und regenerieren. Stryker fertigt darüber hinaus auch Gesichts- und Schädelknochenimplantate; Zimmer produziert Zahnimplantate.
Der Bedarf an Arzneimitteln bleibt erfahrungsgemäß auch in schweren Zeiten relativ stabil. Deshalb gehören Pharmazeutika mit zu den Produkten, die der führende Portfoliomanager Lee Shultheis in seine Long-Short-Strategie für den Alpha Hedged Strategies Fund (ALPHX) in Höhe von 375 Millionen Dollar aufgenommen hat, um Anleger vor einem Konjunkturabschwung, wenn nicht sogar vor einer Deflation zu schützen. Zu Shultheis' Favoriten gehört Wyeth, ein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, rezeptfreien Erkältungs- und Asthmamitteln, Impfstoffen für Tiere, Krebsmedikamenten und anderen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Auch Pfizer scheint ihm eine gute Wahl, weil der Bedarf an verschreibungspflichtigen Medikamenten viel weniger schwankt als die Nachfrage nach rezeptfreien Gesundheitsprodukten.
Die Hersteller generischer Arzneimittel werden davon profitieren, wenn Barack Obamas Regierung auch die Medikamente bestimmten Preiskontrollen unterwirft - im Zuge einer größeren Reform des Gesundheitssystems, die darauf abzielt, grundlegende Leistungen einem weitaus größeren Teil der Bevölkerung zugänglich zu machen, sagt Phil Orlando, Chef-Kapitalmarktanalyst bei Federated Investors. Teva Pharmaceuticals Industries und Barr Pharmaceuticals sind zwei Unternehmen, die nur generische Arzneimittel verkaufen.
Discounter - günstige Preise ziehen immer
Shultheis empfiehlt aber auch noch eine andere Unternehmensgruppe: Große Discounter wie Wal-Mart, die von einem generellen Konsumrückgang wahrscheinlich weniger stark betroffen sein werden. Schließlich können ihre Kunden die Haushaltsprodukte, die sie täglich brauchen, wohl kaum anderswo zu niedrigeren Preisen finden. Die große amerikanische Drogeriekette Walgreens hat den Vorteil, dass sie neben verschreibungspflichtigen Medikamenten auch eine kleinere Auswahl an Handelswaren anbietet, die auch Wal-Mart im Sortiment hat, sagt Shultheis. So können Walgreens Kunden einen Teil des Geldes, das sie durch den Kauf vergünstigter Medikamente gespart haben, gleich vor Ort wieder ausgeben, indem sie andere Haushaltsartikel kaufen, die bei Walgreens etwas günstiger als anderswo zu haben sind. Deshalb wird nach Ansicht Shultheis' zwar auch Walgreens in gewisser Hinsicht vom Konsumrückgang betroffen sein, aber lange nicht so stark wie die Mehrzahl der anderen Einzelhändler.
Wenn die Benzinpreise sinken, ist das nicht nur für die Verbraucher, sondern auch für die große amerikanische Tankstellenshopkette Casey's General Stores eine gute Nachricht. Ihre Convenience Shops werden dann stärker von Kunden frequentiert, die ihre gesparten Dollars gleich wieder in andere Produkte investieren, die eine höhere Gewinnspanne haben als das Benzin selbst, sagt Shultheis.
Private Ausbildungszentren
Auch private Institutionen für Berufsausbildungen und akademische Abschlüsse sind gegen Konjunkturabschwünge relativ resistent. So bietet Corinthian Colleges einen 10-monatigen Kurs für Medizinalfachberufe, der Studenten auf eine Tätigkeit als Assistenzarzt oder als Zahnarzthelfer vorbereiten soll - und damit auf Jobs, mit denen sich statt des Mindestlohns immerhin 14 Dollar die Stunde verdienen lässt. Solche Kurse sind derzeit sehr gefragt, sagt Trace Urdan, Analyst bei Signal Hill Capital Markets in San Francisco. „Finden die Leute auch im Supermarkt leicht einen Job, kommen sie in der Regel nicht auf die Idee, einen Kredit über 13.500 Dollar aufzunehmen, um noch einmal die Schulbank zu drücken“, sagt Urdan, „aber wenn selbst solche Jobs rar werden, sind sie schon eher bereit, in ihre Zukunft zu investieren“.
So denken auch viele Studenten, die sich für das Bachelor- und Masters-Programm Wirtschaft der Strayer University interessieren, die von der Strayer Education betrieben wird. Geht es darum, den eigenen Lebenslauf aufzupeppen, „muss man sich nur vor Augen führen, wie es sein wird, einen Job suchen zu müssen - und schon wird sich der Blick für Weiterbildungsangebote ganz von selbst schärfen“, sagt er.
Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob es den Studenten gelingen wird, Vorschüsse für ihre Ausbildung zu erhalten - in Zeiten, in denen die Kreditmärkte auf Eis liegen. Da auch die Studienkredite alternativer privater Geldgeber zunehmend rar werden, müssen einige Institutionen wie Corinthian Colleges ihren Studenten zumindest temporär durch eigene Finanzierungsangebote unter die Arme greifen - und können sich das oftmals gar nicht leisten, sagt Urdan. Da sind natürlich Strayer, Capella Education und American Public Education klar im Vorteil, denn sie bekommen jenen Teil der Studiengebühren, der nicht durch staatliche „Title IV“-Finanzierungsprogramme gedeckt wird, durch die betriebliche Ausbildungskostenbeihilfe erstattet, die die Fortune-2000-Unternehmen ihren Angestellten als Sonderzulage gewähren.
Selbst Unternehmen, die bereits Angestellte entlassen und andere Kosten reduzieren mussten, wie etwa Wachovia, Legg Mason und Black & Decker, haben Urdan berichtet, dass sie nicht vorhaben, ihre Ausbildungsbeihilfen zu verringern oder sogar abzuschaffen. Ein HR-Mitarbeiter von Black & Decker gab zu verstehen, dass diese Sonderzulage erst gestrichen wird, wenn es denn gar nicht anders geht, weil Einsparungen in diesem Bereich der Motivation der noch im Unternehmen beschäftigten Angestellten den Todesstoß versetzen würden.
Produkte für die Spielebranche
Inmitten aller Ängste und Warnungen vor einer Rezession, die alles in den Schatten stellen könnte, was unsere Wirtschaft seit 1945 erleben musste, gibt es noch immer eine Branche, deren Kunden sich dem Trend zum Sparen hartnäckig widersetzen und nicht auf alles 'Notwendige' verzichten, sagt Shultheis vom Alpha Hedged Strategies Fund. Es ist die Spielebranche. Scientific Games fertigt Spielmaschinen vom Lotterieautomaten bis hin zu Unterhaltungsspielen wie dem Videopoker, das in Bars und Casinos sehr beliebt ist. Das Unternehmen produziert, betreibt und wartet Lottoautomaten, die nach wie vor genügend Abnehmer finden, auch wenn der Kauf von Lottoscheinen vielen eher als ein Luxus erscheint.
„In schlimmen Zeiten träumen die Leute eben davon, im Lotto zu gewinnen und sich damit ein für alle mal aus ihrer [finanziellen] Bredouille zu befreien“, sagt Shultheis.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.751,96 | −0,09% |
| FAZ-INDEX | 1.505,26 | −0,19% |
| TecDAX | 772,73 | −1,05% |
| MDAX | 10.296,70 | −0,54% |
| SDAX | 4.989,81 | −0,62% |
| REX | 423,38 | +0,51% |
| Eurostoxx 50 | 2.489,35 | −0,18% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,46 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.904,10 | +0,96% |
| Nasdaq 100 | 2.592,29 | +1,42% |
| S&P500 | 1.358,04 | +1,10% |
| Nikkei225 | 9.384,17 | +1,58% |
| EUR/USD | 1,3121 | −0,06% |
| Rohöl Brent Crude | 120,35 $ | +0,25% |
| Gold | 1.713,00 $ | −1,15% |
| Bund Future | 138,72 € | −0,24% |