Viel Freude haben die Aktionäre der Deutschen Bank in diesem Jahr noch nicht gehabt. Denn die Kursentwicklung ist enttäuschend: Seit Jahresanfang ist der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie um 10 Prozent gesunken. Der deutsche Standardwerteindex Dax liegt dagegen fast ein Fünftel im Plus. Auch das Argument des früheren Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann, dass Aktien europäischer Banken von der europäischen Staatsschuldenkrise stark belastet werden, überzeugt nicht. Denn der Stoxx Banken, Branchenindex für Europas Banken, hat im Jahresverlauf um mehr als 10 Prozent zugelegt.
Das Ziel der Doppelspitze aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen, die am 1. Juni das Zepter von Ackermann übernommen hat, ist die Steigerung des Börsenwerts. Mit einer Marktkapitalisierung von 24,4 Milliarden Euro rangiert Deutschlands größte Bank nur im internationalen Mittelfeld. Es gibt mehr als 40 Banken, deren Börsenwert höher liegt. Auch in Europa ist die Deutsche Bank von der Spitze weit entfernt. Derzeit haben elf europäische Institute einen höheren Börsenwert. „Wir sind geholt worden, um den Wert der Bank zu steigern“, sagte Jain der F.A.Z. Mitte Juni. Doch seit dem 1. Juni hat der Aktienkurs 7 Prozent verloren.
Rechtsrisiken belasten den Aktienkurs
Die Aktionäre müssen auf den 11. September hoffen, wenn die Co-Vorstandsvorsitzenden ihre Strategie vorstellen werden. Das Konzept der Universalbank, zu dem sich Jain und Fitschen bekennen, ist bedroht. Immer mehr Politiker, aber auch Vertreter aus der Wirtschaft fordern eine Abspaltung des klassischen Kundengeschäfts von dem schwankungsanfälligen Investmentbanking. Doch das kapitalmarktnahe Geschäft ist die Ertragssäule der Deutschen Bank und steuert in guten Zeiten zwei Drittel zum Konzernergebnis bei.
Allerdings ist das Investmentbanking auch für das schlechte Abschneiden im zweiten Quartal verantwortlich, weil der Spartengewinn wegen der abermaligen Eskalation der Euro-Krise gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 63 Prozent eingebrochen ist. Fitschen und Jain haben reagiert und bauen 1900 Stellen ab. Davon betroffen sind vor allem die Standorte im Ausland. Allein 1500 Investmentbanker müssen gehen. Insgesamt sollen die Kosten um 3 Milliarden Euro oder umgerechnet 11 Prozent gesenkt werden.
Den Aktienkurs schon seit längerem belasten die Rechtsrisiken. Vor allem wegen ihrer Rolle am amerikanischen Immobilienmarkt ist die Deutsche Bank mit Klagen staatlicher Behörden oder von Anlegern konfrontiert gewesen und musste mehrere Vergleiche zum Teil in dreistelliger Millionenhöhe schließen. Seit dem 1. Juni sind neue Rechtsrisiken hinzugekommen, vor allem wegen der Affäre um Absprachen bei der Ermittlung von Geldmarktzinsen wie etwa dem Libor. Zwei Händler der Deutschen Bank sind im vergangenen Jahr beurlaubt worden und haben das Institut inzwischen verlassen.
Einbehaltung von Gewinnen und Abbau von Risikoaktiva
Am Wochenende meldete die amerikanische Zeitung „New York Times“, dass amerikanische Aufsichtsbehörden gegen die Deutsche Bank und weitere Banken wegen Transaktionen mit dem Iran sowie anderen Ländern, die mit Sanktionen belegt wurden, ermitteln. Nachdem die britische Bank Standard Chartered in einem Vergleich mit der New Yorker Finanzaufsicht eine Zahlung von 340 Millionen Dollar akzeptiert hatte, zeigte sich am Montag die Aktie der Deutschen Bank davon belastet. Zeitweise lag sie mit 2,6 Prozent im Minus. Nach Angaben der Deutschen Bank werden seit 2007 keine Neugeschäfte mehr mit dem Iran getätigt. Fast alle Verbindungen seien „so weit legal möglich“ beendet worden. Die Zeitung zitiert namentlich nicht genannte Ermittler, wonach es keine Hinweise gebe, dass die Deutsche Bank über ihre amerikanischen Einheiten nach 2008 Geld im Auftrag iranischer Kunden bewegt habe. Standard Chartered waren 60.000 illegale Transaktionen zwischen 2001 und 2010 vorgeworfen worden.
Die Rechtsstreitigkeiten, insbesondere im Zusammenhang mit der Libor-Affäre, wertet Huw van Steenis, Analyst von Morgan Stanley, als eines der Hauptrisiken der Deutschen Bank. Darüber hinaus hält er die Kapitalausstattung im Vergleich zu den Wettbewerbern für zu gering. Zwar will Jain alle verfügbaren Hebel nutzen, bevor eine Kapitalerhöhung in Betracht gezogen wird. Er schließt aber dieses Instrument nicht mehr kategorisch aus. Zunächst setzt er aber weiterhin auf die Einbehaltung von Gewinnen und den Abbau von Risikoaktiva wie etwa Krediten oder Wertpapieren. Die Analysten der britischen Bank Barclays halten im Zuge der strategischen Überprüfung durch Jain und Fitschen eine Kapitalerhöhung für weniger wahrscheinlich. Die verschiedenen Maßnahmen zur Stärkung des Kapitals bewerten sie als vielversprechend. Am 11. September müssen Jain und Fitschen Details zu Kapitalstärkung und Kostenabbau nennen, so UBS-Analyst Philipp Zieschang.
"Den Aktienkurs schon seit längerem belasten die Rechtsrisiken"
Walther Schmidt (silitoe)
- 23.08.2012, 00:51 Uhr