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Aktienmarktanalyse An Moskaus Börse läuft es wieder rund

29.08.2006 ·  Der russische RTS-Index hat sich fast wieder an das Rekordhoch vom Mai herangekämpft. Viele Analysten sind optimistisch. Energie und Infrastruktur sind die großen Anlagethemen. Doch es bleibt ein großer Risikofaktor: Öl.

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Die Börse in Moskau macht es Anlegern leicht, die schweren Kurseinbrüche vom Mai und Juni zu vergessen. Der RTS-Index hat sich mit einer ansehnlichen Erholung wieder fast an das am 5. Mai verzeichnete Rekordhoch von 1.749 Punkten herangekämpft.

Technisch orientierte Analysten sprechen von einem Test dieses Hochs. Vom Ergebnis dieses Tests hängt es ihrer Ansicht nach entscheidend ab, wie die mittelfristigen Aussichten zu beurteilen sind. Viele fundamental orientierte Analysten sind optimistisch: Sie sind überzeugt davon, daß der russische Aktienmarkt im Vergleich zu anderen Schwellenlandbörsen billig ist.

Risikobereitschaft ist alles

Sie führen die seit Mitte Juni laufende Erholung entscheidend darauf zurück, daß institutionelle Anleger vor allem aus dem Ausland dies erkannt und seit Juni zu Ausverkaufspreisen zugegriffen haben. Doch auch die Optimisten verkennen nicht, daß die weitere Entwicklung entscheidend von der künftigen Risikobereitschaft der institutionellen Investoren abhängt.

Diese wird wiederum wesentlich von der weltweiten Konjunktur, den Zinsen und einer Reihe von Preisen für Industrierohstoffe geprägt. Rußland ist ein bedeutender Rohstoffexporteur, von Rohöl und Erdgas über Aluminium und Nickel bis hin zu Palladium und Platin. Die Preisbildung für diese Produkte steht stark im Zeichen der jeweiligen Konjunkturlage.

Gut 40 Prozent Plus seit Jahresbeginn

Der RTS-Index gilt als eine der herausragenden Erfolgsgeschichten an den Schwellenmärkten. Als er kurz vor dem Ende der russischen Finanzkrise von 1997 bei einem Stand von 38 Punkten zum Aufschwung ansetzte, ahnte niemand, daß daraus eine beispiellose Hausse werden sollte, zumal der Index zuvor rund 90 Prozent an Terrain eingebüßt hatte. Die vorerst letzte Phase dieser Hausse hatte den RTS zwischen September 2005 und Mai 2006 in einem Anstieg von 866 Zählern auf den bisherigen Rekord von 1.749 Punkten heraufkatapultiert. Es folgte ein Rückschlag auf 1.234 Punkte.

Mit deutlich mehr als 20 Prozent erfüllte der innerhalb von knapp vier Wochen abgelaufene Einbruch das „offizielle“ Maß für eine Baisse, und er stellte sogar noch die Rückschläge vieler anderer Schwellenmärkte in den Schatten. Gleiches gilt aber auch für die Erholung, die der steilen Talfahrt bis jetzt folgte und die den Index wieder um gut ein Drittel steigen ließ. Am Montag schloß der RTS bei 1.643 Punkten. Seit Jahresbeginn ergibt sich damit noch immer ein Terraingewinn von gut 40 Prozent.

Merrill Lynch empfiehlt Rußland

Merrill Lynch erklärt zu den Schwellenmärkten, die seit den Tiefs vom Juni hier verzeichnete durchschnittliche Erholung von rund 15 Prozent beruhe wohl auf der Annahme der Anleger, daß die langfristige Hausse an den Rohstoffmärkten ungebrochen sei und sich fortsetzen werde. Daraus hätten die Börsen der sogenannten BRIC-Länder (Brasilien, Rußland, Indien und China) sowie andere lateinamerikanische Aktienmärkte Nutzen gezogen.

Die asiatischen Börsen spüren nach Ansicht der Investmentbank hingegen die Besorgnis der Anleger über die konjunkturelle Entwicklung in Amerika. Sie rät, die Börse in Moskau im Kreis der Schwellenmärkte übergewichtet zu halten. Dieser Markt verfüge über ausreichend Liquidität und werde von kräftigem Wirtschaftswachstum sowie vom hohen Ölpreis getragen. Favoriten seien Bankaktien und Energiewerte. Das größte Risiko liege in einem Fall der Ölnotierungen.

Ölpreis als Risiko

Lombard Street Research, das unabhängige Londoner Analyseunternehmen, erwartet, daß sich der russische Aktienmarkt in den nächsten drei bis sechs Monaten weiter überdurchschnittlich entwickelt. Die Wirtschaft im Lande werde von dem Rohstoff-Boom zu immer stärkerer Dynamik angeheizt. Doch damit wüchsen auch die realen Löhne und der Geldumlauf.

Die zyklische Stärke der Konjunktur könne bis Anfang nächsten Jahres andauern, so daß russische Aktien im allgemeinen attraktiv erschienen. Doch es bestehe ein enormes Risiko in Form des Ölpreises. Die wirtschaftliche Stärke im Lande gründe sich zu einem wesentlichen Teil auf die Annahme, daß sich Öl fortschreitend verteuern werde. Sollte diese Erwartung nicht aufgehen, wären konjunkturelle Konsequenzen nicht zu vermeiden.

Infrastruktur bietet Chancen

Goldman Sachs hebt hervor, daß ein stärkerer Abschwung der amerikanischen Konjunktur die russische Wirtschaft und damit auch die Aktiengesellschaften dort unmittelbar kaum berühren würde. Der Anteil der Ausfuhren nach Amerika am stark von Rohstoffen geprägten Export sinke tendenziell und mache gegenwärtig nur noch 3 Prozent des Gesamtvolumens aus. Wesentlich wichtiger sei dagegen der Euro-Raum, in den 37 Prozent der russischen Ausfuhren gelangten.

Goldman Sachs zählt zu jenen, die bei Engagements in den BRIC-Ländern immer wieder auf die Chancen hinweisen, die sich Anlegern beim Ausbau der Infrastruktur von Straßen über Versorgungsnetze bis hin zum Gesundheitswesen bieten.

Quelle: gap., F.A.Z., 29.08.2006, Nr. 200 / Seite 21
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