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Aktienmarkt Fünf Zündfunken für neuen Schwung

10.12.2008 ·  Was bringt die Aktienkurse wieder für längere Zeit auf den Weg nach oben? Fünf Faktoren sind es, die Voraussetzungen für eine nachhaltige Rally sind.

Von David Bogoslaw
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Inmitten des größten Einbruchs, der seit 34 Jahren im amerikanischen Arbeitsmarktbericht verzeichnet wurde, erholten sich die wichtigen amerikanischen Aktienindizes. Trotz des düsteren Berichtes für den Monat November schien das am Wochenende gegebene Versprechen des designierten Präsidenten Obama, das größte staatliche Stimuluspaket seit 50 Jahren zu verabschieden, die Anleger zu ermutigen.

Während die Aktienkurse in den vergangenen Wochen immer wieder einmal kletterten, sind die Bemühungen, eine nachhaltige Rally auf den Weg zu bringen, weitgehend fehlgeschlagen. Die allgegenwärtige Finanzkrise sorgt dafür, dass es stets eine frische Flut an düsteren Schlagzeilen gibt, die jede Hoffnung auf eine baldige Talsohle der Aktienkurse zerschlagen.

Nach wie vor verhaltende Stimmung

Der Aufschwung dürfte wohl noch eine ganze Weile auf sich warten lassen, da die Vereinigten Staaten nun tief in einer Rezession stecken, die einem Bericht der Nationalen Behörde für Wirtschaftsforschung zufolge, vor einem Jahr begann und als die längste und tiefste seit 1982 betrachtet wird.

Seit Juli 2007 waren fünf Tage die längste Siegesserie, die der Leitindex Standard & Poor's 500 einfahren konnte, bevor er dem Verkaufsdruck erlag und erneut nach unten lief. Der Markt ist weit entfernt von seinem 11-Jahres-Tief vom 20. November, als der S&P-500 bei 752,44 Punkten schloss.

Die Anleger scheinen für einen erneuten Ansturm auf den Aktienmarkt bereit - wenn auch vielleicht noch nicht ganz. Sie zögern noch, weil sie sich fragen, wie lange und tiefgreifend die globale Rezession sein wird, meint Alec Young, Aktienstratege bei Standard & Poor's Equity Research (vgl. Aktien: Defensiv bleiben). Die Volkswirtschaftler sind sich einig, dass der Abschwung Mitte 2009 ein Ende hat, während die meisten Anleger das nach wie vor bezweifeln. „Der Markt kann in der Regel sechs Monate vorausschauen. Der Grund, warum Rally nicht an Zugkraft gewinnt, liegt darin, dass sich die Leute sehr unsicher sind“, ob der Zeitplan für eine Erholung nicht doch verlängert werden muss, meint er.

Angst vor dem Automobilbau

Hier ist mehr als nur reine Psychologie am Werk, obgleich die meisten Gelegenheitsbeobachter der Wall Street der Ansicht sind, dass die extreme Volatilität jeder Logik entbehrt, sagt Young. Der Aktienhandel ist eine einzige Spekulation darüber, wann mit einer Verbesserung der Unternehmensgewinne zu rechnen ist. Dass sich die Anleger an Aktien heranwagen, die über den Tiefständen vom November gehandelt werden, lässt darauf schließen, dass sie sich auf bessere Zeiten vorbereiten.

In der Zwischenzeit lauern jedoch Gefahren, insbesondere im Hinblick auf die dauerhafte Überlebensfähigkeit des amerikanischen Automobilsektors. Man muss den Anlegern gut zureden, wenn sie ihre Ängste vor der potentiellen Entlassung von 300.000 bis 400.000 Beschäftigten der Automobil- und Zuliefererbranche im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten überwinden sollen, meint Young.

Faktor 1: Keine weitere Abwärtskorrektur des Wachstums

Für Alan Skrainka, Chefinvestmentstratege bei Edward Jones & Co., ist das Anlegervertrauen in hohem Maße davon abhängig, dass die Wachstumsprognosen der Notenbank Fed und der Ökonomen nicht weiter nach unten korrigiert werden. „Wenn dieses Quartal tatsächlich das schlimmste ist und sich die [Produktivität] Anfang nächsten Jahres zu verbessern beginnt, dann könnte sich der Aktienmarkt nahe einer Talsohle befinden“, meint er. „Es kann nicht so weitergehen, dass die Wachstumsprognosen immer weiter gesenkt werden und wir den Zeitrahmen für einen Aufschwung immer weiter nach hinten verschieben.“

Bevor die Märkte im Oktober und November auf Talfahrt gingen, hatte die Fed für Ende 2008 eine Konjunkturbelebung vorhergesagt; diese Prognose hat sich nun weit in das Jahr 2009 hinein verlagert. Wenn Bernanke und Co. ihre Wachstumsprognose erneut nach unten korrigieren, wird das Anlegervertrauen sinken, wie in einem Unternehmen, das seine Gewinnschätzungen immer wieder verfehlt und immer niedrigere Gewinne vorhersagt, glaubt Skrainka.

Vor März keine Talsohle?

Verschieben sich die Prognosen für eine Rückkehr des Wirtschaftswachstums auf September 2009, so wäre bis März keine Talsohle am Aktienmarkt zu erwarten, sagt Alec Young von S&P. „Unter diesen Rahmenbedingungen können sich, wenn man auf Aufschwung setzt, die Opportunitätskosten einer nur einmonatigen Verfrühung auf 5 bis 6 Prozent belaufen, sogar bei Blue-Chip-Aktien“, meint er. „Die Leute sehen nun, wie viel Geld man in solch kurzer Zeit verlieren kann. Die Hälfte der Verluste sind in den vergangenen Monaten eingetreten.“

Bill Stone, Chefinvestmentstratege bei PNC Wealth Management in Philadelphia, ist der Ansicht, dass die Stimmung der Anleger ins Positive umschlagen könnte, wenn sich die Verschlechterung der Wirtschaftsdaten verlangsamt. „Wir beobachten einen beschleunigten Abwärtstrend“, bei dem der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal derzeit auf 5 Prozent geschätzt wird, nachdem im dritten Quartal ein vorläufiger Wert von 0,5 Prozent verzeichnet wurde.

Die in der vergangenen Woche von Merrill Lynch abgegebene Prognose, dass der Ölpreis aufgrund sinkender Nachfrage im kommenden Jahr auf gerade einmal 25 Dollar pro Barrel einbrechen könnte, nährt den Pessimismus der Anleger in gleicher Weise, da ihnen der Hinweis auf eine längerfristige Schwäche der Weltwirtschaft nicht viel Vertrauen in die Unternehmensgewinne einflößt, erklärt Young.

Das Ende einer Rezession beginnt in der Regel, wenn die Preise für bestimmte Produkte und die Kreditkosten sinken und attraktiv genug werden, um die Verbraucher wieder zum Einkaufen und Kreditaufnehmen bewegen, meint Abby Joseph Cohen, leitende Chefinvestmentstrategin bei Goldman Sachs. Sie glaubt, dass die Probleme diesmal deutlich schwieriger zu bewältigen seien als in früheren Rezessionen und dass die Automobil- und die Immobilienbranche viel Zeit benötigen werde, sich zu erholen.

Faktor 2: Ein gewaltiges Konjunkturpaket

Wie die Aussagen Obamas am Wochenende gezeigt haben, würde ein massives Konjunkturpaket helfen, die an den Märkten herrschenden Ängste vor einer ausgedehnten Rezession zu zerstreuen. Obgleich keine Größenordnung genannt wurde, gründet sich der Plan des designierten Präsidenten auf ein Infrastrukturprogramm, das dem Ausbau des Highway-Netzes in den 50er Jahren gleichkommt.

Zudem sollen Gelder investiert werden, um öffentliche Gebäude energieeffizienter zu machen. Dies würde auch die Modernisierung von Schulen und die Ausstattung der Klassenzimmer mit neuen Computern beinhalten.

Die Meinungen, wie groß der Stimulus sein muss, um die Wall Street wieder in Kauflaune zu versetzen, gehen auseinander. Der Markt hat wohl bereits ein 500 Milliarden Dollar teures Paket einkalkuliert, meint Young, während Robert Reich, Arbeitsminister der Regierung Clinton in der vergangenen Woche die Ansicht vertrat, dass sich die Ausgaben auf 4 Prozent des BIP oder rund 600 Milliarden Dollar belaufen müssten. Quincy Krosby, Chefinvestmentstrategin bei The Hartford, geht davon aus, dass das Paket nur dann sinnvoll ist, wenn es mehr als 700 Milliarden Dollar umfasst.

Investitionen in die Zukunft

Während sich die Anleger hauptsächlich mit Strategien befassen, die die Wirtschaft jetzt ins Rollen bringen könnten, werden Investitionen in langfristigere Projekte letztendlich dafür sorgen, dass das BIP künftig nachhaltiger wachsen kann, gibt Abby Joseph Cohen von Goldman Sachs zu bedenken. Eine Investition in die Infrastruktur bedeutet heute mehr als die Umsetzung materieller Projekte wie Brücken und Autobahnen.

Sie umfasst auch Vorkehrungen für die „Informationswirtschaft, wie etwa die richtige Sorte von Breitbandverbindungen und die Gewährleistung, dass diejenigen Anteile der Bevölkerung, die über keine Bildungsmöglichkeiten verfügen, Zugang zu [Internet-basierten Ressourcen] erhalten. “

Faktor 3: Ein Ende der Verkäufe durch Fonds

Die Anleger werden sich wahrscheinlich zurückhalten und abwarten, bis sie glauben, dass die Flut an fondsgetriebenen Verkäufen auf jedwedes Stärkesignal am Markt hin abgeklungen ist, meint Krosby. Einer Schätzung zufolge müssen Hedge-Fonds noch immer rund 200 Milliarden Dollar aufwenden, um bis Ende Dezember Rückkäufe zu ermöglichen. Die Manager offener Investmentfonds stehen unter dem Druck, Wertpapiere zu verkaufen, um Rückgabeaufträgen nachzukommen.

„Man könnte fast meinen, jeden Tag um 15 Uhr eine Pavlovsche Reaktion zu beobachten, da sich die Leute fragen: 'Wann geht es mit dem Verkaufen los?' Das muss aufhören, denn es ist wichtig, den Anlegern klar zu machen, dass es Käufe und nicht technische Verkäufe sind, die weitere Käufe nach sich ziehen“, meint sie.

Faktor 4: Mehr Kredite
Eine weitere entscheidende Komponente bei der Wiederherstellung des Anlegervertrauens besteht darin, den freien Kreditfluss wieder in Gang zu bringen. Ein Rückgang des dreimonatigen Libor (London Interbank Offered Rate), also des Satzes, zu dem sich die Banken gegenseitig kurzfristige Kredite von bis zu einem Jahr leihen, um 187 Basispunkte seit Oktober sowie die erhöhte Liquidität im Markt für sehr kurzfristige Anleihen (Commercial Paper) deuten auf eine beginnende Lockerung bei den kurzfristigen Krediten hin.

Bei den langfristigen Krediten bewegt sich jedoch nichts, sagt Skrainka von Edward Jones. Die kürzlich verlautbarten Pläne der Fed, Hypotheken im Wert von 500 Milliarden Dollar, die von den staatlich geförderten Banken Fannie Mae, Freddie Mac und Ginnie Mae garantiert werden sowie von den staatsnahen Unternehmen gehaltene Unternehmensschulden in Höhe von weiteren 100 Milliarden Dollar zu kaufen, drückte die Zinssätze 30jähriger Hypotheken seit Anfang Dezember um einen dreiviertel Prozentpunkt auf etwa 5,50 Prozent. Dennoch müsse die 20prozentige Renditedifferenz zwischen ertragsstarken Unternehmensanleihen und amerikanischen Bundesanleihen noch weiter sinken, sagt er.

Niedrigere Hypothekenzinsen, die es Familien ermöglichen, ihre Eigenheime zu refinanzieren und ihre monatlichen Zahlungen zu verringern, würden helfen, weitere Kreditmärkte zu öffnen, was die Investitionen wieder in Gang brächte, erläutert Stone von PNC. „Dann gibt die Privatwirtschaft wieder Geld für die Infrastruktur aus, denn offen gesagt kann sie das momentan gar nicht, auch wenn sie es wollte, da die Unternehmen keine Kredite bekommen können“.

Faktor 5: Steuersenkungen

Krosby von The Hartford glaubt, dass eine Senkung der Unternehmens- und Verbrauchssteuern zum Geldausgeben ermutigen und den Aktienmarkt in Schwung bringen würde. „Ich meine keine vorübergehenden Steuersenkungen, da man damit nicht planen kann“, sagt sie.

Ziel ist es, sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Verbrauchern die Nachfrage anzukurbeln. Steuersenkungen waren schon immer ein bedeutender Katalysator für Nachfragesteigerungen, obgleich das diesmal möglicherweise nicht der Fall ist. Es kommt darauf an, wie schlimm Unternehmen und Verbraucher den weiteren Verlauf der Rezession einschätzen und wie viele Arbeitsplätze letztendlich verloren gehen. Auch eine Senkung der Sozialversicherungsabgaben, wie sie zu einem früheren Zeitpunkt dieses Jahres von den Demokraten befürwortet wurde, könnte helfen.

Während seiner Kampagne im Vorwahlkampf befürwortete Obama eine Senkung dieser Abgaben um bis zu 1.000 Dollar für Haushalte der Mittelschicht, um nicht nur die Benzinkosten, sondern auch die Kosten für Nahrungsmittel zu kompensieren. Die Benzinpreise sind im Laufe der vergangenen drei Monate beträchtlich gesunken, doch bei den Verbraucherausgaben bewegt sich noch immer nichts, da die Menschen größere Ängste zum Beispiel vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben.

Überwintern mit qualitativ hochwertigen Aktien

Was ist zu tun, bevor die Weichen für eine nachhaltige Rally gestellt sind? Bis die Anleger davon überzeugt sind, dass die Katalysatoren für umfassende Aktienkäufe vorhanden sind, können sie sich mit Aktien trösten, deren Dividenden ihrer Ansicht nach keinem Kürzungsrisiko ausgesetzt sind, meint Krosby.

„Man befürchtet, dass die Dividenden gekürzt werden, wenn die Gewinne weiterhin rückläufig und die Verluste nicht bereits in den Aktienkurs einkalkuliert sind“, sagt sie. „Aus diesem Grund investieren die Anleger momentan nur in Unternehmen, die einen sehr starken Cashflow und gute Bilanzen haben. “ Mit anderen Worten: Anleger tun möglicherweise gut daran, mit einigen qualitativ hochwertigen Namen auszuharren, bis sich die Wolken lichten.

David Bogoslaw ist Reporter im Geldanlageressort von Business Week.

Quelle: Business Week Online
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