14.10.2008 · An den Aktienmärkten herrscht wieder Euphorie. Doch gerade die Rally an der Börse sollte die Anleger umso skeptischer bleiben lassen. Die Finanzkrise ist noch nicht annähernd ausgestanden.
Von Christian von HillerDie Anleger rund um den Globus feiern die staatlichen Rettungspakete, als habe Manna vom Himmel geregnet. Um 11 Prozent sprang der Dax am Montag nach oben - es war der größte Anstieg in seiner zwanzigjährigen Geschichte. Es folgte am Abend der Dow Jones mit einem Zuwachs von ebenfalls 11 Prozent.
Am Dienstagmorgen setzte der Nikkei-225-Index mit einem Plus von 14 Prozent die Euphoriewelle um den Erdball fort - es war der größte Anstieg in der Geschichte der Börse Tokio überhaupt. Und auch für den deutschen Aktienmarkt zeichnen sich am heutigen Dienstag weitere hohe Kursgewinne ab.
Vorsicht ist angebracht
Solche Phänomene sind nicht ungewöhnlich an den Finanzmärkten. Nach dem großen Börsenkrach an der Wall Street im Jahr 1929 ging der Dow-Jones-Index an den beiden darauffolgenden Tagen um knapp 20 Prozent in die Höhe. Und auch auf den Krach von 1987 folgte zunächst eine kräftige Rally. Die währte allerdings nur zwei Tage. In den folgenden Wochen und Monaten zeigte der Dow Jones wieder kräftig nach unten.
Vorsicht ist somit angebracht. Die Kursanstiege, die derzeit an den Börsen um sich greifen, sollten nur für kurzfristig orientierte Schnäppchenjäger ein Kaufsignal sein. Schon in den kommenden Tagen könnte wieder mehr Sinn für die wahren Realitäten an den Märkten einziehen.
Der derzeit herrschenden Euphorie sollten die Anleger vorerst skeptisch gegenüber bleiben. Es ist zwar ein wichtiges Signal zur Überwindung der Krise, dass die großen Industriestaaten gemeinsam gegen die Folgen vorgehen wollen. Doch die Ursachen der Krise sind längst noch nicht wirklich erforscht. Und damit bleibt unklar, an welchen Stellen denn eigentlich das Finanzsystem verbessert werden muss, um eine freie Marktordnung mit der Forderung nach Stabilität in Einklang zu bringen.
Brandherd noch nicht gefunden
„Wenn unsere Heilmittel die wahren Ursachen der Krise nicht angehen, könnte unser neu gefundener Regulierungseifer nicht nur die toxischen Arten von Finanzinnovationen auslöschen, sondern letztlich auch nützliche“, schreibt der Ökonom Dani Rodrik in einem Beitrag für die „Financial Times Deutschland“.
Was bisher geschah und was die Anleger in dieser Woche derart in Euphorie versetzte, bedeutet nicht mehr, als dass die Feuerwehr mit lautem Sirenengeheul am Brandort eingetroffen ist und die Wasserschläuche ausgerollt hat. Die ersten Brandherde werden bekämpft. Das ist das Zeichen, das die Anleger derzeit so stark aufatmen lässt. Wo das Feuer allerdings seinen Ursprung hat und wie dieser Flächenbrand unter Kontrolle zu bekommen ist, kann bisher niemand verlässlich sagen.
Allerdings zeichnet sich für die großen Industrieländer ab, dass diese in die Stagnation abrutschen können. „Im Herbst 2008 befindet sich die deutsche Wirtschaft am Rande einer Rezession“, heißt es beispielsweise im jüngsten Herbstgutachten der acht wichtigsten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute. Sie schätzen das Wirtschaftswachstum für das kommende Jahr auf gerade einmal 0,2 Prozent. Das bedeutet, dass auch auf den deutschen Aktienmarkt schwere Zeiten zukommen werden.
Kursverluste in diesem Jahr nicht überwunden
Auch sollten Anleger die jüngsten spektakulären Kursgewinne am deutschen Aktienmarkt in die rechte Relation setzen. Sie haben die Kursverluste seit Jahresanfang nicht annähernd ausgeglichen. Trotz seines Anstiegs von 11 Prozent am Montag hat der Dax in diesem Jahr mehr als 37 Prozent eingebüßt.
Die Aktie der Commerzbank hat trotz eines Anstiegs von 15 Prozent am Montag in diesem Jahr mehr als die Hälfte ihres Werts verloren. Noch höhere Kursverluste haben unter den deutschen Standardwerten in diesem Jahr die Postbank, die Deutsche Bank, Daimler, Infineon und MAN mit einem Abschlag von mehr als 60 Prozent verzeichnet - ganz zu schweigen von der Hypo Real Estate, die in diesem Jahr 84 Prozent an Börsenwert verloren, obwohl der Kurs am Montag um 40 Prozent stieg.
„Offensichtlich wirken die angekündigten Maßnahmen wie ein Befreiungsschlag“, heißt es in einem Marktkommentar der Helaba. „Die extremen Kursschwankungen verdeutlichen aber auch, wie angeschlagen die Psyche der Marktteilnehmer ist und war.“
Tatsächlich ist die Psyche der Marktteilnehmer weiterhin angeschlagen. Die Rally, die derzeit stattfindet, ist ein Aufatmen. Die Folgen der Traumatisierung, die bei vielen Anlegern in den vergangenen Wochen stattgefunden hat, haben sich jedoch noch gar nicht in vollem Umfang gezeigt. Die Anleger stehen immer noch unter Schock.
Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, auch an der Börse nicht
Dieter Wundrak (wundi)
- 14.10.2008, 12:54 Uhr
...die toxischen Arten von Finanzinnovationen...
Heinz Thieme (HeinzThieme)
- 14.10.2008, 12:59 Uhr
Scheibenwischer Managment der Regierungen
Peter Szameitat (MAKSAS)
- 14.10.2008, 13:24 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |