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Aktienbörsen Begeisterung vor dem Ende der Party

15.10.2009 ·  Zum ersten Mal seit einem Jahr hat der Dow-Jones-Index an der New Yorker Börse die Schwelle von 10.000 Punkten überwunden. Die Euphorie nimmt zu, die mahnenden Stimmen werden leiser, doch das Ende ist absehbar.

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Der Leitindex der New Yorker Börse hat am Mittwoch im Handelsverlauf erstmals seit Oktober 2008 wieder die Marke von 10.000 Zählern überschritten. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte notierte zum Handelsschluss an der Wall Street mit einem Plus von 1,5 Prozent bei 10.015 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500-Index schloss 1,8 Prozent höher als am Vortag bei 1092 Punkten. Der Index der Technologiebörse Nasdaq ging 1,5 Prozent im Plus mit 2172 Punkten aus dem Handel.

Am 9. März, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, hatte der Dow mit 6547,05 Punkten ein Zwölf-Jahres-Tief erreicht. Seither hat der Index um mehr als 50 Prozent zugelegt. Die anhaltende Hausse ist das Zeichen dafür, dass die Investoren der Überzeugung sind, der schlimmste Teil der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie der daraus resultierenden Rezession wäre überstanden.

Marktteilnehmer werden langsam euphorisch

Auch die japanische Börse verbucht am Morgen kräftige Gewinne. Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index stieg um 1,8 Prozent auf 10.238 Punkte, kam damit aber von seinem Tageshoch zurück. Auch die chinesischen Börsen zeigen eine feste Tendenz.

Und die Begeisterung kennt bisweilen keine Grenzen: Michael Jones, Manager bei Riversource Investments, nannte die 10.000-Punkte-Marke einen „entscheidenden Meilenstein“ auf dem Weg nach oben. Auch Währungsstratege Michael Woolfolk von BNY Mellon gab sich optimistisch: „Wir sehen ein deutliches Kaufsignal, da 95 Prozent der Unternehmen ihre Zahlen noch nicht vorgelegt haben.“

Nach der wöchentlichen Erhebung der Deutschen Börse und Cognitrend unter rund 150 institutionellen Investoren ist die Zuversicht unter den deutschen Anlegern weiter gewachsen. So stieg der Anteil der Anleger, die von steigenden Kursen ausgehen, um 6 Prozentpunkte auf 54 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil der Pessimisten um 4 Prozentpunkte auf 30 Prozent. Mit einer Seitwärtsbewegung des Marktes rechnen 16 Prozent der Befragten, 2 Prozentpunkte weniger als in der Vorwoche.

Deutsche Anleger geben sich am Donnerstag vorerst zurückhaltend

Der Dax hat indes am Donnerstag wenig verändert eröffnet, da Kursgewinne am Mittwoch vorweg genommen wurden, nachdem die Zahlen von BASF für gute Stimmung gesorgt hatten. Indes stellt sich hier die Frage, inwieweit nicht von so manchem Investor Zweckpessimismus betrieben wird. Denn der Zusammenhang, dass ein Ende der Hausse um so näher rückt, je größer die Begeisterung wird, ist mittlerweile allgemein bekannt. Andererseits ist auch erzwungene Rückhaltung besser als maßlose Kaufsucht.

Indes warten die Anleger nur auf die Zahlen der amerikanischen Großbanken Goldman Sachs und Citigroup, von denen viel erwartet wird, so eine Verdreifachung des Gewinns bei Goldman Sachs. Die Investoren sitzen also in den Startlöchern, auch wenn die renommierte Analystin Meredith Whitney die Aktie gerade erst auf „halten“ zurückgestuft hat.

Gerhard Schwarz, Aktienstratege bei Unicredit in München geht davon aus, dass die Unternehmen mit ihren Ergebnissen weiterhin die Analystenerwartungen übertreffen werden, was die Aktienmärkte weiter stützen dürfte. Und auch der schwache Rentenmarkt zeigt die Erwartung steigender Aktienkurse an. Wo anders soll das frei werdende Geld aus Anleihenverkäufen auch hin als an den Aktienmarkt?

Wir danken der Notenpresse

Andere Analysten werden hinsichtlich der Ursachen der Rally deutlicher. So sagt Howard Ward von Gamco Investors, diese habe ihren Grund in der aggressiven Geldpolitik. Die Erholung der Aktienmärkte sei liquiditätsgetrieben. Oder blumiger ausgedrückt von Michael Jones: Die 600 Milliarden Dollar, die die amerikanische Notenbank Fed bis März unter anderem für den Kauf hypothekenbesicherter Wertpapiere drucken wolle, sei „der Raketentreibstoff, der die Börsenrally am Laufen halten wird“.

Und die Profis reiben sich schon die Hände: Der Sprung des Dow Jones zurück über die 10.000 Punkte sei eigentlich eher von psychologischer Bedeutung, so Lawrence Glazer von Mayflower Advisors. „Aber mit den riesigen Mengen an Geld, die in der Hinterhand warten, könnte das ein Weckruf für Investoren sein.“ Und derweil diskutiert die Fed, ob sie ihr Ankaufprogramm sogar noch ausweiten soll.

Wenig Gehör finden da mahnende Stimmen wie von Joseph Kapp von Lincoln Financial Advisors, der angesichts der weiter bestehenden Probleme in der realen Wirtschaft, konkret am Arbeits- und Immobilienmarkt vor zu viel Euphorie warnt. Christoph Schmidt, Analyst bei N.M.F. weist daraufhin, dass die Berichtssaison noch recht jung sei - erst weniger als ein Zehntel der Firmen hätten ihre Berichte vorgelegt.

Das zeigte sich auch in Tokio, wo der Nikkei-Index zwar 1,8 Prozent höher auf einem 13-Monatshoch von 10.238 Punkten, aber unter seinem Tageshoch von 10.272 Stellen schloss. „Ich denke, es gibt immer noch einige Bedenken über die Bilanzberichte“, sagte dazu Hideyuki Ishiguro, Analyst von Okasan Securities.

Umverteilung im großen Stil

Kapps Hinweis auf die Realwirtschaft ist nicht nur aktuell von besonderer Bedeutung. Vielmehr birgt auch der Umverteilungsprozess Gefahren, der mit den Stützungsmaßnahmen für den Finanzmarkt verbunden ist.

Das Geld fließt in die Banken, die dieses vor allem auf den Finanzmärkten investieren. So verdiente die Großbank J.P. Morgan nach am Mittwoch vorgelegten Zahlen vor allem dank des starken Investmentbankings im dritten Quartal unter dem Strich 3,6 Milliarden Dollar. Zahlen, die der Kapitalmarkt-Experte David Buik von BGC Partners als ungemein starken bezeichnete, da sie die Schätzungen der Analysten geradezu weggefegt hätten (vgl.Quartalszahlen: JP Morgan Chase überrascht mit Milliardengewinn). Gleichzeitig werden die an Banker gezahlten Boni in diesem Jahr wohl neue Rekordhöhe erreichen (vgl. Wall Street auf dem Weg zu neuen Rekordboni). Andererseits überlegt etwa die britische Regierung, inwieweit sie die Banken zur Vergabe von Firmenkrediten zwingen kann.

Von den steigenden Kursen profitieren vor allem die Vermögenden. Dagegen haben die Staaten gigantische Schulden aufgenommen und es zeichnet sich beispielsweise in Deutschland ab, dass die Sozialversicherungsbeiträge bald steigen müssen, während die vollmundig in Aussicht gestellten Steuerentlastungsprogramme wohl eher ausfallen.

Kaufen, bevor die Türen schließen

Ob und inwieweit solche Vermögens- und Einkommenseffekte durch Konjunkturprogramme aufgefangen werden, lässt sich letztlich schwer quantifizieren. Hauptleidtragender könnte vor allem die Mittelschicht sein, die zu reich ist, um von Sozialleistungen zu profitieren, aber nicht reich genug, um von den steigenden Kursen an den Finanzmärkten zu profitieren.

Wenn aber die Mittelschicht unter Druck gerät, wird sich dies auf die Realwirtschaft auswirken, und das wird an der Börse früher oder später nicht mehr zu ignorieren sein. Jamie Dimon, Vorstandschef von J.P. Morgan gab sich auch eher vorsichtig: die Gewinne würden künftig nicht mehr so deutlich steigen. Auch sind die Abschreibungen höher als erwartet ausgefallen, wie Buik anmerkt.

Und billig sind die Aktien allemal nicht mehr: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P-500 liegt bei knapp 21, das des Dax' gar knapp unter 48. Die Bewertung ist damit so hoch wie seit mehr als 5 Jahren nicht mehr. Selbst auf Prognosebasis liegen die Bewertungen mit KGVs von 18 bzw. knapp 17 so hoch wie seit Mindestens drei Jahren nicht mehr.

Das alles muss nicht in ein neues Katastrophenszenario führen. Es führt aber vor Augen, wie instabil die staatlich alimentierte Rally ist. Die derzeitige Party an den Börsen gleicht einem britischen Pub zu früheren Zeiten. Sobald die Glocke läutet, stürzen alle Gäste noch einmal an den Tresen, um ein letztes Pint zu ergattern, bevor die Pforten schließen.

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