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Verluste für Anleger : Der Absturz der Promi-Fonds

Dem Fonds von Dirk Müller haben Privatanleger 75 Millionen Euro anvertraut. Bild: Horst Galuschka

„Mr. Dax“ Dirk Müller und „Börsenprofessor“ Max Otte haben ihre Prominenz genutzt, um mit Aktienfonds Millionen einzusammeln. Doch die laufen schlecht. Das Nachsehen hat der Anleger.

          Max Otte hat sich in die Eifel zurückgezogen in diesem Spätsommer, drei Tage Klausur, nichts und niemand soll ihn stören. Der Börsenprofessor, wie ihn die Journalisten gerne nennen, ist normalerweise ständig auf Sendung: Mal im Fernsehen, mal im Radio, mal in Anlegermagazinen äußert er sich entweder zur Lage an den Börsen oder zur Lage der Welt oder zu diesem und jenem. Er ist ein gern gesehener Gast, weil er immer zur Verfügung steht und einfach formuliert.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für jemanden, der an der Fachhochschule Worms Betriebswirtschaftslehre unterrichtet, hat Otte es zu einer erstaunlichen Bekanntheit im Lande gebracht, was vor allem mit einem Buch zu tun hat, das er im Jahr 2006 veröffentlichte. „Der Crash kommt“ hieß es – und als der Crash mit der Finanzkrise 2008 tatsächlich kam, begann der Fachhochschulprofessor als gefeierter Krisenprophet seine Tour durch die Talkshows.

          Damit soll nun erst einmal weitgehend Schluss sein. Weniger Medienpräsenz und weniger Vorträge hat er sich verordnet, sogar an der Hochschule hat er sich bis auf Weiteres beurlauben lassen. „Otte konzentriert sich jetzt aufs Wesentliche“, sagt der 51-Jährige, der gern von sich in der dritten Person redet so wie einst Fußballer Lothar Matthäus.

          Der Ökonom Max Otte verwaltet in seinem Fonds rund 125 Millionen Euro.

          Er will sich jetzt nur noch einer Sache widmen – seinen Aktienfonds, von denen er im Lauf der Jahre zwei aufgelegt hat. Zuerst den „PI Global Value“, in den in erster Linie Privatanleger rund 80 Millionen Euro investiert haben. Und dann den „Max Otte Vermögensbildungsfonds“, in dem weitere 47 Millionen Euro stecken. Es scheint bitter nötig zu sein, dass sich Otte um die Fonds kümmert: Denn zuletzt lief es nicht gut. Im Vergleich zum Weltaktienindex MSCI World schnitten seine Fonds in den vergangenen drei Jahren deutlich schlechter ab.

          Nun könnte man sagen: Kann vorkommen – welchem Fondsmanager gelingt es schon dauerhaft, bessere Ergebnisse zu erzielen als der Aktienmarkt als Ganzes? Bei Menschen wie Otte ist der Fall allerdings etwas anders gelagert. Denn er hat seinen Anlegern, das zeigt allein schon der Name „Max Otte Vermögensbildungsfonds“, ein besonderes Versprechen gegeben: Bei mir, Otte, ist Euer Geld in guten Händen. Darum sind manche Anleger richtig beleidigt darüber, dass die Fonds sich nicht so entwickeln wie gewünscht. Man nimmt Otte die Angelegenheit persönlich übel.

          Max Otte ist nicht der Einzige, der deutsche Anleger mit seiner Prominenz in eigens konstruierte Fonds gelockt hat. Die Marketing-Gleichung „Prominenz garantiert hohes Interesse von Privatanlegern“ beherrscht hierzulande noch eine zweite Börsenberühmtheit geradezu virtuos. Die Rede ist von Dirk Müller, einst bekannt geworden, weil er als Börsenhändler direkt unter der Dax-Tafel auf dem Frankfurter Parkett saß und so auf jedem Fernsehbild oder Foto zu sehen war, das von dort aus um die Welt ging.

          „Mr. Dax“, wie er bald genannt wurde, hat dem Börsenhandel aber nun schon seit einigen Jahren entsagt und ist stattdessen als Vortragsreisender in eigener Sache unterwegs. Müller schreibt Bücher („Cashkurs“), sitzt in Talkshows und ja, auch er hat im April 2015 einen Aktienfonds unter seinem eigenen Namen auflegen lassen – den Dirk Müller Premium Aktien Fonds. 75 Millionen Euro haben ebenfalls vorwiegend Privatanleger in den Fonds investiert, auch das eine beachtliche Summe.

          Marketingkonzept bei schlechtem Abschneiden in Gefahr

          Ob Otte oder Müller – beide Börsenpromis profitieren davon, dass viele Anleger wohl fest an folgende Überlegung glauben: Wer in Talkshows in einfachen Worten über die Aktienmärkte reden kann, weiß auch, wie sich an der Börse am besten Geld verdienen lässt. Doch die Wahrheit ist: Dafür gibt es bislang überhaupt keine Anzeichen.

          Dies gilt auch für den Dirk Müller-Fonds, der zugegebenermaßen mit weniger als anderthalb Jahren noch nicht lange am Markt ist. Seit Auflage, aber auch in diesem Jahr notiert der Fonds im Minus und schneidet zudem noch schlechter ab als der MSCI World. Die Lage ist sicher nicht ganz so ernst wie bei den Otte-Fonds, aber natürlich weiß auch Müller: Wenn sich die Schwäche ausweitet, gerät sein ganzes Marketingkonzept in Gefahr.

          Anders als Otte hat sich Müller nicht zurückgezogen, sondern er ist dieser Tage in Skandinavien unterwegs, besucht diverse Aktiengesellschaften, prüft Investitionen. Aus Stockholm lässt er ausrichten. „Der Fonds erlebt nur eine kurzfristige Schwächephase. Entscheidend ist, wie er sich langfristig entwickeln wird.“

          Ottes Fonds in den unteren zwei Prozent

          Wohl wahr. Doch ob es ihnen gefällt oder nicht: Das, was die beiden Börsenpromis bei allen Unterschieden im Detail derzeit mit ihren Fonds abliefern, ist eine weitere Bestätigung der These des Ökonomie-Nobelpreisträgers Eugene Fama. Niemand – egal wie schlau er ist oder für wie schlau er sich hält – ist auf Dauer in der Lage, den Aktienmarkt zu schlagen.

          Insbesondere die Otte-Fonds entwickeln sich derzeit aber zudem noch deutlich schlechter als viele andere Konkurrenten: Laut Berechnungen des Analysehauses Morningstar gehört vor allem Ottes „PI Global Value“ mit Blick auf die vergangen drei Jahre zu den ganz großen Verlierern. 98 Prozent der Fonds in der entsprechenden Vergleichsgruppe haben sich besser entwickelt. Auch die oft kritisierten professionellen Fondsmanager lassen Otte also weit hinter sich.

          Ungewöhnliche Erklärung für Verluste

          Eines allerdings kann man Max Otte und Dirk Müller nun wirklich nicht vorwerfen – dass sie in ihren Fonds nur einfach einen Aktienindex wie den Dax nachbilden würden. Dies tun nicht wenige Fondsmanager, weil sie es auf diese Weise zumindest vermeiden, höhere Verluste zu machen als der Index. In den Fonds-Ranglisten mag dies für einige Zeit zwar ganz gut aussehen. Tatsächlich aber grenzt es den Anlegern gegenüber an Arbeitsverweigerung, die ihre Gebühren ja für konkrete Anlageentscheidungen und nicht fürs Nachbauen von Aktienbarometern bezahlen.

          Max Otte räumt offen ein, dass dieses sogenannte aktive Management seinen Fonds in jüngerer Zeit trotzdem nicht gerade gut getan hat. „Ich persönlich leide am stärksten, wenn die Wertentwicklung nicht so gut ist.“ Seine Erklärung für die Verluste aber klingt reichlich ungewöhnlich: Er habe in den zurückliegenden Jahren versucht, ein Investment-Team aus mehreren Leuten aufzubauen, das im Konsens über Kaufentscheidungen für bestimmte Aktien entscheiden sollte.

          Dies habe nicht funktioniert: „Ich habe Lehrgeld gezahlt. Nun unterstützen mich zwar weiterhin zwei Analysten, aber ich treffe jetzt wieder die Anlageentscheidungen. Der Otte macht es jetzt wieder selbst.“ Stolz fügt er an, dass sich die Fonds in den Jahren besser entwickelt hätten, in denen er alles allein entschieden habe, was für die Zeit nach der Finanzkrise tatsächlich stimmt. Wie motivierend seine Analysten solche Aussagen finden, bleibt eine offene Frage.

          Zuletzt hatte Otte vor allem das, was man in der Börsenwelt als Timing-Problem bezeichnet: So hielt er lange an Aktien von Rohstoffkonzernen fest, als deren Kurse fielen, und verkaufte sie ausgerechnet, kurz bevor die Kurse wieder anzogen. „Das sieht alles recht sprunghaft und aktionistisch aus“, urteilt Morningstar-Analyst Ali Masarwah.

          Sowohl Otte als auch Müller inszenieren sich gerne als gelehrige Schüler des amerikanischen Star-Investors Warren Buffett. Wie ließe sich beim Publikum auch besser Eindruck erzeugen als dadurch, dass man sich einen der besten Anleger aller Zeiten zum Vorbild nimmt?

          Banale Erkenntnisse in die Praxis umsetzen

          Allzu sehr in die Tiefe gehen sie bei der Erläuterung ihrer Anlagestrategie aber beide nicht: „Gute Aktien sind Aktien von guten Unternehmen, die zu einem attraktiven Preis gekauft werden können“, ist so ein Satz, den beide gerne im Munde führen. Wer würde da nicht zustimmen? Niemand hat wohl etwas dagegen, die Aktie eines tollen Unternehmens günstig zu kaufen. Die Frage ist nur, wie man diese eigentlich recht banale Erkenntnis in die Praxis umsetzt.

          Dirk Müller versucht dies, in dem er auf der ganzen Welt nach Aktiengesellschaften Ausschau hält, die auch in schlechten Zeiten gute Gewinne machen. Dazu zählt er in Deutschland beispielsweise den Automobilzulieferer Bertrandt (ironischerweise besitzt der Fonds des einstigen „Mr. Dax“ überhaupt keine Dax-Aktien). Dank solcher Unternehmen schwanke sein Portfolio deutlich weniger, die Anleger könnten also besser schlafen.

          „Schrott läuft gut“

          Warum dann die aktuelle Delle? Müllers Erklärung geht so: „Zurzeit läuft Schrott gut an den Märkten, aber Schrott will ich nicht besitzen.“ Mit „Schrott“ meint er Bankaktien, die in der vergangenen Woche hinzugewannen. Müller ist ein Meister der einfachen Botschaften. Analyst Masarwah kann keinen wirklichen Haken an der Strategie entdecken, er nennt sie aber auch „reichlich unspektakulär“.

          Ein Punkt ist den Börsenpromis Müller und Otte ganz wichtig: Investoren sollten nicht kurzfristig auf die Entwicklung einzelner Monate oder Jahre schauen, sondern ihr Geld langfristig bei ihnen investieren – mindestens fünf bis zehn Jahre. Anleger müssen sich gut überlegen, ob sie sich dies wirklich so lange antun wollen.

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