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Aktien Noch nicht billig genug

11.08.2008 ·  Der Dax steigt wieder. Aber das ist noch kein Grund, zu kaufen. Der große Kurssturz steht noch bevor. Derzeit sind die Anleger am Gründeln - das jagt die Bären nach oben.

Von Nadine Oberhuber
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Die Natur erklärt es eigentlich von selbst: Bären bewegen sich gern langsam und gemächlich. Im Passgang, sagen die Biologen. Doch wehe, wenn sie laufen. Dann preschen sie mit 50 Stundenkilometern los, und dann rette sich, wer kann! Begegnet uns ein Bär in der Natur, wissen wir um die Gefahr. Doch wenn er an der Börse umgeht, versagt oft der Instinkt.

An der Börse haben sich die Bären, das Symbol fallender Kurse, seit Monaten breitgemacht. Seit dem Januar-Crash, in dem allein der deutsche Aktienindex ein Viertel seines Werts verlor, sind die großen Indizes im Abwärtsgang. Doch weil die Kurse nach weiteren Stürzen im März und Juli nun wieder auf dem Weg nach oben sind, werden viele schwach.

Wie die Welse

Eine Daimler-Aktie für 60 Euro statt für 110 im November - ist das nicht ein Kaufsignal? Manche Dax-30-Werte werfen zudem eine Dividendenrendite von sechs oder sogar acht Prozent ab. Dabei finden Experten schon knapp vier Prozent „phantastisch“. Kann da also etwas schiefgehen?

„Die Anleger betreiben Bottom Fishing: Statt zu verkaufen, kaufen sie Aktien. Weil sie denken, dass die nahe am Tiefstand sind“, sagt Conrad Mattern, Exchefvolkswirt der Activest, der nun Lehrbeauftragter der Universität München ist und Experte für Fundamentalanalyse.

Bären auf den Bäumen

Seit ein paar Wochen liefen die Aktienmärkte ja auch gemächlich wieder nach oben. Selbst schlechte Quartalszahlen, ja sogar Gewinnwarnungen von Großunternehmen wie Daimler, Allianz, BMW und Münchener Rück konnten den Börsen wenig anhaben. Nicht einmal der Satz „dies ist eine Jahrhundertkrise“, wie der amerikanische Exnotenbanker Alan Greenspan vergangene Woche rief, beeindruckte sie wirklich. Zudem drehte endlich der Ölpreis ins Minus und zog die Aktienkurse bergauf. Sieht so eine Jahrhundertkrise aus?

Es nährt die Hoffnung, das Schlimmste sei vorbei und die Bären träten den Rückzug an. Doch die Natur lehrt: Auch Bären können ziemlich gut klettern. „Die Kurse steigen, weil wir in einer Bärenmarktrally sind“, sagt Mattern, „und wir haben das absolute Kurstief noch nicht gesehen. Das kommt im Herbst oder im Winter.“ Dann, wenn die Firmen die nächsten Quartalszahlen melden.

Alles eingepreist, oder?

Optimisten wie Hartmut Leser von Aberdeen Investment fragen zwar: „Warum soll der Markt jetzt noch mal fallen? Seit einem Jahr ist bekannt, dass die Amerikaner heillos überschuldet sind. Wie lange braucht also der Markt, um so etwas einzupreisen?“ Er würde eine Wette darauf eingehen, dass das längst geschehen ist. Aber nur wenige würden sich anschließen.

Laut Umfragen ist die Skepsis unter Fondsmanagern deutlich gestiegen. Nur 16 Prozent halten Aktien derzeit für günstig. Mehr als die Hälfte von ihnen hält dagegen extrem hohe Barbestände. Fast jeder Zweite hat derzeit kaum Aktien im Portfolio.

Pessimisten wie Mattern mahnen auch Privatanleger: Nur wer langfristig und kontinuierlich Aktien kauft, etwa mit Sparplan, sollte das weiter tun. Der gleicht Turbulenzen aus, weil Anleger zu den günstigsten Kursen automatisch mehr Anteile kaufen. Für den Kurzfristanleger mit Hoffnung auf schnelle Gewinne dagegen sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum Einstieg. Denn wenn er dabei Stoppkurse setzt, wie Experten empfehlen, dann „läuft er Gefahr, dass er beim nächsten Kursrückschlag blutet, weil er dann sofort ausgestoppt wird“, sagt Analyst Joachim Goldberg von Cognitrend.

Der Panikindex schlägt aus

Auch wenn es sich alle wünschen: Es ist klar, dass die Krise nicht an der Weltkonjunktur vorübergeht. Auch nicht an der deutschen. Der fallende Ölpreis ist das erste Zeichen, dass die Wirtschaft bereits lahmt. In der Folge werden auch die Unternehmensgewinne schrumpfen. Zudem glauben viele, dass der Rückgang bei den Rohstoffpreisen nur eine kurze Korrektur ist. Auf Dauer werden Öl und Energie immer teurer. Das belastet die Wirtschaft dann weiter. Kai Carstensen, Leiter der Konjunkturabteilung des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, drückt es bewusst nicht mit der Greenspan-Dramatik aus, prognostiziert aber: „Deutschland steht ein größerer Abschwung bevor.“ Die Auslandsaufträge brechen bereits weg.

Dass die Börsen trotzdem so ruhig bleiben, macht Experten daher eher nachdenklich: „Wenn das, was die Leute machen, und die Fundamentaldaten nicht zusammenpassen, dann läuft da etwas schief“, befürchtet Kapitalmarktanalyst Goldberg, „an der These der Jahrhundertkrise ist schon was dran. Aber noch überlagert die Psychologie viele Fakten.“ Fundamentalanalyst Mattern kann das sogar in Zahlen ausdrücken: Er hat aus vielen Indikatoren einen „Panikindex“ errechnet und ermittelt: Immer wenn an der Börse die Gelassenheit groß war, folgte bald ein heftiger Kurssturz. Was heute schon billig ist, könnte also morgen noch viel billiger sein.

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Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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