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Veröffentlicht: 18.01.2013, 14:04 Uhr

Aktie ThyssenKrupp - Kaufen wenn die Kanonen donnern?

Für das zurückliegende Geschäftsjahr 2011/2012 will der Stahlkonzern nach einem Verlust von fünf Milliarden Euro die Dividende streichen. Anleger sollten derweil die im Dax gelistete Aktie nicht unbedingt links liegen lassen.

© dpa

Der Industriekonzern ThyssenKrupp ist der größte deutsche Stahlhersteller. Das Unternehmen entstand im Jahr 1999 aus der Fusionen der beiden Traditionsunternehmen Thyssen und Krupp. Neben Stahl gehören auch der Bau von großen Industrieanlagen, Marineschiffen, Aufzügen und Rolltreppen sowie Autoteilen zur Produktpalette. Der Konzern steht für Tradition und Strahlkraft der deutschen Wirtschaft. Doch der Konzern hat Probleme. Große Probleme.

Denn für das zurückliegenden Geschäftsjahr 2011/2012 (30. September) will das Unternehmen nach einem Verlust von fünf Milliarden Euro die Dividende streichen. Hintergrund sind milliardenschwere Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Übersee. Bereits im Jahr zuvor hatte das Unternehmen wegen hoher Wertberichtigungen einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro verbucht. Der Umsatz des Konzerns war im vergangenen Geschäftsjahr um 4,2 Prozent auf 47,1 Milliarden Euro zurückgegangen. Darin enthalten sind jedoch noch die zum Verkauf gestellten Stahlwerke in Übersee und die mittlerweile abgegebene Edelstahlsparte Inoxum. Für das angelaufene Geschäftsjahr 2012/2013 rechnet der Konzern mit den fortgeführten Aktivitäten mit einem Umsatz auf dem Niveau des Vorjahres von rund 40 Milliarden Euro. Gerade das Thema Übersee und die schlechten Geschäftszahlen standen heute im Fokus der Hauptversammlung:

„Wir haben zu lange gewartet“

„Wenn Sie mich fragen, ob wir als Aufsichtsrat in der Vergangenheit etwas hätten besser machen können, dann will ich ehrlich sagen: Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können“, rief der 69-Jährige am Freitag den 4000 Aktionären in Bochum zu. „Aber: Wir haben gehandelt, immer dann, wenn entsprechende Fakten das ermöglicht haben - und wir haben konsequent gehandelt.“ Der zum starken Mann bei dem kriselnden Stahlkonzern aufgestiegene Vorstandschef Heinrich Hiesinger stellte sich hinter Cromme.

Bereits unmittelbar im Anschluss an die Reden von Cromme und Hiesinger kam es zu Unruhe unter den Anteilseignern des Konzerns, der von Milliardenverlusten Kartellverstößen und Luxusreisen auf Firmenkosten erschüttert wird. Laute Unmutsäußerungen erntete Cromme dafür, dass er den Antrag eines Aktionärs nicht zur Abstimmung brachte, ihn als Leiter der Versammlung abzulösen. „Sie sind zu einer neutralen Versammlungsleiter nicht fähig“, hatte Aktionär Oliver Krauß Cromme vorgehalten. Jegliche Kritik perle an ihm ab, kritisierte er. Cromme sei „die größte Teflonpfanne der Republik“.

Aktionäre entsetzt über Konzern-Entwicklung

Cromme steht seit 2001 an der Spitze des Kontrollgremiums. Einige Aktionäre hatten ihn aufgefordert, seinen Posten zu räumen. Sie machen ihn für das Desaster mit den neuen Stahlwerken in Übersee mitverantwortlich. Die Kosten für die Werke waren auf zwölf Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Die Werke haben maßgeblich dazu beigetragen, dass ThyssenKrupp im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro eingefahren hat. Erstmals seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999 erhalten die Aktionäre keine Dividende. „Das ist ein Desaster“, sagten mehrere Aktionärsschützer. „Die Aktionäre sind entsetzt von der Entwicklung ihres Unternehmens“, klagte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer. Viele Probleme seien hausgemacht, kritisierte auch Hans-Christoph Hirt vom Aktionärsberater Hermes. Cromme sei dafür mitverantwortlich.

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Dieser gab sich von der bereits seit Wochen auf ihn einprasselnden Kritik unbeeindruckt. „Gemeinsam werden wir - Aufsichtsrat und Vorstand - an einer erfolgreichen Zukunft für das Unternehmen arbeiten“, kündigte er im Beisein des 99-jährigen Berthold Beitz an, der die mächtige Krupp-Stiftung führt. Diese hält gut 25 Prozent an dem Unternehmen mit weltweit 150.000 Mitarbeitern. Diese Aktien-Beteiligung kann Beitz auf den Hauptversammlungen nutzen, um Angriffe gegen das Management abzuwehren. Die Stiftung kann drei Vertreter, darunter Cromme, direkt in den Aufsichtsrat entsenden. Auch daran gibt es seit Jahren Kritik. Beitz und die Stiftung sollten sich zurücknehmen und das Gremium freier agieren lassen, beklagte Union-Investment-Fondsmanger Ingo Speich.

Aktie mit Potenzial

Die ThyssenKrupp-Aktie notierte während der Hauptversammlung im Minus. Wer als Aktionär bei dem Konzern schon länger investiert ist, könnte vielleicht beim Blick auf den Chart wieder etwas milder gestimmt werden. Zwar ist die Aktie noch Lichtjahre von ihrem Allzeithoch entfernt, dennoch zeigen wichtige Indikatoren wie Gleitende Durchschnitte wieder positive Signale auf. Auch das Momentum und Bollinger Bänder - ebenfalls gerne von Charttechnikern als Hilfe zur Analyse hinzugezogen - sind intakt. Mit einem 2014er-KGV von knapp 12 ist das Papier durchaus moderat bewertet und zumindest ein Kandidat für die persönliche Watchlist. Wenn nur nicht diese aktuelle Nachrichtenlage wäre.

Commerzbank-Analyst Ingo-Martin Schachel sieht beispielsweise derzeit ein Kursziel von 21 Euro für realistisch an und hält für die ThyssenKrupp-Aktie die Einstufung „buy“ aufrecht. Er verweist auf die Möglichkeit, dass ThyssenKrupp durchaus höher Angebote für die besagten Werke bekommen könnte. Sollte ThyssenKrupp insgesamt vier Milliarden Euro statt der von ihm geschätzten 3,5 Milliarden Euro erhalten, könnte das Kursziel um einen Euro steigen.

Auch Analyst Michael Shillaker von der Credit Suisse lässt seine gegenwärtige Einstufung (“Outperform“) und das Kursziel (25,00 Euro) unverändert. Der Stahlkonzern habe nach dem offensichtlich vor dem Abschluss stehenden Verkauf des Stahlgeschäfts in Amerika weitere Jahre voller kurstreibender Veränderungen vor sich, schrieb er in einer Studie. In diesem Jahr dürfte noch die für Mai erwartete Überprüfung des Geschäfts sowie die wirtschaftliche Erholung den Kurs treiben. Darauf folgten dann die wertsteigernde Wiederanlage der Einnahmen aus den Beteiligungsverkäufen sowie die Transformation des Konzerns von einem Konglomerat hin zu einem Technologieunternehmen.

Quelle: FAZ.NET, Reuters,dpa

 

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