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Aktienmärkte Die Kursentwicklung an Wall Street paßt zu einem Wahljahr

15.03.2004 ·  Historisch betrachtet sind die jüngten Kursverluste in Amerika kein Problem. Denn typischerweise startet die Wall Street eher schwach ins Jahr einer Präsidentenwahl. Erst im weiteren Verlauf geht es dann oft nach oben.

Von Catherine Hoffmann
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Da war er sich ganz sicher: „Die Zukunft ist morgen", erkannte der amerikanische Präsident George W. Bush mit Scharfsinn. Aber was bringt diese Zukunft? Gewinnt der Texaner oder sein demokratischer Herausforderer John Kerry die Wahlen am 2. November? Und wie reagieren die Börsen auf den Wettstreit, der mit harten Bandagen und einer gewaltigen Werbemaschinerie ausgetragen wird?

Wer herausfinden will, welche Überraschungen die kommenden Monate für Anleger bereithalten, muß sich nicht lange mit dem Studium wolkiger Parteiprogramme aufhalten oder mühsam den Zusammenhang zwischen Steuern, Zinsen und Unternehmensgewinnen studieren. Es genügt einfach, in den Kalender zu schauen und festzustellen: 2004 ist Wahljahr in Amerika. Und Wahljahre sind gute Börsenjahre, das lehrt ein Blick in die Vergangenheit (siehe Grafiken unten).

Dabei ist es fast schon egal, wer gewinnt - oder amtiert. „Im dritten und vierten Jahr einer Legislaturperiode schlagen sich Aktien in aller Regel deutlich besser als in den ersten beiden Jahren", schreibt Thomas Doerflinger in einer Studie für die UBS. Seit 1949 legte der amerikanische Leitindex S&P 500 im ersten Jahr nach der Wahl nur fünf Prozent zu, im zweiten acht Prozent. Im dritten und vierten Jahr glänzte er dann allerdings mit 19 und neun Prozent Gewinn.

Keine Garantie auf Wiederholung der Geschichte

Selbstverständlich sind historische Daten kein sicheres Indiz für das, was die Zukunft bringt. „In einzelnen Jahren weichen die Börsen stark vom Muster der Wahlzyklen ab", warnt Dimitri Speck, Herausgeber der Website seasonalcharts.com. Denn es gibt noch zahlreiche andere und wichtigere Faktoren, die das Auf und Ab der Kurse an Wall Street bestimmen.

Dennoch zählen Wahlzyklen nicht zu jenen kaum ernst zu nehmenden Marktbarometern, die sich vor allem durch ihre Beliebigkeit auszeichnen - wie jener Indikator, der das Schicksal von Wall Street an den Ausgang des Super-Bowl knüpft. „Wahlzyklen gehören zu den statistisch signifikantesten und am besten untersuchten Börsenzyklen", weiß Speck.

Das Muster von Wahlen und die Fieberkurve der Börse ähneln sich. Um wiedergewählt zu werden, geben Präsidenten jede Menge Geld aus und senken die Steuern im dritten Jahr ihrer Amtszeit, um der Konjunktur Schwung zu verleihen. Ein kräftiges Wirtschaftswachstum bildet für gewöhnlich die Basis für kräftige Gewinne am Aktienmarkt.

Wichtiger noch: „Der Wahlzyklus hat auch Einfluß auf die Geldpolitik", sagt Jan Hatzius, Amerika-Volkswirt von Goldman Sachs. „Die Notenbank will im Wahlkampf nicht den Eindruck politischer Einflußnahme erwecken, deswegen ändert die Fed die Zinsen vor einer Wahl nur ungern." Aktuell hieße das: Vor Dezember wird es wohl keine Zinserhöhungen geben. Gut für die Börse.

Aufräumarbeiten neuer Präsidenten wirken in der Regel bremsend

Wenn dagegen ein neuer Präsident antritt, ist er oft zu unpopulären Maßnahmen genötigt. Er muß die Steuern erhöhen und die Ausgaben kürzen, um das ausufernde Haushaltsdefizit seines Vorgängers wieder in den Griff zu bekommen. Ökonomen unterstellen sogar, daß die Schuldenmacherei bösartig und planvoll ist, vor allem dann, wenn der Amtsinhaber befürchten muß, die Macht zu verlieren. Volkswirte nennen das ganz griffig "Theorie der verbrannten Erde". Auch im Abschwung verstärkt die Notenbank mitunter den Zyklus: Sie bremst angesichts der wachsenden Staatsschulden und erhöht die Zinsen. Diese bittere Medizin schmeckt den Börsianern nicht so recht.

Ist der Zusammenhang zwischen Wahl und Börse eine sichere Sache? Nein. So rutschten im März 2003 die Aktienkurse in den Keller, obwohl Anleger erwarten durften, daß sie sich im Jahr vor der Präsidentenwahl hervorragend entwickeln. Danach verlief allerdings alles nach Plan: Präsident Bush senkte mehrmals die Steuern, erhöhte den Staatskonsum nach Kräften und brachte so die Wirtschaft wieder ins Rollen. Die Börsen erholten sich schwungvoll vom Kriegsschock - und den enttäuschenden Jahren 2001 und 2002, als unter Bushs Ägide für die Wirtschaft vieles schieflief.

Erfahrung spricht für Kursgewinne im Jahresverlauf

Und wie geht es jetzt weiter? Der Kurseinbruch in der vergangenen Woche zehrt an den Kursgewinnen. Auch das paßt ins Bild. Aktien starten für gewöhnlich recht schwach ins Jahr der Präsidentenwahl. So richtig aufwärts geht es erst von Ende Mai an, dann zogen die Kurse in der Vergangenheit aber bis zum Jahresende an. 2005 dürfte es allerdings ungemütlich werden, wenn der neue Präsident auf die Bremse tritt - egal ob er Bush oder Kerry heißt.

Weitere interessante Hinweise zum Thema Wall Street und Präsidentschaftswahlen finden Sie in den angehängten Links Die Börse nimmt nicht Partei und Aktionäre von Pharma- und Ölwerten profitieren von Bush.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2004, Nr. 11 / Seite 53
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