19.08.2005 · Die Unternehmensskandale der vergangenen vier Jahre haben bei vielen Anlegern zu einem gewissen Zynismus hinsichtlich der Gewinnverlautbarungen geführt. Wer genauer rechnet, kann dennoch aus den Bilanzen schlau werden.
Von Von John DorfmanGewinne können manipuliert sein - und selbst wenn sie es nicht sind, können sie Anleger trotzdem unbeabsichtigt in die Irre führen. Keine einzige Methode zur Bewertung einer Unternehmensleistung oder eines Aktienwertes ist perfekt oder läßt sich nicht in Frage stellen. Das ist auch der Grund, warum viele institutionelle Anleger immer mehrere verschiedene Bewertungen für Aktien betrachten.
Eine sehr nützliche Methode, um Aktien unter die Lupe zu nehmen, ist das Kurs-Cash-Flow-Verhältnis. Der Cash Flow ist eine Maßeinheit dafür, wie viele Barmittel ein Unternehmen pro Jahr generiert. Um den Cash-Flow zu berechnen, addiert man zu den vom Unternehmen veröffentlichten Gewinnen Wertminderungen, Abschreibungen auf Anlagevermögen und andere nicht bare Aufwendungen hinzu.
Rechenexempel
Wenn also Smokestack Industries über eine 100-Millionen-Dollar-Fabrik verfügt und diese über einen Zeitraum von zehn Jahren abschreibt, wird jedes Jahr eine Aufwendung in Höhe von zehn Millionen Dollar verbucht. Es werden aber keine Barmittel aufgewendet. Die Summe, die für den Bau der Fabrik verwendet worden ist, ist möglicherweise schon vor einigen Jahren ausgegeben worden.
Abschreibungszeitpläne können aber manchmal auch zu falschen Rückschlüssen führen. Im besten Fall würde sich die Fabrik eher werterhöhend als wertvermindernd entwickeln. In einem pessimistischen Szenario müßten pro Jahr sogar mehr als zehn Millionen Dollar abgeschrieben werden. Andere nicht bare Aufwendungen können ebenfalls ein irreführendes Bild kreieren. So erhalten Ölgesellschaften zum Beispiel Abzugsmöglichkeiten für den Rohstoffabbau, die aber nicht unbedingt die tatsächliche Wertänderung der im Boden verbleibenden Ölmengen widerspiegeln.
Angenommen, Smokestack Industries vermeldet für 2005 einen Unternehmensgewinn in Höhe von fünf Millionen Dollar. Der Cash-Flow beträgt nach Hinzurechnen der Abschreibung in Höhe von zehn Millionen Dollar insgesamt 15 Millionen Dollar. Bei einem jährlichen Kapitalaufwand von sechs Millionen Dollar liegt der freie Cash Flow bei rund neun Millionen Dollar pro Jahr.
Der siebte Streich
Seit 1999 habe ich in jedem August eine meiner Kolumnen Titeln gewidmet, die in Relation zu ihrem Cash-Flow je Aktie sehr preiswert erscheinen. Dies ist nun die siebte Kolumne in dieser Reihe. Fünf von sechs aus einer Serie von zwölfmonatigen Kaufen-und-Halten-Vergleichen gebildeten Empfehlungslisten brachten Gewinn und zudem ein besseres Ergebnis als der S&P-500. Die durchschnittliche Rendite meiner Empfehlungen betrug rund 23 Prozent, die des S&P 500 1,4 Prozent.
Von einem Jahr, am 10. August 2004, habe ich fünf Titel empfohlen: Scholastic, 21st Century Insurance, Computer Sciences, National Fuel Gas und Great American Financial Resources. Scholastic und Great American haben bis zum 16. August 2005 jeweils 33 Prozent einschließlich Dividenden zugelegt. 21st Century hat eine Wertsteigerung von 17 Prozent vorzuweisen und National Fuel Gas von 13 Prozent.
Der einzige Verlierer war Computer Sciences, die Aktie fiel um 0,2 Prozent. Meine Liste des vergangenen Jahres hat also im Schnitt 19 Prozent hinzugewonnen. Im gleichen Zeitraum ist der S&P 500 um 15 Prozent gestiegen. Ein gutes Ergebnis in der Vergangenheit garantiert natürlich noch nicht, daß auch meine diesjährigen Favoriten glücken. Versuchen wir es trotzdem.
Chubb, der Geizhals
Mein erster Favorit ist Chubb, eine auf Eigentums- und Unfallversicherungen spezialisierte Versicherungsgesellschaft mit Sitz in Warren, New Jersey. Die Chubb-Aktie wird nach Daten von Bloomberg mit einem Kurs-Cash-Flow-Verhältnis von vier und einem Kursverhältnis zum freiem Cash Flow von 4,1 gehandelt.
Von 2.318 in den Vereinigten Staaten gehandelten Aktien mit einem Börsenwert von 500 Millionen Dollar oder mehr werden weniger als sieben Prozent mit dem fünffachen des Cash Flows oder weniger bewertet. Damit gehört Chubb eindeutig zu einer erlesenen Gesellschaft.
Chubb hat in mindestens 18 aufeinanderfolgenden Jahren einen Unternehmensgewinn bilanziert. Die Aktie wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn, einem Kurs-Buchwert-Verhältnis (Anlagevermögen minus Verbindlichkeiten je Aktie) von 1,5 und einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 1,2 bewertet. Alle diese Kennzahlen bewegen sich ohne Frage im Herrschaftsbereich der Geizhälse, was mir sehr gefällt.
Stahl und Schrott
Als zweites habe ich U.S. Steel Corp. ausgewählt, einst einer der Giganten unter den amerikanischen Industrieunternehmen, heute eine hart kämpfende Mid-Cap-Aktie mit einer Marktkapitalisierung von weniger als fünf Milliarden Dollar. Das Unternehmen mit Sitz in Pittsburgh wird mit einem Kurs-Cash-Flow-Verhältnis von gerade einmal 2,5 und dem 5,8-fachen des freien Cash-Flows gehandelt. Mit gefallen derzeit Stahl-Titel, da sie unbeliebt sind und ich außerdem die Ansicht vertrete, daß die amerikanische Wirtschaft stärker ist als allgemein angenommen wird.
Nummer drei auf meiner Liste ist Metal Management. Das Unternehmen aus Chicago recycelt Metallschrott. In den beiden vergangenen Jahren konnte ein Gewinn erwirtschaftet werden und für das laufende Jahr erwarten die Analysten sogar, daß ein Rekordgewinn zu vermelden sein wird. Die Aktie weist ein Kurs-Cash-Flow-Verhältnis von 4,8 und ein Kursverhältnis zum freien Cash-Flow von 5,3 auf.
Metal Management ist aber auch auf Basis anderer Kennzahlen günstig. So wird die Aktie beispielsweise für ein Kurs-Gewinn-Verhältnis je Aktie von weniger als sieben gehandelt. Mit einer Verschuldung in Höhe von einem Prozent des Eigenkapitals ist die Bilanz äußerst stark.
Bibel und Blindgänger
Den vierten Platz auf meiner Liste erhält Terra Industries, ein Hersteller von Kunstdünger. Das Kurs-Cash-Flow-Verhältnis dieser Aktie beträgt nur drei, in Relation zum freien Cash Flow 3,2. In fast biblischer Manier erlebte Terra zwischen 1992 und 1997 sechs gute Jahre und zwischen 1998 bis 2003 sechs magere Jahre mit Verlusten. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen wieder schwarze Zahlen geschrieben und bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar einen Gewinn von 68 Millionen Dollar erwirtschaftet. Außerdem wurde eine Kapitalrendite von 18 Prozent verzeichnet.
Zum Schluß greife ich wieder auf den Blindgänger aus der 2004er Liste zurück: Computer Sciences. Das Unternehmen bietet Industrie und Regierung Beratungs- und Serviceleistungen im Bereich Informationstechnologie an. Die Aktie wird mit einem Kurs-Cash-Flow-Verhältnis von 4,6 und einem Kursverhältnis zum freien Cash-Flow von 7,8 gehandelt.
Mindestens in den vergangenen 19 Jahren hat Computer Sciences ein Plus am Jahresende verbucht. Im Geschäftsjahr 2004 (Ende: 31. März 2005) betrug der Gewinn 810 Millionen Dollar, der aus einem Umsatz in Höhe von 14 Milliarden Dollar generiert wurde. Für eine Technologieaktie ist der Titel moderat bewertet, was diese Kurs-Cash-Flow-Kennzahlen sowie ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 belegen.
Der Cash Flow ist sicherlich keine Geheimwaffe für die vollständige Entschlüsselung von erfolgreichen Aktienanlagen. So etwas gibt es nicht. Aber die Kennzahlen sind ein sinnvolles Instrument, um andere Methoden zu überprüfen. Außerdem bieten sie eine gute Möglichkeit, um einen Einblick darin zu gewinnen, was in einem Unternehmen so vor sich geht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |