An Osteuropa glauben derzeit nur wenige Anleger. Das bekommen besonders die Inhaber von Bankenaktien zu spüren. Zu Wochenbeginn verkauften Investoren scharenweise Anteilscheine der Erste Group, nachdem der Vorstand der Bank einen Verlust von rund einer Milliarde Euro für dieses Jahr angekündigt hatte. Grund dafür sind Sonderabschreibungen wegen der Staatsschuldenkrise und Firmenwertabschreibungen der Tochtergesellschaften in Ungarn und Rumänien.
Die Aktie verlor in diesem Umfeld um bis zu 18 Prozent im Kurs. Das hat zeitweise 1,3 Milliarden Euro an Börsenwert vernichtet und den Leitindex der Wiener Börse ATX stark belastet. Denn die Erste Group ist in dem zwanzig Werte umfassenden Index ein Schwergewicht mit einem Anteil von gut 16 Prozent. Der ATX gab am Montag bis zum Abend um 1,8 Prozent nach, während die Indizes an anderen Börsenplätzen in Europa teils deutlich zulegten.
Marktwert halbiert
Mit 6,5 Milliarden Euro ist der mehrheitlich in Streubesitz stehende Finanzdienstleister an der Börse jetzt weniger als die Hälfte seines Wertes im Juli wert. Das Dividendenpapier notierte am Montag mit Kursen zwischen 17 und rund 19 Euro. Von ihrem Allzeithoch von 61,5 Euro im April des Jahres 2007 ist sie meilenweit entfernt. Das führende Geldhaus Österreichs zählt zu den großen Kursverlierern im europäischen Banken-Sektor - neben Société Générale, UBI Banca, Raiffeisen, Commerzbank, Dexia, der griechischen National Bank und der portugiesischen Banco Comercial.
Noch in der Vorwoche hatte es mehrere Kaufempfehlungen für die Aktie der Erste Group gegeben. Analysten von Société Générale hoben die Einstufung von "Halten" auf "Kaufen", Exane BNP bestätigte die Einstufung "überdurchschnittlich" und ein Kursziel von 33 Euro. Macquarie blieb bei "überdurchschnittlich" und einem Kursziel von 28 Euro. Die Kursziel-Mittel aus Analysten-Schätzungen betrug am Montag früh 34,40 Euro. Doch die Ergebniswarnung, mit der der Vorstandssprecher der Erste Group, Andreas Treichl, am Montag die Anleger überrascht hat, dürfte die bisherigen Analysten-Prognosen in Frage stellen. Ungeachtet dessen geht Franz Hahn, Bankenanalyst im österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut, davon aus, dass die anderen österreichischen aber auch die größeren europäischen Banken den Schritt der Erste Group nachvollziehen und ihr Portfolio bereinigen werden müssen. Diesen Schritt hätte man schon früher machen müssen. Dass die Erste hier "vorgeprescht" sei, sei ihr zugutezuhalten.
Wachsende Unsicherheit
Ob ihr Konkurrent Raiffeisen Bank International (RBI) dies ebenfalls tut, ist noch unklar. RBI sah sich am Montag veranlasst, weiterhin einen Gewinn für das Jahr 2011 anzukündigen, nachdem der Titel im Sog der Erste Group ebenfalls stark unter Druck geraten war. Die RBI-Aktie fiel zwischenzeitlich um mehr als 13 Prozent auf gut 19 Euro. Der aktuelle Börsenwert der Raiffeisen Bank International - des Osteuropaarms der Raiffeisen Zentralbank (RZB) - beträgt rund 4 Milliarden Euro. Beide Institute gehören zu den führenden Geldgebern in Osteuropa.
Die Region zwischen Kiew und Prag ist zwar nach wie vor von einem enormen Aufholbedarf an Finanzdienstleistungen geprägt. Doch gibt es auch wachsende Unsicherheiten, und das Wachstum ist nicht mehr so vielversprechend wie noch in den Jahren bis 2008. Vor allem belastet die Finanzdienstleister ein im September im ungarischen Parlament verabschiedetes Fremdwährungsgesetz. Dies ermöglicht Kreditnehmern die Rückumwandlung ihrer Verbindlichkeiten zu einem künstlich fixierten, deutlich günstigeren Kurs. Den Verlust müssen die Banken tragen. Die Raiffeisen Bank International beziffert die Belastungen auf voraussichtlich 120 Millionen Euro.
Schwach kapitalisiert
Auf den ersten Blick haben Österreichs Banken die europäische Schuldenkrise bisher gut verkraftet. Allerdings dürfte eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands auch für österreichische Finanzinstitute empfindliche Auswirkungen haben. Denn die griechische Wirtschaft ist eng mit den angrenzenden osteuropäischen Ländern verflochten, wo die österreichischen Banken wiederum einen Großteil ihrer Gewinne erwirtschaften. Zudem sind die Geldhäuser noch immer schwach kapitalisiert. Ihre Kernkapitalquote lag Ende des vergangenen Jahres bei 10 Prozent. Das ist im Vergleich zu den Konkurrenten, die ebenfalls in Osteuropa tätig sind, relativ wenig.
Um entsprechend den neuen Erfordernissen ausreichend kapitalisiert zu sein, brauchen die österreichischen Banken nach Einschätzung der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) rund 14 Milliarden Euro neues Eigenkapital. Wie sich zeigt, sind die Risiken und Verwundbarkeiten in Osteuropa beträchtlich. Im Osten liegen die Wertberichtigungsquoten mit 6,6 Prozent doppelt so hoch wie im Österreich-Geschäft, in dem die Ertragslage schwach ausfällt. Das Ostgeschäft ist aber trotz der höheren Anteile an faulen Krediten ertragreicher als der margenarme Österreich-Markt. Der Höhepunkt an uneinbringlichen Krediten in den meisten Ländern der Region dürfte in diesem Jahr sein. Risikoscheue Anleger werden dennoch auf der Hut bleiben.
