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Aktienjahr 2009 Analysten an der Wall Street setzen auf steigende Kurse

31.12.2008 ·  Die Mehrheit der Fondsmanager glaubt an eine Erholung der Aktienkurse. Dieser Optimismus folgt auf ein Jahr, für das viele Geldverwalter eklatante Fehlprognosen abgegeben hatten. Der Fall der Kurse kam schnell und massiv.

Von Norbert Kuls, New York
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Viele Analysten und Fondsmanager an der Wall Street prognostizieren für das kommende Jahr eine Erholung der Kurse an den amerikanischen Aktienmärkten. So rechnet die Hälfte der von der Anlagegesellschaft Russell Investments regelmäßig befragten Fondsmanager für 2009 mit Kursgewinnen von mindestens 10 Prozent. Weitere 27 Prozent der insgesamt befragten 206 Vermögensverwalter glauben, dass die Kurse um bis zu 10 Prozent steigen werden. Und nahezu drei Viertel der Fondsmanager halten den Aktienmarkt nach den starken Verlusten des vergangenen Jahres für unterbewertet.

Dieser Optimismus folgt auf ein Jahr, für das die meisten Geldverwalter eklatante Fehlprognosen abgegeben hatten. Denn auch bei der Russell-Umfrage für 2008 hatten drei Viertel der Fachleute mit Kursgewinnen für amerikanische Aktien kalkuliert. Es ist bekanntlich anders gekommen. Die von fallenden Häuserpreisen und Zahlungsausfällen bei Hypotheken ausgelöste Finanzkrise eskalierte zu einer Rezession der Realwirtschaft. Die Wall Street bebte im Jahr 2008 so stark wie seit der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre nicht mehr.

Der Fall der Kurse kam schnell und massiv

Kaum ein Geldanlageprofi hatte damit gerechnet, dass drei der einst größten Investmentbanken der Wall Street entweder kollabieren würden wie Lehman Brothers oder unter Druck verkauft würden wie Bear Stearns und Merrill Lynch. Großbanken wie die Citigroup oder Wachovia wackelten. Mehrere Kreditinstitute, darunter die große Sparkasse Washington Mutual, brachen zusammen. Der Versicherungsriese AIG musste wiederholt von der Regierung gestützt werden. Und im Dezember erschütterte auch noch der Betrugsskandal des Börsenmaklers Bernard Madoff. Er soll Kunden seiner Vermögensverwaltung um 50 Milliarden Dollar geprellt haben.

Die Konsequenz: Der Dow-Jones-Index der 30 größten Industriewerte notiert kurz vor dem Ende des Jahres mit 36 Prozent im Minus. Das breiter gefasste Marktbarometer S&P 500 ist im gleichen Zeitraum sogar um knapp 41 Prozent gefallen. Das sind dramatische Verluste. Nur 1931 war der Einbruch des S&P 500 mit 47 Prozent stärker gewesen. Der Fall der Kurse kam schnell und massiv. Vom im Oktober 2007 markierten Rekordhoch bis zum tiefsten Stand im November 2008 hatte sich der S&P 500 innerhalb von nur 13 Monaten um 52 Prozent ermäßigt - die drittgrößte Baisse seit dem Börsenkrach von 1929 bis 1932. „Eine der verblüffendsten Eigenschaften dieses Rückgangs war die Geschwindigkeit“, schreibt Sam Stovall, der Chefanlagestratege des Informationsdienstes Standard & Poor's.

Analysten schöpfen Zuversicht aus der Dividendenrendite

Historisch betrachtet dauerten „Kernschmelzen“ dieser Größenordnung im Durchschnitt 21 Monate. Das Ausmaß des Einbruchs ist einer der Gründe, warum Stovall glaubt, dass der Tiefpunkt im November erreicht wurde. „Es geht wahrscheinlich nicht weiter nach unten“, glaubt Stovall, der für das kommende Jahr einen Kursgewinn für den S&P 500 von rund 20 Prozent prognostiziert. Zudem lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500, gemessen an den operativen Gewinnen des vergangenen Jahres, zum Tiefpunkt im November bei 11,5. Das war das niedrigste KGV der vergangenen 20 Jahre. In anderen Worten: Aktien sind günstig zu haben.

Analysten schöpfen auch Zuversicht aus der Dividendenrendite des S&P 500, die erstmals seit 50 Jahren mit 3,3 Prozent höher liegt als die Renditen von Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit (2,2 Prozent). Selbst wenn Aktien keine Kursgewinne abwerfen, verdienen Investoren mehr mit Dividendenausschüttungen als mit Zinsausschüttungen. Das könnte Aktien im Vergleich zu Anleihen attraktiv machen.

Steigende Arbeitslosigkeit und knappe Kredite tragen zur Verunsicherung bei

Entscheidend dürfte sein, wie sich die Maßnahmen der Notenbank Fed auf die Konjunktur auswirken. Die Fed hatte jüngst den Leitzins auf einen Zielkorridor von 0 Prozent bis 0,25 Prozent gesenkt, um gegen die Rezession zu steuern. Volkswirte halten das Risiko eines sich weiter verschärfenden Konjunkturabschwungs für hoch. „Die Verbraucherausgaben sind der Faktor Nummer eins, der die Wirtschaft derzeit belastet“, sagt Ökonom Nariman Behravesh von der Analysegesellschaft IHS Global Insight. Der Rückgang der Häuserpreise und der Aktienkurse belaste das Vertrauen der Verbraucher in die Konjunktur und sorge für Zurückhaltung bei Ausgaben.

Steigende Arbeitslosigkeit und knappe Kredite tragen ebenfalls zur Verunsicherung bei. Auch Unternehmen treten auf die Kostenbremse. Einige Ökonomen glauben daher, dass die Schätzungen für die Gewinnentwicklung der Unternehmen weiterhin zu optimistisch sind. Analysten rechnen nach Angaben des Informationsdienstes Thomson Reuters für die im S&P 500 abgebildeten Unternehmen derzeit mit einem Gewinnwachstum von 5,6 Prozent im kommenden Jahr. Unternehmensgewinne sind langfristig die wichtigste Triebfeder für Aktienkurse.

Dennoch glauben die meisten Ökonomen, dass die Stützungsmaßnahmen der Fed, des Finanzministeriums und des Kongresses gegen Ende des kommenden Jahres für den Anfang einer Konjunkturbelebung sorgen könnten. Der Aktienmarkt bildet Erwartungen in der Regel mit einem Vorlauf von sechs Monaten ab, was für eine Erholung der Kurse sprechen könnte. „Die Chancen, dass der Boden der Baisse erreicht wurde, sind wegen der massiven Zinssenkung der Fed gestiegen“, sagt Alfred Goldman, der Chefmarktstratege der Bank Wachovia.

Obama will wahrscheinlich einen dreistelligen Milliarden-Dollar-Betrag investieren

Auch die Hoffnung auf ein Konjunkturpaket des neuen Präsidenten Barack Obama hatte den Aktienmarkt in den vergangenen Wochen gestützt. Obama will wahrscheinlich einen hohen dreistelligen Milliarden-Dollar-Betrag in Infrastrukturprojekte investieren. „Wenn es nach Plan läuft, wird 2009 ein Jahr des Übergangs von einem großen Finanzdesaster zu allmählicher Belebung“, sagt Michael Sheldon, Chef-Marktstratege beim Wertpapierhaus RDM Financial.

Auch der berühmte Investor Warren Buffett hatte jüngst ein Votum für amerikanische Aktien abgegeben. Buffett hatte Mitte Oktober bekanntgegeben, dass er angesichts der deutlich gefallenen Kurse für sein persönliches Wertpapierdepot amerikanische Aktien kauft. Buffett prognostizierte für die nähere Zukunft zwar auch steigende Arbeitslosigkeit und nachlassende Geschäftstätigkeit von Unternehmen. Er hält es aber für sehr wahrscheinlich, dass die Kurse am Aktienmarkt deutlich steigen, bevor sich die Stimmung und die Konjunktur wieder bessern. Zwar sei Skepsis bei hochverschuldeten Firmen oder Unternehmen in schwacher Wettbewerbssituation angebracht. „Aber Sorgen um die vielen intakten Unternehmen im Land machen keinen Sinn“, glaubt Buffett.

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