30.04.2007 · Die Krise um die Wahl eines neuen Staatspräsidenten hat einen Kurseinbruch an der Istanbuler Börse bewirkt. Und laut Marktexperten wird die Gefahr eines Militärputsches die kurzfristigen Kursaussichten bis auf weiteres begrenzen.
Die Spannungen um die Wahl des türkischen Staatspräsidenten haben die Kapitalmärkte des Landes in Unruhe versetzt. Nachdem die Armee drohte, die Wahl des Präsidentschaftskandidaten der konservativen Regierung, Abdullah Gül, zu blockieren, sackte die türkische Lira gegenüber Euro und Dollar um etwa vier Prozent ab.
Das Aktienbarometer ISE National 100 brach im Verlauf um bis zu acht Prozent ein und auch aus dem Anleihenmarkt wurden Gelder abgezogen. Am Handelsende betrug das Minus an der Börse noch vier Prozent, was einem Verlust an Marktkapitalisierung von 7,8 Milliarden Dollar entspricht. Die Aktie des größten türkischen Kreditinstituts, Isbank, ging mit einem Abschlag von 6,4 Prozent auf 6,55 Lira aus dem Handel. Und die Koc Holding, das größte Unternehmen in der Türkei, büßte fünf Prozent auf 6,75 Lira ein. Bei der Lira stand im Verhältnis zum Dollar am frühen Abend noch ein Abschlag von 2,43 Prozent auf 1,3678 Dollar zu Buche.
Bei einer Parlamentsabstimmung zur Wahl des neuen türkischen Präsidenten hatte Gül die nötige Mehrheit um nur zehn Stimmen verfehlt. Die Streitkräfte, die seit 1960 viermal amtierende Regierungen abgesetzt haben, werfen ihm islamistische Tendenzen vor. Die Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan heble im Rahmen der Präsidentschaftswahl die Trennung von Staat und islamischer Religion aus, erklärten die Militärs. In Sorge um den traditionell säkularen Staat protestierten am Sonntag hunderttausende Türken gegen die Präsidentschaftskandidatur des derzeitigen Außenministers. „Wir erfahren gerade das Dilemma der Demokratie“, sagte Fondsmanager Baris Sozen von Akbank TAS in Istanbul. „Die ausländischen Investoren haben so etwas nicht erwartet, deshalb reagieren sie.“
Kritische Einschätzung der kurzfristigen Kursaussichten
„Erstmals seit 2001 ist das politische Risiko so hoch und ausländische Investoren wenden sich dem Risikoprofil zu“, stellt Händler Mehmet Ilgen von Ata Invest fest. Fondsmanager Viktor Broczko von Progressive Developing Markets in London zeigt sich ebenfalls besorgt. Noch sei es jedoch zu früh, um zu entscheiden, ob sich ein Verkauf türkischer Investments anbiete oder die Chance zum Einstieg ergriffen werden sollte.
Die meisten anderen Experten vor Ort, bei denen wir uns über die Lage informiert habe, rieten dagegen meistens eindeutig zur Zurückhaltung. So hieß es beim Broker Oyak Securities: „Wir werten das Ganze nicht als eine Kaufgelegenheit. Vielmehr hat sich durch die jüngste Entwicklung das Risikoprofil der Türkei deutlich erhöht und die Anleger dürften künftig deutlich defensiver agieren.“
Als ein möglicher Ausweg und mit als die beste Lösung werden in der Regel baldige Neuwahlen gesehen. „Vorgezogene Wahlen sind derzeit die einzige Hoffnung, weil sie die Spannungen vielleicht etwas entschärfen würden“, hoffen zumindest die Analysten bei EFG. Und bei Raymond Securities heißt es zu diesem Thema: „Wir rechnen mit Neuwahlen in den kommenden drei bis vier Monaten. Das ändert aber nichts daran, dass sich kurzfristig die Lage deutlich eingetrübt hat. Bis es zu den Wahlen kommt, dürfte es ratsam sein, die Gewichtung türkischer Aktien zurückzufahren.“ Ähnlich sieht man das auch bei der Finansbank („Die politischen Unsicherheiten dürften eine Zeit lang auf dem Markt lasten.“) und bei Morgan Stanley (Die Einmischung des Militärs unterminiert die EU-Anstrengungen der Türkei. Ausländer, aber auch Inländer, dürfte es bevorzugen, ihr Geld dort anzulegen, wo Gesetze nicht in Frage gestellt werden.“)
Seit Jahresbeginn stimmt die Bilanz an den türkischen Finanzmärkten noch
Von Jahresanfang bis Ende vergangener Woche hatte die türkische Lira 5,4 Prozent gegenüber dem Dollar zugelegt. Zum Euro kam sie bis Freitag auf ein Plus von 2,7 Prozent. Der National-100 hatte bis vor dem Kursrutsch am Montag 20 Prozent angezogen, am 25. April erreichte er erst das Allzeithoch von 48.033 Punkten.
Die Rendite im Februar 2009 fälliger türkischer Staatsanleihen stieg am Montag um 86 Basispunkte auf 19,25 Prozent. Zuvor hatten türkische Anleihen in diesem Jahr eine Rendite von 9,4 Prozent gebracht und damit deutlich besser als die Anleihen anderer Schwellenländer abgeschnitten, die es bislang auf ein Jahresplus von 3,9 Prozent gebracht haben.
Regierungspartei kann wirtschaftliche Erfolge vorweisen
Seit Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) ins Amt kam, hat die Partei weitreichende Gesetzesänderungen auf den Weg gebracht, die die Wirtschaft stabilisierten und die Türkei dem Beitritt zur Europäischen Union näher brachten. Die Inflation sank von über 70 Prozent im Jahr 2002 auf 10,9 Prozent im vergangenen Monat. Die Redefreiheit steht auf breiteren Füßen, die Rechte von Minderheiten wurden gestärkt.
Vergangenes Jahr strömten insgesamt 19,8 Mrd. Dollar ausländischer Investments in die Türkei, so viel wie noch nie. Und im ersten Quartal 2007 beliefen sich die ausländischen Investitionen auf weitere elf Milliarden Dollar. Seit 2002 wuchs die Wirtschaftskraft des Landes jährlich durchschnittlich um sieben Prozent verglichen mit lediglich 1,6 Prozent in den Euro-Ländern. Wohl auch ermutigt durch diesen soliden Datenkranz gibt sich Katinka Barysch, Chef-Volkswirtin beim Londor Center for Economic Reform noch einigermaßen gelassen: „Dank des starken Zuflusses an ausländischen Kapital hat die türkische Wirtschaft ein hohes Momentum. Drastische politische Entwicklungen wären zwar Besorgnis erregend. Momentan sehen ich aber noch keine richtige Gefahr für eine politische Krise.“
Gül war Mitglied der proislamischen Regierung, die 1997 von der Armee aus dem Amt gehoben wurde. Die Wohlfahrtspartei, der sowohl Gül als auch Erdogan angehörten, wurde damals verboten. Beide gründeten anschließend die AKP.
EU-Erweiterungskommisar Olli Rehn bezeichnete die Reaktion der Armee auf die Parlamentsabstimmung als „klaren Testfall“, ob das Land die demokratischen Werte der Europäischen Gemeinschaft respektieren könne. Oppositionsparteien haben Neuwahlen für das Parlament gefordert, so dass eine neue Legislative den Präsidenten wählen kann. Die wichtigste Oppositionspartei, die Republikanische Volkspartei, hatte die Parlamentsabstimmung zur Präsidentenwahl boykottiert.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |