28.10.2008 · Steigende Kurse nach den Tiefständen? Noch ein Kurssturz unter das Unterstützungsniveau? Ein langfristiges Hin und Her auf dem aktuellen Niveau? Experten erläutern die besten und schlechtesten Strategien für jedes Szenario.
Von David BogoslawDie meisten Leute empfinden es derzeit als sehr unsicher und gefährlich, in Aktien investiert zu sein. Obwohl sich die amerikanische Regierung klarer zu den für eine wachsende Anzahl von Banken bestimmten Kapitalspritzen äußert und die Renditeaufschläge am Anleihenmarkt viel versprechende Anstalten machen, zu sinken, sind die Aktienmärkte weiterhin äußerst volatil.
Anscheinend werden zu wenige Fondsanteile gekauft, um dem unermesslichen Verkaufsdruck von Hedge- und anderen Fonds entgegenwirken zu können, die verzweifelt Bargeld brauchen, um die drohenden Anteilsrücknahmen decken zu können.
Zuflucht zur Technik
Noch tückischer für die Investoren sind die vielen unbekannten Größen, von denen die Weltwirtschaft betroffen ist und die vom Erfolg der weltweiten finanziellen Rettungsaktion bis hin zur Dauer und Stärke der Rezession reichen.
Vor diesem Hintergrund vermitteln technische Schaubilder, mit denen die Preis- und Volumenentwicklung bei Wertpapieren und Indizes aufgezeigt werden, den Marktteilnehmern den Anschein einer gewissen Ordnung. Anhaltende Verkäufe fanden nach zwei Wochen am 10. Oktober ihren Höhepunkt, als die drei großen amerikanischen Aktienindizes ihren Tagestiefstand verzeichneten, bevor sie sich leicht erholten und ein sichereres Niveau erreichten.
Da die Marktteilnehmer nun dem Anschein den volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten wenig oder gar keine Bedeutung mehr zumessen, konzentrieren sich erfahrene Investoren zunehmend auf die technischen Unterstützungsniveaus. Am 24. Oktober näherte sich der S&P-500 bis auf 14 Punkte dem Tagestiefstand von 839 Stellen, den er am 10. Oktober erreicht hatte, bevor er bei 876,77 Zählern schloss, auf einem Niveau unter den zwei Wochen zuvor erreichten 899 Stellen.
Ist die Talsohle erreicht?
Was müssen Investoren unter den gegebenen Umständen tun? Die Empfehlungen der Anlagestrategen sind eher verwirrend als nützlich, wenn man den von ihnen zugrunde gelegten Markt und die wirtschaftlichen Annahmen nicht kennt. Um einiges zu verdeutlichen, hat Business Week drei grundsätzliche „Kriegszenarien“ mit einer ausgewählten Gruppe von Fachleuten im Anlagebereich durchgespielt, um deren Ansichten zu erfahren, wie sie sich durch die Untiefen des Marktes durchmanövrieren würden.
„Wenn der breite Markt die Tiefstände vom 10. Oktober noch einmal testen und halten würde, wäre das ein positives Zeichen, jedoch nicht unbedingt gleichbedeutend damit, dass die Talsohle erreicht ist“, sagt David Joy, führender Marktstratege bei Riversource Investments. „Es wäre eher ein Zeichen dafür, dass es auf dem derzeitigen Niveau verlässliches Kaufinteresse vorhanden ist.“
„Die Marktaktivität der letzten Wochen war stark genug, dass Riversource auf einer am 17. Oktober kurzfristig einberufenen Sitzung seines für die vierteljährliche Anlage ihrer Vermögenswerte zuständigen Komitees beschloss, langsam ihre amerikanischen Aktien-Positionen wieder aufzubauen, nachdem sie diese im Juni untergewichtet hatten“, sagt Joy.
Das Unternehmen kauft bislang jedoch nur Aktien-Indizes, keine Einzelwerte. Die attraktivsten Sektoren sind seiner Ansicht nach Energie, Industrie, Technologie und lediglich angesichts der niedrigen Bewertungen, auch Verbrauchsgüter. Joy glaubt, dass die traditionell defensiven Sektoren wie Versorger- und Gesundheitsaktien überbewertet sind und dem Investor keine hohe Erträge einbringen, wenn eine technische Gegenreaktion nach oben erfolgt.
Kaufen in der Mitte der Rezession
Jim Dunigan, leitender Anlageberater bei PNC Wealth Management, würde einen neuerlichen Tests der Tiefs vom 10. Oktober nutzen, um wieder zu kaufen. Er rät jedoch dazu, sich an erstklassige Namen im Bereich dauerhafter Konsumgüter, Gesundheit und IT zu halten. Seiner Ansicht nach deuten die erzwungen Auflösungen von Positionen durch Hedge-Fonds stark darauf hin, dass einige hochwertige Einzelaktien überverkauft waren und deren erhöhte Dividenden darauf deuten, wie billig diese derzeit sind.
„Festzustellen, wann die amerikanische Wirtschaft zu schrumpfen begann - und wie lange die Rezession voraussichtlich anhalten wird, kann Investoren dabei helfen, herauszufinden, wann sie am besten mit dem Kauf von Aktien beginnen“, sagt Linda Duessel, Aktienmarkt-Strategin bei Federal Investors in Pittsburgh. Sie glaubt, die Rezession habe Anfang 2008 begonnen und könnte Mitte 2009 vorüber sein. „Da eine Erholung der Aktienkurse lange vor dem Ende einer Rezession beginnt, haben Investoren in der Vergangenheit immer gute Renditen erzielt, wenn sie Aktien etwas nach dem Zeitpunkt erworben haben, den sie für den Mittelpunkt einer Rezession hielten“, sagt sie.
Duessel schlägt vor, mit kleinen Aktiengesellschaften und zyklischen Aktien zu beginnen, die von einer sich erholenden Wirtschaft abhängig sind. Langfristig tendiert sie zu Aktien aus Schwellenländern und Rohstoffwerten, die sie weiterhin in einem Bullenmarkt sieht.
Sollten die Aktienindizes jedoch auf signifikant neue Tiefstände fallen, dann sollten Anleger nach Aussage von Duessel das Weite suchen, nicht nur indem sie ihre eigenen Aktienpositionen reduzieren, sondern indem Sie einfach nichts kaufen. Duessel und andere Strategen warnen davor, dass die Diskrepanz von 14 Prozent zwischen dem Schlussstand des S&P 500 von 899 Punkten am 10. Oktober und dem nächsten Unterstützungsniveau, das in Höhe des am 10. Oktober 2002 verzeichneten Tagestief von 768 Stellen liegt, Investoren, die im Markt zu bleiben beabsichtigen, zu großer Vorsicht bewegen sollte.
Kapitulation
Phil Orlando, leitender Aktienmarktstratege bei Federated Investors in New York, sieht beim S&P-500 die Zone um 768 Zähler als zentrale technische Unterstützung an. Dieser Wert müsse erneut getestet werden, bevor eine nachhaltige Kursrally eintreten könne. „Der Markt betrachtet derzeit (768 als wichtiges Unterstützungsniveau) und preist eine Rezession in der nächsten Zeit ein“, sagt er.
Seiner Ansicht nach haben Notenbankchef Bernanke und Finanzminister Paulsen „das Weltuntergangsszenario für das amerikanische Finanzsystem vom Tisch genommen. Doch der S&P-500 müsse noch um weitere 100 Punkte fallen, um die übrigen Aktienverkäufe zu forcieren, die Hedge-Fonds vornehmen müssen, um Anteilsückgaben finanzieren zu können.
Nach Ansicht von Dunigan würde der S&P 500, wenn er unter das am 10. Oktober verzeichnete Tagestief von 839 Punkten fiele, die Investoren dazu zwingen, erneut darüber nachzudenken, welche Beträge sie weiterhin in Aktien zu halten bereit sind. In Zeiten panikartiger Kapitulation (ein Begriff, der in Fachkreisen für Zeiten verwendet wird, in denen in einem fallenden Markt verkauft wird), gilt die größte Sorge dem Kapitalerhalt. Dunigan rät nicht dazu, ihre Aktienpositionen komplett aufzugeben, da sie einen Aufschwung verpassen könnten.
Vor diesem Hintergrund rät er Investoren, ihre eher spekulativen Aktien zu verkaufen, die sie angesichts einer niedrigen Bewertung in der Hoffnung auf einen positiven Impuls kauften. „Die Unternehmen, deren Bilanzen typischerweise hohe Schulden aufweisen oder anderweitig belastet sind, unterliegen dem Risiko eines weiteren wirtschaftlichen Verfalls“, fügt er hinzu.
Entlastung durch Seitwärtsbewegung
„Sollte der Markt nicht bald erneut die Tiefstände testen, und statt dessen längerfristig seitwärts tendieren, ist es am besten, nach Rendite zu streben und Aktien, die eine Dividende abwerfen, hochwertige oder auch hochverzinsliche Anleihen zu erwerben“, sagt Duessel. „Erfahrungsgemäß liegen die Renditen um ein Viertel über denen des breiten Marktes, bevor die Aktien höhere Erträge abwerfen“, sagt sie.
Die Wertpapiere, die die höchste Rendite abwerfen, sind erfahrungsgemäß Finanz- und Versorgertitel. Aber auch Pharmawerte werfen hohe Dividenden ab. Nach Ansicht von Duessel besteht in einem sich seitwärts bewegenden Markt die einzige wirkliche Sorge darin, ob die von Ihnen ausgewählten Unternehmen ihre Dividenden kürzen.
Joy würde eine Seitwärtsbewegung über einen bestimmten Zeitraum begrüßen, da er hofft, dies würde zu einer geringeren Volatilität führen und die Anspannung der Investoren dämpfen. Damit würde „ein Umfeld geschaffen, in dem man Geld planmäßiger arbeiten lassen könnte, ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, welche Kurse man bekommt“.
Ein verlängerter Zeitraum der Seitwärtsbewegung hätte keinen Einfluss auf seine Sektorenauswahl, würde möglicherweise aber Investoren das Gefühl vermitteln, dass der Markt wieder hergestellt wird und eine Erholung kurz bevorstehe. Dies könne die Sektoren stützen, in die sie zu investieren beabsichtigten, sobald sie von einer einsetzenden Erholung des Marktes überzeugt sind.
Unabhängig davon, ob die technischen Unterstützungen in Kürze erneut getestet werden, glaubt Joy, dass der seit Anfang Oktober verzeichnete, anhaltende Verkaufsdruck auf den Abbau der Fremdfinanzierung durch Hedge-Fonds zurückzuführen sei und sich dieser Prozess hauptsächlich auf den ersten Monat des vierten Quartals konzentrieren werde. „Wenn Sie ein Hedge-Fonds sind und Rücknahmeaufträge erhalten, werden Sie mit dem Abbau der Hebelung nicht warten“, sagt er. „Sie werden so viel und so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen“, da die Kurse am Ende des Quartals möglicherweise deutlich niedriger sind.
Aktienfundamentalisten
Andere Portfolio-Manager, wie Don Hodges, Präsident von Hodges Capital Management, treffen ihre Entscheidungen nicht auf der Grundlage technischer Konstellationen, sondern aufbauend auf einer Analyse der Fundamentaldaten - einer sorgfältigen Auswahl individueller Unternehmen. Sie warten, bis die Kurse auf ein Niveau gesunken sind, welches sie als günstig erachten.
Für Hodges waren die am 10. Oktober verzeichneten Tiefstände eine Gelegenheit, in eine Handvoll Unternehmen zu investieren, die seine Gesellschaft bereits eine Zeit lang beobachtet hatte, wie z.B. Texas Pacific Land Trust, die er zu 20,06 Dollar je Aktie erwarb und die noch wenige Tage zuvor bei knapp über 30 Dollar notierten. Der Schlusskurs der Aktie lag einen Tag, nachdem er sie erworben hatte, bei 31 Dollar.
„Wir kauften die Titel, die uns bekannt waren, die wir geprüft hatten und die von uns beobachtet wurden aufgrund ihres Kurses“, sagte Hodges. Techniker und Fundamental-Analysten mögen in Bezug auf die Bewertung von Aktien nicht einer Meinung sein, aber sie werden wahrscheinlich darin übereinstimmen, dass ein Ende der Großen Liquidation des Jahres 2008 nicht schnell genug kommen kann.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |